Menschen mit Behinderung in Dötlingen

Corona: Inklusive Angebote bleiben auf der Strecke

Menschen, die bei einem inklusiven Sportfest in einer Turnhalle mitmachen
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Ohne Limits und mit Disziplinen, die allen Spaß machen: Das ist die Idee des Brettorfer Sportfests für Menschen mit und ohne Handicap, hier im Jahr 2016.

Wie sollen Menschen über Distanz miteinander Kontakt halten, die nicht lesen und schreiben können? Für die es zu komplex ist, virtuelle Treffen zu organisieren? Wegen der Corona-Pandemie fehlen in der Gemeinde Dötlingen seit vielen Monaten wichtige Angebote für Menschen mit Behinderung.

Dötlingen/Brettorf – „Viele der Menschen mit Behinderung sind nicht in der Lage, sich langfristig zu binden oder zu organisieren“, sagt Ufke Janssen. Die Kontaktbeschränkungen aufgrund der Pandemie träfen aus diesem Grund jene, denen bestimmte geistige Fähigkeiten fehlten, die nicht lesen oder schreiben könnten, besonders hart. Chatgruppen mit Freunden seien für viele keine Alternative. „Sie sind sehr isoliert.“

Janssen und seine Frau Julia haben vor einem Jahr die Leitung der Kontaktgruppe für Behinderte und Nichtbehinderte des TV Brettorf übernommen. Diese richtet das „Sportfest ohne Limits“ aus, bei dem Aktive mit und ohne Handicap gemeinsam spielen und Spaß haben können. Die Veranstaltung war 2020 abgesagt worden, auch in diesem Jahr werde es kein Sportfest wie sonst geben, sagt Janssen.

Landesbeauftragte forderte Inklusion in der Pandemie

„Gerade mit Corona muss Inklusion gelebt werden!“, hatte Petra Wontorra, Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, im Mai 2020 gefordert. Doch die Schließung von Werkstätten und zahlreichen Freizeitangeboten sowie die große Angst vor einer Infektion bei Vorerkrankten mit Handicap haben die Pandemie vielmehr zu einem Rückschlag für die Inklusion gemacht.

So haben es nicht nur Janssens von der Kontaktgruppe erlebt, sondern auch Marita Tzschoppe. Sie ist seit September 2019 Vorsitzende des Dötlinger Lopshof-Vereins. „Natürlich – wenn man die Orte nicht mehr hat, an denen man sich begegnen kann, ist es ein Rückschlag für die Inklusion“, sagt sie. Die Menschen zögen sich in ihre vier Wände, in die Häuslichkeit zurück.

Tzschoppe: Räume für Begegnungen fehlen

Normalerweise bietet der Verein im Lopshof am Heideweg zahlreiche Möglichkeiten zur gemeinsamen Freizeitgestaltung von Menschen mit und ohne Behinderung: Jeweils einmal im Monat stehen das Feierabendcafé, der Frauen- und der Seniorentreff, das Volksliedersingen mit Sybille Gimon sowie die Kunstgruppe „Lopshof-Maler“ auf dem Programm.

Häufig seien gemeinsame Mahlzeiten Teil der Angebote, erklärt Tzschoppe. Mit anderen zusammen am Tisch zu sitzen, sich nah zu sein, sei wichtig. „Wir als soziale Wesen brauchen den Blick auf den anderen“, findet sie.

Sowohl die Vereinsvorsitzende als auch der Gruppenleiter schildern, dass sie den Eindruck haben, dass die Coronakrise sonst übliche Regungen oder Reaktionen unterdrückt hat. „Die Gesellschaft war ja wie erstarrt“, resümiert Janssen. Das habe sich etwa an den Reaktionen auf die Sportfest-Absage gezeigt. „Ich habe nicht ein einziges ,Ist aber schade‘ zurück bekommen.“

Singen und Kuchen essen, das verbindet. Doch das inklusive Angebot mit Sybille Gimon (mit Gitarre) war 2020 nur wenige Male möglich. Archiv

Durch die erzwungene Distanz seien die Leute verhaltener im Umgang miteinander, findet Tzschoppe. „Gerade von Menschen mit Beeinträchtigungen können wir lernen, spontaner zu sein, andere einfach mal zu umarmen. Das ist alles weggebrochen.“

Die Pandemie verlangsamt laut Janssen auch den ohnehin schwierigen Weg zu mehr Inklusion. „Ich habe arge Zweifel, ob Inklusion überhaupt gelebt wird“, sagt er. Menschen mit Behinderung wirklich aktiv einzubinden und nicht nur zu behaupten, offen für sie zu sein, geschehe selten. Auch das „Sportfest ohne Limits“ sei ja dem allgemeinen Sportfest des TV Brettorf vorgeschaltet.

Inklusion geschieht zu selten, findet Janssen

Er sei dennoch froh, dass Personen mit Handicap nicht in gesonderten Einrichtungen verschwinden, sondern dass es öffentliche Angebote für sie gebe.

Viele von ihnen übten üblicherweise mit ihren Betreuungspersonen zudem alltägliche Beschäftigungen wie Einkaufen gehen, ein Museum zu besuchen oder Sport zu treiben, berichtet Tzschoppe. Dies nicht mehr tun zu können, bedeute für sie einen Rückschritt in ihrer persönlichen Entwicklung. Die Krise erzeuge eine zusätzliche Belastung: „Gerade für Menschen mit Handicap sind die Barrieren noch größer.“ Ihre Fähigkeiten verkümmerten durch fehlende Praxis.

Aufmerksamkeit für diese Situation gibt es der Vereinsvorsitzenden zufolge zu wenig. „Man hat wieder den Eindruck, Menschen mit Behinderung stehen ganz hinten an“, sagt Tzschoppe.

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