Ein Film, der „Blut und Boden“ feiert

1933 beginnen Dreharbeiten zu NS-Film „Das alte Recht“ im Oldenburger Land

Das Leben der deutschen Bauern und ihre Rechte sind das zentrale Thema des Films, der das im Juni 1933 erlassene „Gesetz zur Regelung der landwirtschaftlichen Schuldverhältnisse“ und das Reichserbhofgesetz bekannter machen sollte. Das Bild stammt aus einem achtseitigen Originalprogramm von 1934. Repro: „Filmkurier“, 1934
+
Das Leben der deutschen Bauern und ihre Rechte sind das zentrale Thema des Films, der das im Juni 1933 erlassene „Gesetz zur Regelung der landwirtschaftlichen Schuldverhältnisse“ und das Reichserbhofgesetz bekannter machen sollte. Das Bild stammt aus einem achtseitigen Originalprogramm von 1934. Repro: „Filmkurier“, 1934

Wenige Monate nach der Machtergreifung Adolf Hitlers im Januar 1933 beginnen im Oldenburger Land Dreharbeiten zu dem NS-Film „Das alte Recht“. Beteiligt sind neben Schauspielern, die später in hochkarätigen Propagandafilmen auftreten, auch Mitglieder des „Ollnborger Kring“ und Dötlinger.

Dötlingen – Es ist die Zeit, in der die „Filmwelt“ bereits die meisten ihrer Antworten auf Leserzuschriften mit der Floskel „Mit deutschem Gruß“ beendet: April 1934. Im Januar desselben Jahres ist ein Film in die deutschen Kinos gekommen, der im Oldenburger Land und dem späteren Gaumusterdorf Dötlingen spielt und das Leben der Bauern in den Fokus rückt: „Das alte Recht“ von Regisseur Igo Martin-Andersen.

Der gebürtige Augsburger und ausgebildete Filmdramaturg wählte die Drehorte für seinen ersten Spielfilm bewusst. Die Region sei „ein Gebiet von seltener Schönheit und großen Reizen“, heißt es im April 1934 im Magazin „Filmwelt“. „Das Wissen um diesen ungehobenen Schatz deutscher Heimatschönheit zu vermehren, das war die Absicht, die der Herstellung dieses Films zugrunde lag.“ Verbundenheit mit der Scholle, ein Blick in die Volksseele, alte deutsche Tradition – das sind die Motive, mit denen „Das alte Recht“ arbeitet.

Film soll NS-Gesetze propagieren

Zugleich spielt der Konflikt zwischen Alt und Neu, Recht und gefühlter Gerechtigkeit eine wichtige Rolle. Die Vorgaben der nationalsozialistischen Obrigkeit waren klar: Durch die Anknüpfung an zeithistorische Ereignisse, den Erlass des „Gesetzes zur Regelung der landwirtschaftlichen Schuldverhältnisse“ vom 1. Juni 1933 sowie des Reichserbhofgesetzes vom 29. September 1933, sollte der Erfolg der Produktion an der Kinokasse gesichert werden. Die Gesetze eröffneten verschuldeten Betriebseignern die Möglichkeit, ein offizielles Entschuldungsverfahren bei Gericht zu beantragen und damit der Zwangsvollstreckung sowie dem Verlust ihres Hofs zu entgehen. Das Gesetz und der Film dienten eindeutig „als Konkretisierung der Blut-und-Boden-Ideologie“ der Nazis, analysieren Ralf Forster und Volker Petzold in ihrem Buch „Im Schatten der DEFA“. Diese spielte vor allem zu Beginn des Nationalsozialismus eine große Rolle.

Die Geschichte ist simpel: Nach dem Tod seines Bruders wird der junge Seemann Georg Ruseler von seinem Vater Johann nach Hause beordert, um ihm mit dem Hof zu helfen. Bei einem Unglück auf See rettet ihm zuvor die junge Bayerin Resl Waldbaur das Leben und begleitet ihn. Der Hof ist stark verschuldet, eine Zwangsvollstreckung wohl nicht zu vermeiden. Ruselers lehnen eine mögliche Rettung durch Heirat mit der unbeliebten Großbauerntochter Gesine jedoch ab. In seiner Verzweiflung zündet Bauer Johann eine Scheune an. Noch in derselben Nacht rettet dann die Nachricht vom neuen Entschuldungsgesetz Familie und Hof.

