„Cybermobbing steigt dramatisch an“

Jugendcoach berichtet, welche Auswirkungen die Pandemie auf Kinder hat

Will, dass jedes Kind eine glückliche Kindheit erlebt: Anja Reepschläger aus Dötlingen.
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Will, dass jedes Kind eine glückliche Kindheit erlebt: Anja Reepschläger aus Dötlingen.

Dötlingen – „Laut aktuellen Studien leidet jedes dritte Kind unter Mobbing, üblen Konflikten und Gewalt. Und das nicht erst in der weiterführenden Schule, sondern sogar schon in der Grundschule. Ich finde, diese Zahl ist viel zu hoch und die aktuellen Umstände befeuern das Ganze noch.“ Mit diesen Worten fängt Anja Reepschläger ihr Video auf ihrer Homepage an.

Sie arbeitet als Hypnose-Coach und ist eine von „Stark auch ohne Muckis“ (siehe Infokasten) ausgebildete Selbstbehauptungs- sowie Resilienztrainerin und Kinder- und Jugendcoach. Im Interview berichtet sie, wie Jungen und Mädchen unter der Pandemie leiden.

Frau Reepschläger, Sie sagen, dass jedes dritte Kind Mobbing erlebt. Auf welche Studie beziehen Sie sich?

Die Zahlen, auf die ich mich beziehe, sind aus einer Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2019. Besonders hoch ist der Anteil an Übergriffen in Grundschulen. Jedes dritte Kind leidet unter Mobbing, fast jedes zweite unter Stress und 30 Prozent der Pädagogen und Lehrer sind Burn-out-gefährdet.

Was sagen Sie zu diesen Zahlen? Was muss sich ändern?

Wir befinden uns in einer alarmierenden Abwärtsspirale, welche aufgehalten und umgekehrt werden muss. Wir müssen Eltern und Kinder stärken und dazu befähigen, respektvoll miteinander umzugehen – auf Augenhöhe – und auf ihre Gefühle zu hören.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf Kinder?

Die Pandemie befeuert das Ganze. Viele haben Angst, krank zu werden, den Job zu verlieren, sind verzweifelt, weil sie keine Perspektiven sehen. Alle hocken aufeinander und dann noch die Doppel-Belastung der Eltern mit Homeoffice und Homeschooling. Der Stresslevel steigt und viele Dinge, in denen sonst Stress abgebaut werden konnte, fehlen. Dabei denke ich zum Beispiel an Sportvereine für die Kinder, soziale Kontakte zum Austauschen, und so weiter. Viele Familien stoßen gerade an ihre Grenzen und der sichere Hafen, den Kinder so dringend brauchen, fehlt.

Verstärkt die aktuelle Pandemie das Mobbing unter Schulkindern?

Vor allem das Cybermobbing steigt aktuell dramatisch an. Fast zwei Millionen Kinder sind davon betroffen. Cybermobbing stieg laut einer Studie des „Bündnisses gegen Cybermobbing“ von 2020 im Vergleich zu 2017 um 36 Prozent.

Was sind die Gründe dafür, dass Kinder andere Kinder mobben?

Dahinter steht das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Beachtung. Es geht gar nicht um das vermeintliche Opfer, sondern um die Stillung des Bedürfnisses und um fehlende Strategien, diese anders zu stillen.

Was macht Mobbing mit einem Kind?

Laut der Bundeszentrale für politische Bildung kann Mobbing im Kindesalter folgende Auswirkungen haben: geringeres Selbstwertgefühl und Selbstbeschuldigungen, Isolation und Einsamkeitsgefühle, Angst und Traurigkeit, Depressionen, Schlafstörungen und Albträume, Appetitlosigkeit, eventuell auch Leistungsrückgang in der Schule und in der Freizeit, Fernbleiben von der Schule, Selbstmordgedanken und Selbsttötung. „Stress in früher Kindheit steigert im Erwachsenenalter nicht nur das Risiko für psychische Erkrankungen, sondern auch für körperliche, wie Typ 2 Diabetes oder Schlaganfall. Insgesamt kann starker frühkindlicher Stress die Lebenserwartung um 15 bis 20 Jahre reduzieren, wie eine aktuelle Übersichtsarbeit zeigt.“ Zu diesem Punkt kommt die Pharmazeutische Zeitung. Sind Kinder dauerhaftem Stress ausgesetzt, schadet das ihrer Gesundheit langfristig.

Cybermobbing hat laut Kinder- und Jugendcoach Anja Reepschläger zugenommen.

