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Aus dem Alltag eines Suchttherapeuten

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Von: Lara Terrasi

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Arbeitet seit 2017 in der Fachklinik Oldenburger Land: Andreas Rahn-Werneck.
Arbeitet seit 2017 in der Fachklinik Oldenburger Land: Andreas Rahn-Werneck. © Terrasi

Neerstedt – Sie sollen den Weg aus der Sucht schaffen, wieder ein normales Leben führen können und in den sozialen und beruflichen Alltag zurückkehren: Die Patienten, die die Fachklinik Oldenburger Land in Neerstedt besuchen. Andreas Rahn-Werneck arbeitet in der stationären Einrichtung als Sucht- und Gruppentherapeut und berichtet im Interview, wie er den Menschen bei diesem Schritt hilft und wie sein Arbeitsalltag aussieht.

Herr Rahn-Werneck, Sie arbeiten als Sucht- und Gruppentherapeut in der Fachklinik Oldenburger Land. Wie kann ich mir Ihren Alltag vorstellen?

Ein normaler Arbeitsalltag beginnt morgens mit der Übergabe im Team, wo Informationen zu Ereignissen des Vortags und der Nacht besprochen werden. Das können Behandlungsbedarfe, Krisen, Rückfälle oder auch Konflikte sein. Weiter besteht der Tag aus Therapiegruppen, Teamgesprächen, Fallbesprechungen und Einzeltherapien. Auch die Freizeitgestaltung wird hier unterstützt. Ein Teil der Arbeit besteht auch aus Dokumentationen sowie dem Verfassen von Anträgen und Berichten.

Gemalt wird in der Einrichtung auch.
Gemalt wird in der Einrichtung auch. © Terrasi

Wie laufen die Gruppentherapien ab?

In den Gruppentherapien werden Themen besprochen, wie Patientinnen und Patienten in die Abhängigkeit geraten sind, wie sie ihre Probleme bewältigen und ihre Perspektive neu und abstinent gestalten können. Dabei kommen beispielsweise therapeutische Methoden aus der Gesprächs-, Gestalt-, Schematherapie, Systemischen Therapie sowie anderen therapeutischen Schulen zum Einsatz. Die Themen entstehen im Therapiealltag. Es gibt zum Beispiel Fragen zur Sucht, Umgang mit Konflikten oder Beziehung, Reflexion der Ereignisse und Erarbeitung von Zielen. In weiteren, edukativen Gruppen werden Informationen zu Abhängigkeitserkrankungen, beruflicher Entwicklung, Hygiene oder auch Gesundheit vermittelt.

Wie oft finden diese statt?

Drei Mal pro Woche sind Gruppentherapien (jeweils 1,5 Stunden), immer montags- und dienstagsvormittags sowie donnerstagnachmittags. Dazu kommen vier edukative Gruppenangebote, die einmal wöchentlich stattfinden, und zwölf Einzelgespräche pro Woche.

Wie viele Personen sind bei Ihnen in der Gruppentherapie?

Es sind zwölf Patienten in der Gruppe, zwei Frauen und zehn Männer.

Im Garten bauen die Patienten ihr eigenes Gemüse an.
Im Garten bauen die Patienten ihr eigenes Gemüse an. © Terrasi

Was für Drogenprobleme haben die meisten der Patienten?

Unsere Patientinnen und Patienten sind zum großen Teil alkoholabhängig, aber einige haben auch Drogen wie zum Beispiel Cannabis, Kokain, Amphetamine, Ecstasy oder Ähnliches genommen. Medikamentenabhängigkeit und Spielsucht kommen auch vor, sind aber seltener.

Sind mehr Männer oder Frauen in Therapie?

Die Männer sind in der Überzahl, der Anteil an Frauen schwankt. Aktuell sind von 34 Patienten fünf Frauen.

Wie erfolgt ein Entzug?

