Leidenschaft von Uwe Schüler

Wie Geldscheine Geschichte erzählen

Uwe Schülers Sammlung zur Geschichte der deutschen Währung ist umfangreich: Unter anderem enthält sie Exponate aus dem Ersten Weltkrieg (unten links) sowie das Gildegeld, das Wildeshausen zu Zeiten der Inflation drucken ließ (oben links). Fotos: Schneider
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Uwe Schülers Sammlung zur Geschichte der deutschen Währung ist umfangreich. Unter anderem enthält sie Exponate aus dem Ersten Weltkrieg (unten links) sowie das Gildegeld, das Wildeshausen zu Zeiten der Inflation drucken ließ (oben links).

Vossberg - Von Tanja Schneider. Die Geschichte des Geldes fasziniert Uwe Schüler. Seit mehr als 30 Jahren sammelt der Vossberger Münzen, Scheine und Dokumente - aus der Zeit von 1871 bis heute.

„Gold gab ich zur Wehr, Eisen nahm ich zur Ehr“, steht auf der Münze, die Uwe Schüler hervorholt. Auch auf Schmuckstücken wie Ringen findet sich dieser Spruch. Im Ersten Weltkrieg war er allgegenwärtig. „Um ihn zu finanzieren, waren die Bürger zunächst angehalten Anleihen zu erwerben - und als das nicht reichte, sollten sie dem Deutschen Reich ihr Gold zur Verfügung stellen“, weiß der Finanzmakler. Er sammelt alte Münzen, Scheine sowie Wertmarken und hat sich intensiv mit der Geschichte des Geldes befasst. Seit Jahren hält er Vorträge in Norddeutschland und nimmt seine Zuhörer dabei mit auf eine Zeitreise.

Diese beginnt in den meisten Fällen bei Otto von Bismarck - von 1871 bis 1890 erster Kanzler des Deutschen Reiches. Damals gab es mit der Goldmark nicht nur die erste einheitliche Währung. Auch die Anfänge des Sozialsystems gehen auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Invaliden- und Krankenversicherung wurden auf den Weg gebracht. Zudem begann der Staat, Steuern zu erheben.

Geht es um die deutsche Geschichte, wüssten viele Menschen über die Protagonisten oder wichtige Schlachten Bescheid, aber nicht, wie der Bürger aufgestellt war. „Das ist schade“, findet Schüler. In seinen Vorträgen verrät der 63-Jährige deshalb auch, wie die Einwohner früher versichert waren, ob sie eine Altersvorsorge hatten und wie sie ihre Häuser finanzierten. „So etwas wie den Grundbucheintrag gab es im Prinzip schon im preußischen Königreich“, sagt Schüler und holt eine Grundakte aus dem Jahr 1827 aus einem Koffer, in dem sich viele historische Schätze verbergen.

Die Inflation sorgte auch für Gildegeld

Einige von ihnen stammen von einem Dozenten, dem Schüler 1988 während eines Seminars lauschte. Sein Interesse war geweckt und wuchs, er hielt Kontakt und übernahm nach dessen Tod die Schriftstücke. Mit der Zeit baute der gebürtige Bremer die Sammlung aus. 

Vor allem auf Flohmärkten sowie bei Ebay wurde er fündig - ob Münzen, Postkarten oder alte Spardosen. Einen Großteil seiner Kostbarkeiten machen die Geldscheine aus, die heute keinen Wert mehr haben - und teilweise auch nie hatten. Denn viele stammen aus der Zeit der deutschen Inflation (1914 bis 1923).

Das Gildegeld, das Wildeshausen zu Zeiten der Inflation drucken ließ.

Noch vor dem Ersten Weltkrieg warb das Deutsche Reich für den Erwerb von festverzinslichen Wertpapieren. Damit sollten finanzielle Lücken gestopft werden. Die Bürger glaubten, ein gutes Geschäft zu machen. „Für diejenigen, die sich die Anleihen nicht leisten konnten, gab es die Sparpläne. Hier wurde monatlich ein geringer Betrag eingezahlt“, berichtet Schüler.

