Ein Jahr Corona in Dötlingen

Bürgermeister Spille: „Jetzt hat es auch bei uns eingeschlagen“

Porträt eines Mannes im Anzug mit Krawatte
+
Ein Jahr Krisenmanagement liegt hinter Dötlingens Bürgermeister Ralf Spille. Die dritte Welle, glaubt er, wird die Menschen besonders hart treffen.

Die Gemeinde Dötlingen war die letzte im Landkreis Oldenburg, in der das Coronavirus ankam. Am 31. März 2020, heute vor einem Jahr, wurde dort der erste Fall registriert. Bürgermeister Ralf Spille erinnert sich zurück und berichtet, was die Pandemie vor Ort verändert hat.

Neerstedt – Vor einem Jahr war noch nicht klar, dass sich das „neuartige Coronavirus“, wie es damals häufig beschrieben wurde, zu einer weltweiten Krise entwickeln würde. Inzwischen sind Shutdown, digitale Sitzungen und immer wieder Schließungen von Betreuungseinrichtungen auch in der Gemeinde Dötlingen zum Alltag geworden. Im Interview spricht Bürgermeister Ralf Spille über das vergangene Jahr und den Umgang mit Corona.

Vor einem Jahr wurde der erste Corona-Fall in Dötlingen gemeldet. Wie erinnern Sie sich daran? Was haben sie damals gedacht?

Ich hatte erst nur mitgekriegt, dass es um eine Person ging. Zumindest hörte ich das in zwei, drei E-Mails, die ich bekam. Wir haben zu der Zeit auch noch gar nichts an Informationen seitens des Landkreises gekriegt, außer eben das, was dann auch in der Zeitung gestanden hat. Natürlich, da fängst du an zu grübeln und denkst: ,Oh Gott, jetzt hat es auch bei uns eingeschlagen. Was kommt jetzt, was wird jetzt?‘ Auf der anderen Seite: Man war ja schon seit 14 Tagen im Shutdown, das Rathaus war zu, wir waren im Schichtbetrieb. Von daher war man irgendwie darauf gefasst, dass es kommen musste. Das geht ja nicht an uns vorbei.

Was haben Sie im März 2020 erwartet für die kommenden Monate?

Ich glaube, das, was alle gedacht haben. Jeder war so auf der Schiene unterwegs: Wird wohl nicht so schlimm werden, wird sich auch auslaufen. Das ist ja dann letztendlich erst einmal auch so gewesen. Über den Sommer waren wir auf einem Level, wo das eine oder andere wieder möglich war. Aber meine Frau hat im Sommer schon gesagt: Glaub mal nicht, dass das durch ist. Die nächste Welle wird mit Sicherheit kommen. Und die kam dann auch. Über Weihnachten war ja vor allem der private Bereich das Problem.

Aber das ging vielleicht alles noch. Ich glaube jetzt, mit dieser nächsten Welle, der dritten, die ja auch alle vorausgesagt haben, an die aber keiner mehr so richtig glauben wollte, das zehrt. Die Leute nehmen die Sache auch vielleicht nicht mehr so ernst. Das ist hier nicht anders als überall sonst.

Wie hat Corona die Arbeit der Verwaltung im Rathaus verändert?

Es ist erstaunlich, wie es geht. Wir hatten im Sozialamt schon mal in dem Bereich, in dem sonst Laufkundschaft war, auch Termine gemacht – einfach, um das ein bisschen zu kanalisieren, das hatte noch nichts mit Corona zu tun. Das war schon ganz gut. Und wenn ich das jetzt sehe: Klar, wir lassen die Leute rein. Formal ist das Rathaus geschlossen, aber man muss sich halt melden, und dann kann man ja auch rein – es sei denn, dass man sein Anliegen auch per Telefon oder E-Mail erledigen kann. Ich glaube, da halten sich auch alle ganz gut dran. Der Hauptpart ist das Einwohnermeldeamt.

Und wie sieht es in den anderen Arbeitsbereichen aus oder wenn es zum Beispiel um interne Absprachen geht?