Der Entzug erfolgt in einer Entgiftungsstation, meistens in psychiatrischen Krankenhäusern. Dieser dauert in der Regel zwischen einer und drei Wochen. Der Entzug, also die Entgiftung des Körpers, ist der erste Schritt. Danach folgt eine Entwöhnungsbehandlung bei uns.

Über welchen Zeitraum behandeln Sie die Suchtkranken?

Unser Konzept ist auf eine Dauer von zwölf Wochen ausgelegt. Abhängig von der Form der Sucht kann diese auch länger dauern, bei Drogenabhängigkeit bis zu 26 Wochen.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie aus Ihrer Sicht auf Suchtkranke?

Der Anteil der Patientinnen und Patienten, die aufgrund von Corona tiefer in die Abhängigkeit geraten sind, ist aus meiner Sicht spürbar gestiegen. Fehlende Tagesstruktur wegen Kurzarbeit oder Schließung der Arbeitsstätte, Langeweile, Depressionen, Angst und andere Faktoren führen zu höherem Suchtmittelmissbrauch und begünstigen die Entstehung von Abhängigkeitserkrankungen.

Können Sie abends nach Feierabend gut abschalten oder beschäftigt Sie Ihre Arbeit?

Meine Arbeit ist berührend und beschäftigt mich manchmal auch abends, da es sich um Biografien handelt, die meiner Ansicht nach niemanden kaltlassen würden. Aber ich kann das auch von meinem Privatleben trennen und nach Feierabend abschalten.

In der Werkstatt dürfen die Patienten kreativ werden.
In der Werkstatt dürfen die Patienten kreativ werden. © terrasi

Wie helfen Sie den Patienten, von ihrer Sucht loszukommen?

Es gibt keinen „Königsweg“, der für alle funktioniert. Wir geben einen sicheren und abstinenten Ort, Halt, Raum für Gefühle, Feedbacks, Reflexionen und arbeiten lösungsorientiert. Die Basis dafür sind die Therapieziele.

Was für Suchten werden in der Klinik behandelt?

Alle stoffgebundenen Süchte wie zum Beispiel Alkohol, Cannabis, Amphetamine, oder Medikamente, aber auch stoffungebundene wie Spielsucht.

Die Fachklinik Oldenburger Land 

Die Fachklinik Oldenburger Land ist eine Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigungen und Abhängigkeitserkrankungen. Sie verfügt über 48 stationäre Behandlungsplätze. Es werden suchtkranke Frauen und Männer ab 18 Jahren behandelt. Während der Entwöhnungsbehandlung werden therapeutische Veranstaltungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten angeboten. Der Hauptaspekt ist die Psychotherapie. Neben dem psychologischen Bereich gibt es aber weitere therapeutische Angebote wie die Arbeitstherapie (Gärtnerei/Landwirtschaft, Holz/Metall/Haustechnik, Hauswirtschaft), die Beschäftigungstherapie (kreatives Gestalten) sowie die Sport- und Ergotherapie. Dazu gehören unter anderem Krankengymnastik oder Massagen. Ziel sei es, dass die Patienten eine Tagesstruktur haben, erklärt Andreas Rahn-Werneck. „Jeder braucht eine Tagesstruktur. Die Patienten sind oft schwer belastet.“ In welchem dieser Bereiche ein Patient tätig wird, hängt von seinen gesundheitlichen Voraussetzungen und Interessen sowie von den erforderlichen Arbeitsabläufen in der Klinik ab, ist der Internetseite der Klinik zu entnehmen.

Zur Person 

Andreas Rahn-Werneck ist 49 Jahre alt und wohnt in Bremen. Er hat Sozialpädagogik in Hamburg studiert und eine Weiterbildung zum Suchttherapeuten absolviert, die er 2013 beendet hat. Dies hat er berufsbegleitend gemacht und war damals in der Bremer Drogenhilfe beschäftigt. Weitere Zusatzqualifikationen hat er als Traumatherapeut und Supervisor. Rahn-Werneck arbeitet seit 2017 in der Fachklinik Oldenburger Land. 

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