Wie wichtig ist es, dass Jungen und Mädchen lernen, Konflikte untereinander auszutragen?

In Konfliktsituationen kann ich immer etwas über mich lernen. In den Trainings geht es vor allem darum, warum Konflikte entstehen und wie ich mich verhalte, um sie nicht zu verstärken, und was ich tun kann, damit es mir gut geht.

Woran können Eltern erkennen, dass ihr Kind unglücklich ist?

Aufmerksam sein für Veränderungen, zuhören und ernst nehmen, was das Kind sagt, wie es sich fühlt. Manchmal reden Kinder auch immer weniger, ziehen sich zurück und lachen weniger.

Wie können Eltern ihrem Kind helfen, das von Mobbing betroffen ist?

Kinder brauchen einen sicheren Hafen. Dabei ist es sehr wichtig, die Sorgen der Kinder anzunehmen, ernst zu nehmen und nicht zu bewerten oder noch schlimmer, abzuwerten. Mobbing ist immer ein individuelles Gefühl.

Wie kann ein Kind mehr Selbstvertrauen erlangen?

Selbstvertrauen wächst durch den sicheren Hafen zu Hause, wenn die Kinder wissen, dass sie bedingungslos geliebt werden und dadurch, dass ihnen Vertrauen entgegengebracht wird. Herausforderungen alleine bewältigen und erfahren, dass sie gut sind, so wie sie sind.

Was sind die häufigsten Formen von Konflikten?

Die häufigsten Formen sind Beleidigungen, Provokationen, Wegnahme, ungewolltes Anpacken, Gewaltandrohung.

Was für Trainings bieten Sie an?

In den Trainings helfe ich den Teilnehmern, ein anderes Selbstbild und neue Überzeugungen zu erlangen, da sich diese auf die darunter liegenden Ebenen (Fähigkeiten, Verhalten und Umwelt) auswirken. Ein „Stark-auch-ohne-Muckis“-Training unterscheidet sich maßgeblich von normalen Unterrichts- oder Gruppenformaten. Jede Einheit eines Kurses, Vortrags oder Seminars ist in der Tiefe durchdacht und verkettet Lernimpulse für jeden Lerntyp. Ich benutze verschiedenen Trainingsmethoden, die es ermöglichen, jedes Kind da abzuholen, wo es derzeit steht und das Erlernte sofort zu verinnerlichen und direkt umzusetzen. Dabei gibt es nicht nur graue Theorie, sondern auch Spaß und Bewegung.

Wer wendet sich an Sie? Eltern, Lehrer oder Erzieher?

An mich kann sich jeder wenden, der mit Kindern zu tun hat. Eltern, Lehrer, Erzieher. Aber auch Großeltern oder neue Familienmitglieder, zum Beispiel bei Patchworkfamilien.

Zur Person:

Anja Reepschläger ist 44 Jahre alt und lebt in Dötlingen. Sie ist Mutter von zwei Kindern. Aus ihren Erfahrungen heraus, habe sie es sich zur Aufgabe gemacht, Kinder und Familien zu stärken und Jungen und Mädchen eine noch bessere Grundlage für ihre Entwicklung zu bieten. Reepschläger kommt aus einer Familie, in der Alkohol und Gewalt an der Tagesordnung waren, schildert sie. Selbstwert und Selbstvertrauen seien Fremdwörter gewesen. „Schon damals habe ich mich gefragt, wie ich anderen Kindern helfen kann“, berichtet die 44-Jährige.

Was ist „Stark auch ohne Muckis“? 

Daniel Duddek ist Coach, Autor und Gründer des Anti-Mobbing-Programms „Stark auch ohne Muckis“. Zusammen mit einem Coaching-Team bietet er in seinem Unternehmen unter anderem Fortbildungen und Trainings an. Die Teilnehmer lernen in der Ausbildung zum Kinder- und Jugendcoach, wie sie Kinder stärken können. „,Stark auch ohne Muckis‘ (SAOM) ist ein ganzheitliches Trainingskonzept, welches Kinder, Eltern und Pädagogen gleichermaßen stärkt. SAOM setzt auf Eigenverantwortung und Dialog. Es schafft Verbindung und stellt weder Täter noch Opfer an den Pranger. Das Konzept glaubt an das Gute im Menschen und daran, dass jeder lernen kann, sich selbst und andere zu respektieren“, erklärt Anja Reepschläger.

Weitere Infos
gibt es im Internet unter www.reepschlaeger.starkauchohnemuckis.de

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