Bei der Premiere am 27. Januar 1934 in den Oldenburger „Wall-Lichtspielen“ lobte Carl Röver, Reichsstatthalter und Gauleiter von Bremen und dem früheren Freistaat Oldenburg sowie Förderer der Produktion, laut „Film-Kurier“ den „Geist der unlösbaren Verbundenheit von Blut und Boden, der so eindringlich aus dem Film spricht“. Allerdings waren die Kritiken zu dem Film gemischt. Während die Oldenburger „Nachrichten für Stadt und Land“ eher allgemein lobten, „Filme dieser Art leisten Aufbauarbeit für den Nationalsozialismus“, kritisierte der „Film-Kurier“, die Regie sei „ohne Linie“, der „bäuerliche Heroismus“ sei „im Kleinspiel verschüttet“ worden und die beiden männlichen Hauptdarsteller füllten ihre Rolle nicht authentisch aus. Für Martin-Andersen war es der erste und letzte Spielfilm, den er während der NS-Zeit drehte.

Beginn einiger NS-Filmkarrieren

Für einige seiner Darsteller hingegen war „Das alte Recht“ der Auftakt zu einer NS-Filmkarriere. Edit Linn (Resl Waldbaur) arbeitete in den 1930er-Jahren mit Regisseur Veit Harlan zusammen. Harlan bekannte sich bereits 1933 öffentlich zum Nationalsozialismus und drehte 1940 den bekannten antisemitischen Propagandafilm „Jud Süß“. In diesem war auch Bernhard Goetzke (Johann Ruseler) zu sehen. Er spielte in weiteren, von den Nationalsozialisten hochgeschätzten, Filmen mit. Auch Komponist Wolfgang Zeller wirkte an „Jud Süß“ mit.

„Wir treffen viele gute Bekannte in unserem Heimatfilm“, stellen die Oldenburger „Nachrichten“ nach der Premiere fest. Fritz Hoopts (Kapitän Freese), Agnes Diers (Gesine) und Hans Rastede (Sohn Tjark Freese) waren zuvor als Laienschauspieler der Niederdeutschen Bühne Oldenburg – hervorgegangen aus der Speelkoppel des „Ollnburger Kring“, ab 1939 August-Hinrichs-Bühne – aktiv. Eine Zeile des Dichters Hinrichs, in der „Heimat als schicksalhafte Verbundenheit mit der Erde“ umschrieben wird, ist dem Film sogar vorangestellt.

Bernhard Goetzke war als Stummfilmschauspieler berühmt geworden. Er trat in den antisemitischen Filmen „Jud Süß“ und „Der große König“ auf. Repro: „Filmwelt“, 1934

Hoopts, damals Vorsitzender des „Ollnburger Kring“, war neben seiner Bühnenkarriere an Filmen aus dem traditionell-niederdeutschen Milieu beteiligt. Dazu gehörten sowohl Historien- als auch propagandistische Filme, berichtet Stefan Meyer vom Verband „Oldenburgische Landschaft“. Hoopts und Rastedes „markante Köpfe“ hätten einen „bildhaften Eindruck“ hinterlassen, lobt die „Berliner Film-Kritik“. Agnes Diers, der die „Nachrichten“ eine größere Rolle gewünscht hätten, war laut Meyer über viele Jahrzehnte „eine bekannte und beliebte Schauspielerin der August-Hinrichs-Bühne“.

Zudem wirkten Statisten aus Dötlingen an „Das alte Recht“ mit. Genau zu erkennen sei jedoch niemand, erklärt Heimatforscher Karsten Grashorn, der den Film 2010 im Dorf zeigte. Das liege vor allem an der Qualität der Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Tatsächlich ist es schwer, bei den Massenszenen bei Tanz oder Pferderennen Gesichter zu identifizieren. Die Höfe der Familien Tabken, Meyer und Grashorn, die Dötlinger Kirche und die Dorfeiche hingegen sind deutlich zu sehen.

Auch wenn „Das alte Recht“ gedreht worden ist, bevor Joseph Goebbels 1941 kundtat, die beste Propaganda sei jene, „die sozusagen unsichtbar wirkt“, funktioniert der Martin-Andersen-Film genau so. Die bayerische Resl und der norddeutsche Johann, die sich nach einem Streit die Hand für das gemeinsame Vaterland reichen, die Wiederherstellung des „alten Rechts“ der Bauern durch ein NS-Gesetz: Diese Szenen zeigen mehr oder weniger subtil, wie in jener Zeit gedacht werden soll. Erst am Ende sind Parteifunktionäre – mutmaßlich auch Röver – zu sehen, die die neue Gesetzgebung loben. „Sie sind heute wieder ein freier Mann auf freier Scholle“, bekommt Bauer Ruseler zu hören.