In den beiden Phasen, in denen wir den Schichtbetrieb gemacht haben, als also eine Hälfte der Leute im Rathaus war und die andere zuhause und am anderen Tag umgekehrt, da ging dann schon ein bisschen was verloren. Diese kurzen Dinge, wo du mal eben hingehst und was fragen willst. Wenn du das dann von zuhause per Telefon machst, da siehst du ja gar nicht: Mein Ansprechpartner ist nicht da. Das ist dann schwieriger. Klar, dann kannst du eine E-Mail schicken, da kann er dann irgendwann drauf antworten. Das ist das, wo es ein bisschen hakt. Aber es geht alles.

Was super geklappt hat, war die technische Verbindung nach Hause. Da waren wir ja nicht drauf vorbereitet. Die Schwierigkeit, die wir eher haben, ist: Es ist lange nicht alles digitalisiert. Du kannst zwar auf E-Mails zugreifen, das klappt alles gut. Aber jemand, der mit Akten arbeitet oder im Bauamt sitzt, muss sich dann so organisieren, dass er, wenn er zuhause sitzt, auch Arbeit hat.

Rein geht es für Bürger nur mit Termin: Der Alltag im Rathaus hat sich durch die Pandemie verändert.

Wie läuft es mit den Absprachen mit den anderen Bürgermeistern und dem Landkreis?

Der Kontakt ist deutlich enger geworden. Sonst treffen wir uns vierteljährlich. Aber bei Corona ist ja der Landkreis federführend. Und wenn dann Informationen kommen, ist es natürlich einfacher, wenn er die in einer gemeinsamen Runde mitteilt, und dann auch die Infos von uns mitkriegt. Wir treffen uns inzwischen jeden Mittwochmittag zu einer Telefon- oder Videokonferenz. Das funktioniert sehr gut. Da können Dinge auch kurz abgestimmt werden.

Hat der Austausch auf der politischen Ebene innerhalb der Gemeinde gelitten? Es sind ja einige Sitzungen ausgefallen.

Das ist sicherlich so gewesen. Es sind aber keine Themen weggefallen dadurch. Themen sind vielleicht ein bisschen geschoben worden. Wir haben versucht, möglichst lange an den Präsenzsitzungen festzuhalten, was auch immer noch möglich ist nach den Verordnungen. Nur dann kommt ja ein Druck von außen, der sagt, ne, Leute – und von innen auch. Wir haben auch relativ wenige Umlaufverfahren gemacht. Wir haben alle Haushaltsberatungen durchgekriegt. Da war ich heilfroh, dass wir unsere Ratssitzung am 17. Dezember noch gemacht haben. Aber da haben wir dann alle gemerkt: So geht es auf Dauer nicht. Und dann haben wir erst einmal gesagt: Wir machen das in dieser hybriden Form.

Was vielleicht so ein bisschen gelitten hat – nicht bewusst, aber unbewusst – ist die Information von uns aus der Verwaltung. Wir haben keinen Verwaltungsausschuss im Januar gehabt, da gab es wirklich keine Termine, und im Februar gab es eigentlich auch keine Themen. Die Information, die sonst dort an die Mitglieder rausgeht durch meinen Bericht, die hat gelitten. Ich hab dann im Februar einen Bericht gemacht. Aber dann kommt dann doch manchmal: ,Haben wir gar nicht gewusst‘.

Wenn du den Druck hast: ,Jetzt ist eine Sitzung, da musst du einen Bericht machen‘, dann fallen dir viele Dinge ein, die du so im Normalfall nicht rausgejagt hättest. Das ist so ein bisschen die Schwierigkeit, die da entstanden ist. Aber ich glaube, es ist schon relativ normal alles weitergegangen. Nach dem Dampf, den wir am Anfang hatten, da sind auch wirklich Sitzungen ausgefallen. Die haben wir dann aber aufgeholt über den Sommer und Herbst.

Immer wieder ist in der Coronakrise Solidarität ein Thema. Auch die Gemeinde hat ja ein paar Aktionen angestoßen. Wie ist Ihr Eindruck: Kümmern sich die Leute jetzt mehr umeinander?

Wir haben am Anfang der Krise eine Gruppe von Leuten zusammengestellt, die gesagt haben: Klar, für Oma und Opa kaufen wir ein. Aber da war keiner, der das nachgefragt hat. Also muss sich das irgendwie selbst organisiert haben. Massenanfälle von Corona-Infektionen haben wir ja auch nicht gehabt.

