Von „Döösbaddeln“ und „Ackerschnackern“

Alte Molkerei in Neerstedt auf Platt erkunden

Das Gebäude der alten Molkerei in Neerstedt.
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Die alte Molkerei stand an der Hauptstraße 21 in Neerstedt – dies ist aber nicht das ursprüngliche Gebäude.

Neerstedt – Der zweite Teil des Plattdeutsch-Rundgangs führt zur alten Molkerei in Neerstedt. Während meines kleinen Ausflugs mit dem Plattdeutschbeauftragten des Landkreises Oldenburg, Gerold Schnier, habe ich wieder ein paar Wörter dazugelernt. Aber was heißt eigentlich Kontaktbeschränkung auf Platt? Oder Mundschutz?

Als Kind ist Schnier mit zur Molkerei gefahren

1888 wurde in Neerstedt die Molkerei gebaut – gegenüber vom jetzigen Rathaus. Was dort an der Hauptstraße 21 steht, ist jedoch nicht das Ursprungsgebäude. Schnier erinnert sich: „Min Nabar war Melkkutscher, de hett de Melkkannen von de Kohburen umto holt un na de Molkerei föhrt.“ („Mein Nachbar war Milchkutscher, der hat die Milchkannen von den Kuhbauern umzu geholt und zur Molkerei gefahren.“) Aber nicht mit der Kutsche, wie man vielleicht zuerst annehmen mag, sondern mit Trecker und Anhänger.

An Wochenenden oder in den Ferien ist Schnier als Kind öfter mitgefahren. Aber nicht nur das: „Mit olben Johr bin ick sülbst Trecker föhrt, ers ob’n Schoot un denn alleen.“ („Mit elf Jahren bin ich selber Trecker gefahren, zuerst auf dem Schoß und dann alleine.“)

Sein Nachbar Hans Köhler habe jeden Tag die Milch von den Bauern abgeholt. „Morgens um Klock seben sind wi los und gegen Klock olben wern wi woller dar.“ („Morgens um 7 sind wir los und gegen 11 Uhr waren wir wieder zu Hause.“) Übrigens: Er ist immer noch sein Nachbar.

Der Plattdüütsch Beoptragte zeigt in Richtung des Gebäudes, in dem sich jetzt unter anderem ein Steuerberater und eine Fahrschule befinden. „Ut de ganze Gemen kem de Kutscher her, denn stonden de Melkwagen anne Strat lang.“ („Aus der ganzen Gemeinde kamen die Kutscher. Die Wagen standen dann an der Straße.“)

Der Kutscher, dessen Wagen ganz vorne stand, befand sich in der Molkerei und schüttete die Milch in einen großen Behälter. Die anderen, die hinter ihm warteten, stellten die Milchkannen vom Wagen auf ein Förderband. Außen am Gebäude kann man noch die Einkerbungen im Backstein erkennen. „Da lepen de Kannen rin und op gontsiet kem se los woller rut“, erklärt Schnier. („Da liefen die Kannen rein und auf der anderen Seite kamen sie leer wieder raus.“)

Die Milch wurde in der Molkerei zu Butter verarbeitet, die dann unter anderem in Dorfläden verkauft wurde. An die Molkerei erinnert sich auch Traute Kucera noch, die in Dötlingen wohnt und die wir zufällig treffen. Ihr Vater Manfred Kolloge war ebenfalls einige Jahre als Melkkutscher unterwegs. Als Kind sei sie öfter mal mit ihm mitgefahren, erzählt sie.

Schnier berichtet, dass zur ehemaligen Molkerei auch eine Mühle gehörte: „Es war eine Milch- und Kornverarbeitung.“ Eine Dampfmaschine, die einen Generator antrieb, habe es ebenfalls gegeben, und einen hohen Schornstein. „Hier wudden ok Katuffeln dämpt.“ („Hier wurden Kartoffeln gedämpft.“) Kartoffeln? „De kregen de Swin.“ („Die haben die Schweine bekommen.“) Die Landwirte haben ihre Kartoffeln vorbeigebracht, die wurden gegart und dienten dann als Futter für Schweine. Das sei besser für ihre Verdauung gewesen, so der Klattenhofer.

Hier kam früher die Milch an: „Da lepen die Kannen rin.“

„Anfang von ne semziger Jahre hebbt se denn Laden hier dich makt“, erinnert Schnier sich. („Anfang der 70er-Jahre wurde der Molkereibetrieb eingestellt.“) „Lohnde sick woll nich mehr un de Melk kem mit’n Tankwagen na de Moss.“ Es habe sich nicht mehr gelohnt, die Milchverarbeitung ging nach Delmenhorst.

Plattdeutsche Lieblingswörter

Themenwechsel: Hat Schnier eigentlich ein Lieblingswort? Er überlegt kurz. „Döösbaddel“, sagt er und lacht. Was das bedeutet, kann ich mir vorstellen. „Auf Platt ist das nicht so verletzend und nicht so direkt.“

Von der alten Molkerei führt unser Weg die Brettorfer Straße, den Denkmalsweg und „de Strat“ „Am Sportplatz“ entlang. Schnier bringt mir noch ein paar Wörter bei. Fußweg heißt „Footpad“. Und Handy? „Ackerschnacker“. Es gebe nicht für alle modernen Begriffe eine Übersetzung. Und Mundschutz? „Schnutenpulli.“

Dann sind wir wieder an der Hauptstraße angekommen. Der erste Lebensmittel-„loden“ in Neerstedt sei am jetzigen Standort der Apotheke gewesen. „We lopt to foot“ eine kleine Runde. Und wie verabschiedet man sich jetzt? „Munter blieben“ – Bleiben Sie gesund! Ach ja, kann man Kontaktbeschränkung eigentlich übersetzen? „Muss to Hus blieben.“ Na dann: „Maak goot!“

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