Es war eine trügerische Freiheit, die der Nationalsozialismus nicht nur den Bauern brachte. Nach Kriegsende wurde die Aufführung des Films in Deutschland von der alliierten Militärregierung verboten.

Kriegsende vor 76 Jahren

Am 8. Mai 1945 wurde der Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation der Wehrmacht für beendet erklärt. Die Wildeshauser Zeitung nimmt dies zum Anlass, um über den im Oldenburger Land und in Dötlingen gedrehten NS-Film „Das alte Recht“ zu berichten.

Die Personen

Igo Martin-Andersen (Regie, Drehbuch, Schnitt), drehte während der NS-Zeit neben „Das alte Recht“ keinen weiteren Film. Von 1952 bis 1978 war er in der DDR als Dokumentarfilmer tätig.

Georg Krause (Kamera), war an den von der Luftwaffe geförderten NS-Propagandafilmen „D III 88“ (1939) und „Kampfgeschwader Lützow“ (1940/41) beteiligt. Er erhielt 1982 den Deutschen Filmpreis, das „Filmband in Gold für langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film“.

Wolfgang Zeller (Musik), war seit 1926 als Filmkomponist tätig. Er schrieb die Musik zu dem NS-Propagandafilm „Jud Süß“ (1940) von Veit Harlan, der sich bereits 1933 öffentlich zum Nationalsozialismus bekannte und später einer der von NS-Propagandaministerium bevorzugten Regisseure wurde.

Bernhard Goetzke (Darsteller), einer der bekanntesten deutschen Stummfilmschauspieler, trat in Harlans antisemitischem Film „Jud Süß“ (1940) und dessen propagandistischem Werk „Der große König“ (1940-42), das das höchste Prädikat „Film der Nation“ erhielt, auf. Er war zudem in „Münchhausen“ (1943) zu sehen, einem der erfolgreichsten Filme während der NS-Zeit.

Fritz Hoopts (Darsteller), war im „Ollnborger Kring“ sowie der Niederdeutschen Bühne Oldenburg aktiv. Er wirkte später unter anderem an dem Harlan-Film „Kolberg“ (1943/44) und dem NS-Jugendfilm „Junge Adler“ (1944) mit, die dazu dienen sollten, den Durchhaltewillen der Deutschen zu stärken. Er war auch in einer Nebenrolle in „Kameraden“ (1941) zu sehen, einem Film, der zur „Schulung des nationalpolitischen Geschichtsbewusstseins“ gedreht wurde.

Hans Kettler (Darsteller), begann seine Filmkarriere mit „Das alte Recht“ und spielte unter anderem im Kriegspropagandafilm „Spähtrupp Hallgarten“ (1940) mit. Er war nach Ende der NS-Zeit nur noch an einem weiteren Dreh beteiligt.

Edit Linn (Darstellerin), wirkte in zwei Filmen von Harlan mit: „Stradivari“ (1935) und „Die Kreutzersonate“ (1936/37).

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Was bei einem Kaiserschnitt auf Frauen zukommt

Was bei einem Kaiserschnitt auf Frauen zukommt

Meistgelesene Artikel

Senioren-WG in Bruchhausen-Vilsen: Amtshof findet neue Besitzer

Senioren-WG in Bruchhausen-Vilsen: Amtshof findet neue Besitzer

Senioren-WG in Bruchhausen-Vilsen: Amtshof findet neue Besitzer
50-jähriger Harpstedter muss in Haft

50-jähriger Harpstedter muss in Haft

50-jähriger Harpstedter muss in Haft
Sonderimpfaktion am Wochenende in Wildeshausen

Sonderimpfaktion am Wochenende in Wildeshausen

Sonderimpfaktion am Wochenende in Wildeshausen
Polizei Wildeshausen kann Zellen in neuer Wache nicht abschließen

Polizei Wildeshausen kann Zellen in neuer Wache nicht abschließen

Polizei Wildeshausen kann Zellen in neuer Wache nicht abschließen

Kommentare