Dann hatten wir noch über ,Wi helpt di‘ zu den Impfungen auch Angebote geschaltet und informiert. Da gab es die ein oder andere Nachfrage, und für etwa zehn Leute haben wir die Termine gemacht. Dann gab es noch die Idee mit ,Wi helpt di‘ und der Briefaktion. Das haben wir dann verteilt und gemacht und ich glaube, das ist auch ganz gut angekommen.

Aber ich muss ganz ehrlich sagen: Man hat keinen Kontakt zu den Leuten. Ich kann ja nicht mal sagen, wie es denen geht. Ich komme seit über einem Jahr nicht mehr raus zu den über 90- und 80-Jährigen zum Geburtstag. Und es finden keine Versammlungen statt. Ich glaube aber, die Leute haben sich damit so ein bisschen zurechtgeruckelt.

Es ist in der Pandemie sehr viel über die Situation älterer Menschen gesprochen worden, dabei haben auch Jüngere große Probleme. Sehen Sie da einen möglichen Konflikt zwischen den Generationen?

Das mag sicherlich sein, aber es ist nicht so, dass das hier so massiv aufgetaucht ist. Was ich schon mitkriege, ist die Lage im Bereich Kindergarten und Krippe. Da trifft es uns als Gemeinde ja am allerstärksten. Die Kindergärtnerinnen und die Leiterinnen tun mir manchmal wirklich leid, die müssen sehr viel abfangen. Ich kann das von den Eltern teilweise auch verstehen. Da tauchen natürlich Probleme auf.

Neulich sprach ich mit jemandem am Telefon, die sagte: Ich bin am Rande all dessen. Ich habe keinen Urlaub mehr, ich weiß wirklich nicht mehr, wie ich klarkommen soll, wenn ich die Kinder nicht mehr in die Schule respektive in den Kindergarten geben kann. Das ist wirklich schwierig, das immer noch zu organisieren. Bei der letzten Notbetreuung, die bis Ende März lief, waren zum Schluss die erlaubten 50 Prozent Auslastung auch in etwa erreicht.

Worin sehen Sie als Bürgermeister derzeit Ihre größte Aufgabe?

Den Laden am Laufen zu halten, die Kindergärten bei Laune zu halten, das ist so meine Hauptaktivität. Und zu versuchen, möglichst zeitnah, möglichst klar – was natürlich manchmal äußerst schwierig ist, weil morgen nicht mehr gilt, was heute gesagt wird – die Informationen so rüberzubringen, damit insbesondere die Eltern entsprechend informiert werden können. Ich glaube, das ist der Hauptpunkt. Alles andere in Bezug auf Corona liegt ja beim Landkreis. Unsere Zahlen sind einigermaßen überschaubar. Und helfen können wir auch nicht. Wir können nur animieren und sagen: Haltet euch an die Regeln. Aber wenn das nicht passiert, habe ich wenig Möglichkeiten.

Zur Person

Ralf Spille (65) ist seit 2014 Bürgermeister der Gemeinde Dötlingen. Er hat vor knapp einem Jahr verkündet, aus Altersgründen im September nicht erneut für das Amt zu kandidieren. Der Haidhäuser war 1981 erstmals in den Dötlinger Gemeinderat gewählt worden.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Tipps für Erdbeeren auf dem Balkon und im Beet

Tipps für Erdbeeren auf dem Balkon und im Beet

Perfekt für den Frühling: Weinpaket „Grün, Grüner, Veltliner“

Perfekt für den Frühling: Weinpaket „Grün, Grüner, Veltliner“

Trotz großem Kampf gegen Man City: Aus für den BVB

Trotz großem Kampf gegen Man City: Aus für den BVB

Smartes Housekeeping: Haushaltshilfe einfach online buchen

Smartes Housekeeping: Haushaltshilfe einfach online buchen

Meistgelesene Artikel

Datenschutz-Eklat: Ordnungsamt will Daten von Konfirmanden

Datenschutz-Eklat: Ordnungsamt will Daten von Konfirmanden

Datenschutz-Eklat: Ordnungsamt will Daten von Konfirmanden
Viren-Zerstörer in Schul- und Linienbussen

Viren-Zerstörer in Schul- und Linienbussen

Viren-Zerstörer in Schul- und Linienbussen
Inzidenzwert liegt nur noch knapp über 100

Inzidenzwert liegt nur noch knapp über 100

Inzidenzwert liegt nur noch knapp über 100

Kommentare