Experte und Mikrobiologe Dr. Gunter Schlechte sieht Zusammenhang/Gut 140 Interessierte hören Vortrag in Dötlingen

Reetdachsterben durch Agraremissionen?

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Freuten sich über die große Resonanz auf den Vortrag: Bente Juhl vom Monumentendienst, Stefan Effenberger und Peter Nieslony vom Landkreis Oldenburg, Bürgermeister Ralf Spille, Referent Professor Dr. Gunter Schlechte sowie Martin Schiebe und Kerstin Stölken vom Monumentendienst (v.l.).

Dötlingen - Von Tanja Schneider. Auf eine riesengroße Resonanz ist am Mittwochabend der vom Monumentendienst in Kooperation mit dem Landkreis Oldenburg sowie der Dötlingen Stiftung und dem Bürger- und Heimatverein organisierte Vortrag zum Thema „Reetdächer“ gestoßen. Gut 140 Interessierte strömten in den Schützenhof „Unter den Linden“, so dass freie Stühle schnell Mangelware wurden. Als Referent war mit Professor Dr. Gunter Schlechte der bekannteste Reetdachexperte Deutschlands zu Gast, der die Ursachen der verringerten Lebensdauer von Schilfdächern aus wissenschaftlicher Sicht erläuterte.

Als Kern allen Übels bezeichnete er hochaktive Braun- und Weißfäulepilze, die vermehrt für eine frühzeitige Verrottung des Reets sorgen, sich quasi von ihm ernähren. Erste Auffälligkeiten seien bereits vor knapp 20 Jahren in den Niederlanden aufgetreten, seit 2004/2005 stiegen auch in Deutschland die Meldungen über eine verringerte Dauerhaftigkeit des sonst so widerstandsfähigen Materials an. „Reet ist ein fantastischer Baustoff, der Jahrhunderte lang gut lief und zu dem es bis zum Mittelalter gar keine Alternative gab“, sagte Schlechte. Je nach Standort des Daches, Qualität des Schilfrohrs und der handwerklichen Ausführung sei eine Haltbarkeit von bis zu 50 Jahren möglich – unter anderem auch, weil Reet wegen seines geringen Stickstoffgehalts mikrobielle Aktivität nicht fördert. Umso überraschter hätten sich Dachdecker, Sachverständige und weitere Experten über das Auftreten der Erreger gezeigt, von denen inzwischen fast 50 bekannt sind.

„Die Braun- und Weißfäulepilze sind eigentlich Holzzersetzer. Da stellt sich die Frage, wie sie aufs Reet kommen“, so Schlechte. Genau diesem Ansatz ging in Niedersachsen auch eine Forschungs-AG nach, deren Mitglieder sich eine Vielzahl an Dächern anschauten und unzählige Daten sammelten. Das Ergebnis: An betroffenen Dächern war der Stickstoffgehalt gestiegen, oft schon wenige Jahre nach der Eindeckung. Die Erreger hatten so freie Bahn, konnten sich ansiedeln und ausbreiten. „Wir haben daraufhin nach einem gemeinsamen Faktor gesucht und festgestellt, dass sich alle Reetdächer mit erhöhtem Strickstoffgehalt weniger als 500 Meter entfernt von einer starken Ammoniakquelle befinden“, berichtete der Mikrobiologe. Hauptverursacher der Ammoniak-Emissionen hierzulande sei mit 95 Prozent die Landwirtschaft, insbesondere die Tierhaltung. Um Abhilfe zu schaffen, seien nun die politischen Entscheidungsträger gefragt, meinte Schlechte.

Der Reetdachbesitzer selbst könne mit einer qualifizierten Materialprüfung nur vorbeugen. Zudem sollte er bei ersten Anzeichen schnell handeln. Denn hat sich ein Pilz erst einmal großflächig ausgebreitet, bleibe fast nur die Neueindeckung. „Von Stopfaktionen, gerade bei älteren Dächern, sollte man absehen. Der Erreger greift dann aufs neu eingebrachte Reet über“, so Schlechte, der wie Peter Nieslony und Stefan Effenberger vom Landkreis im Anschluss noch für Fragen der vielen Reetdachbesitzer zur Verfügung stand.

Wie auch die Gemeinde Dötlingen verfügt der Landkreis Oldenburg übrigens über einen „Reetdach-Fördertopf“. Einzelne Maßnahmen können so mit einer Summe von bis zu 5000 Euro bezuschusst werden“, informierte Denkmalpfleger Effenberger. Der Kreis wolle so zum Erhalt des Kulturgutes beitragen. Weitere Informationen über Fördermöglichkeiten erteilt er unter der Telefonnummer 04431/ 85386.

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