Aus den Sparplänen wurde nach Kriegsausbruch die Kriegssparkasse. Und da bewaffnete Konflikte teuer sind, ging es schließlich an das Gold der Bürger. „160 Millionen Mark sammelte der Staat auf diese Weise ein“, erzählt der Vossberger. Wer Gold gab, erhielt Eisen als Anerkennung zurück. Unzählige Münzen, Eheringe und andere Schmuckstücke flossen auf diese Weise in Waffen, Autobahnen und Co. „Da der Schuldner das Deutsche Reich war, glaubten viele, den Wert samt Zinsen zurückzuerhalten“, so Schüler. Ein Trugschluss. „Stattdessen verteilte der Staat dies hier“, sagt er und greift wieder in seinen Koffer. Zum Vorschein kommen Mehl- und Brotkarten - in diesem Fall für Kinder unter zwei Jahre.

Viele Dokumente wie die Brotkarten, Ringe aus Eisen oder Briefe, in denen Soldaten an der Front ihre Liebste zu Hause auffordern, weitere Kriegsanleihen zu zeichnen, hat der Vossberger von seinen Zuhörern erhalten. Die Fakten rund um die deutsche Währungsgeschichte kann er somit um persönliche Anekdoten ergänzen. 

Unter anderem enthält sie Exponate aus dem Ersten Weltkrieg.

Seine Vorträge passt er stets ans Publikum an. „Es macht natürlich einen Unterschied, ob ich in einer Schule, vor Pfandleihern oder in einem Seniorenheim referiere“, sagt er. Gerade bei Zeitzeugen sei Fingerspitzengefühl erforderlich. Denn der 63-Jährige spart auch die Zeit des Zweiten Weltkrieges nicht aus. „Dieser kostete wieder viel Geld - diesmal Reichsmark. Und da bei der Bevölkerung kaum mehr Gold zu holen war, gab es Spendenaktionen“, erzählt er. Zweieinhalb Millionen Mark seien an Groschen und Pfennigen zusammengekommen. „Dann sammelte der Staat auch Stoffe, Bücher und Schuhe ein.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es das Alliiertengeld, „das interessanterweise schon ab 1944 gedruckt wurde“, berichtet der 63-Jährige. Es folgten die Deutsche Mark und der Euro. Die meisten Schätze hat Schüler allerdings die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen beschert, als die Inflation dafür sorgte, dass Geld ohne Ende gedruckt wurde - erst nur vom Staat, dann auch von Städten sowie Gemeinden und schließlich sogar von Firmen. Letztere verteilten allerdings eher Gut- als Geldscheine, die sich gegen Pfannen und andere Gegenstände tauschen ließen. 

Ein Drei-Millionen-Mark-Schein von 1923: Damals war die Inflation auf dem Höchststand.

Der Staat brachte immer neue Banknoten mit höheren Werten heraus, stempelte die Beträge zuletzt nur noch über. Aus 1 000 wurde so schnell eine Million Mark. Die Scheine waren nichts mehr wert. „Deshalb gab es auch keine Banküberfälle“, meint Schüler. Viele Städte begannen, ihr eigenes Geld zu produzieren - auch Wildeshausen, wo es das Gildegeld gab. Dieses findet sich ebenso in Schülers Sammlung wie das Seidengeld aus Bielefeld oder das Ledergeld aus dem hessischen Offenbach. „Da die Bürger kein Vertrauen mehr ins Papier hatte, wurde Geld auf Materialien wie Leder oder Holz gedruckt“, erläutert der Vossberger. Diese Scheine bestechen durch ihre Individualität. Viele sind fast schon Kunstwerke. Und das, obwohl einige Exemplare nur eine Woche gültig waren oder lediglich an bestimmten Stellen eingelöst werden konnten, zum Beispiel das Hexengeld vom Brocken.

„Diese Zeit macht deutlich, dass der Wert des Geldes mit dem Glauben daran zusammenhängt. Eigentlich ist Geld nur bedrucktes Papier“, sagt Schüler. Doch auch heutzutage drehe sich fast alles um Geld und Rohstoffe. Wie damals die Mark fließe nun der Euro in Kriege. Weil diese aber nicht vor der Haustür sind, sei es vielen nicht bewusst. In seinen Vorträgen beleuchtet der Vossberger deshalb auch, wo das heutige Volksvermögen liegt und gibt Einblicke in die moderne Finanzwelt.

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