Wärme und Geborgenheit für Jugendliche 

Pädagogische Arbeit mit Steinköpfen und dicken Akten

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Bildhauer Hossein Razagi meißelt Porträts aus Dötlinger Findlingen. Er hofft, bald genug Objekte für eine neue Ausstellung zu haben.

Neerstedt - Von Phillip Petzold. Steinerne Augen starren aus jeder Ecke, eine nackte, füllige Frau sitzt mitten auf dem Rasen – Hossein Razagis Garten in Neerstedt quilt vor Skulpturen förmlich über. An der Dötlinger GartenKultour am 1. Mai wird der Künstler aber nicht teilnehmen. Dafür spannt ihn seine Arbeit momentan zu sehr ein. Razagis Familie nimmt Kinder und Jugendliche bei sich auf, die zu Hause nicht mehr klar kommen.

Auch bei seiner pädagogischen Arbeit setzt Razagi auf die Kunst. Auf das Wohnprojekt sind der gebürtige Iraner und seine Familie eher zufällig aufmerksam gemacht worden. Seitdem haben sie sechs Kinder und Jugendliche betreut. In Bremen wurde die Wohnung bald zu klein, sodass die Razagis in die Gemeinde umgesiedelt sind.  „Dötlingen hat gut gepasst“, findet Razagi. 

Aufs Land wollte er ohnehin und im Golddorf gibt es Kunst an jeder Ecke. Im Jahr nach dem Zuzug war der Bildhauer gleich bei der GartenKultour dabei. „Am 1. Mai werde ich meinen Garten aber nicht öffnen.“ Dafür habe er zu wenig neue Skulpturen – die Arbeit lasse ihm momentan kaum Zeit, um Hammer und Meißel anzusetzen. „Die Besucher erwarten aber immer etwas Neues“, so Razagi. Für seine Werke nutzt er unter anderem Gips, Papier und Holz – „alles, was handfest ist“.

„Es wurden viele Fehler gemacht“

Auch seine Schützlinge führt der Kunstpädagoge an das Gestalten heran und besucht mit ihnen Ausstellungen. Am wichtigsten sei aber die familiäre Wärme. „Bei diesen Kindern wurden viele Fehler gemacht“, berichtet der Vater zweier Kinder, der 1983 nach Deutschland gekommen ist. „Das Problem sind meist nicht die Jugendlichen selbst, sondern die Umgebung, aus der sie kommen.“ Schlechte Einflüsse, keine Geborgenheit sowie eine Kindheit ohne Regeln und feste Bindungen. Oft seien es die Fälle mit den „dicksten Akten“, denen sich Razagi und seine Familie annehmen. 

Die jungen Menschen hinter diesen Akten sind zwischen sechs und 18 Jahre alt und bleiben oft jahrelang bei den Razagis. Wann die Maßnahme beendet ist, entscheidet das Jugendamt. Die wichtigsten Pfeiler im Umgang mit den Schützlingen seien Harmonie und Wärme aber auch Regeln und Konsequenzen. „Bislang haben wir es immer geschafft, die Kinder gesellschaftsfähig zu machen“, erzählt Razagi. 

Dabei helfen neben seiner Frau auch seine Tochter und sein Sohn – ohne den Zusammenhalt der Familie ginge es auch gar nicht. „Wir müssen alle an einem Strang ziehen. Unsere Kinder machen mit und helfen beispielsweise bei den Schularbeiten.“ Mit den meisten seiner ehemaligen Zöglinge steht Razagi noch in Kontakt: „Bislang entwickeln sich alle rasch und gut weiter“, freut er sich.

In Bremen half der Künstler auch Gefängnisinsassen

Bevor seine Familie vor sechs Jahren nach Dötlingen kam, hat Razagi in Bremen über zwei Jahre hinweg mit Gefängnisinsassen und Schulverweigerern gearbeitet. „Die Häftlinge hatten mit Kunst nicht viel am Hut, wollten aber mitmachen, weil sie mit der Arbeit in der Bildhauerwerkstatt Geld verdienen konnten und in der Gruppe immer ein angenehmes Klima geherrscht hat“, berichtet Razagi. Nach und nach hätten sie dann immer mehr Freude an der Kunst entwickelt. „Viele haben das, was sie erarbeitet haben, an ihre Verwandten und Freunde verschenkt.“ 

Außerdem erlangten die Insassen durch den Umgang mit den Bildhauerwerkzeugen handwerkliche Fähigkeiten, die sie in der Zeit nach der Haft einsetzten. „Das konnten sie als Basis für die Zukunft nutzen“, so der 56-Jährige. Bei seiner Arbeit stellt sich Razagi auf die Menschen ein. So sei es für Süchtige im Methadon-Programm wichtig, einen festen Rhythmus zu haben – das nutzte Razagi und gab ihnen bei der Bearbeitung der Materialien eine feste Schlagfolge vor. „Die wollten dann gar keine Pause mehr machen.“ 

Die Probleme der Schulverweigerer versuchte Razagi zunächst mit Kunst und dann mit plastischen Methoden zu lösen. So veranschaulichte er die Bruchrechnung mit Tonklumpen und baute Zellmodelle. „Die Kinder fühlten sich abgehängt und sollten so wieder Lust auf die Schule bekommen“, erläutert Razagi.

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