Chefarzt äußert sich zur Legalisierungs-Debatte

„Cannabis-Konsum nicht verharmlosen“

Neerstedt/Ahlhorn - Anlässlich der öffentlichen Debatte um die Legalisierung von Cannabis warnt Gunter Burgemeister, Chefarzt der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik in Ahlhorn sowie der Fachklinik Oldenburger Land in Neerstedt, davor, die Folgen des Konsums zu verharmlosen. „Cannabis ist bei unseren Patienten wie auch in der Gesamtbevölkerung die am meisten vorkommende illegale Droge“, berichtet Burgemeister. Er wünscht sich eine sachliche Diskussion über die Risiken und verstärkte Forschung zu Gefahren und Behandlung. In den Suchtkliniken der Diakonie werden in Ahlhorn junge Erwachsene im Alter von 14 bis 25 Jahren und in Neerstedt Patienten mit Beeinträchtigungen betreut.

„In den vergangenen Jahren ist der Anstieg bei der Behandlung von Cannabis-Abhängigkeit größer als der Anstieg beim Konsum“, weiß der Chefarzt. Dies bedeute, dass bei immer mehr Menschen der Konsum auch zu einer Sucht führe. Die Zunahme sieht Burgemeister unter anderem in der Bagatellisierung der Droge begründet. 

Das Risiko für psychische Störungen wie Depressionen, Angsterkrankungen, vorübergehende Psychosen, aber auch Schizophrenie erhöhe sich durch den regelmäßigen Konsum. „Wir behandeln deshalb nicht nur die Sucht, sondern auch die psychischen Störungen.“ Nur so sei ein Therapieerfolg möglich. Und auch wer keine Abhängigkeit entwickelt, könne durch das Kiffen Angstsymptome und Psychosen erleben. „Diese können bis zu 14 Tage nach einem Joint auftreten“, sagt Burgemeister.

Gereizt oder abweisend

Wird Cannabis intensiv konsumiert, kann es zu Persönlichkeitsveränderungen führen. „Auffällig sind vor allem fehlende Freude an den Dingen und Antriebslosigkeit. Die Betroffenen haben kein Interesse mehr an ihren Hobbys. Es kommt zu mit heutiger Methodik nachweisbaren Veränderungen im Gehirn, die auch zu Beeinträchtigungen der Gedächtnisfunktion führen“, so Burgemeister. Jugendliche würden häufig ihren vertrauten und förderlichen Freundeskreis verlassen, sich in Stimmung und Verhalten verändern sowie zunehmend gereizt oder abweisend auf ihre Umgebung reagieren. „Schließlich kommt es oft zu schlechteren Schulnoten oder Problemen am Arbeitsplatz. Die soziale Integration wird gefährdet“, warnt der Chefarzt.

Wenn Eltern oder Angehörige solche Verhaltensänderungen bemerken, sollten sie sich Rat von außen suchen. Burgemeister betont aber auch: „Eltern sollten auf den ersten Joint möglichst gelassen reagieren, um die enge Bindung nicht zu gefährden.“ Nur, wenn man nah am Kind dran bleibe, könne man bemerken, wann ein missbräuchlicher Konsum beginne. Und: „Natürlich sollte man sachlich über die Risiken aufklären, auch wenn das im ersten Moment nicht auf fruchtbaren Boden fällt.“

Burgemeister: Kriminalisierung von Cannabis schädlich bei der Therapie

Für schädlich bei der Therapie, gerade von jungen Erwachsenen, hält Burgemeister die Kriminalisierung von Cannabis: „Es verändert die Persönlichkeit, wenn man als außerhalb der Gesellschaft stehend behandelt wird.“ Und durch die Kriminalisierung kämen gerade junge Konsumenten in Kontakt mit kriminellen Milieus. Zur Einordnung findet Burgemeister den Vergleich mit dem Alkoholkonsum wichtig: „Eine direkte tödliche Wirkung gibt es bei Cannabis im Gegensatz zum Alkohol nicht. Doch dessen Konsum ist völlig legal.“

Bei allen Argumenten für die Legalisierung, eines darf für Burgemeister nicht passieren: „Ein Elfjähriger sollte keinen Zugang zu einem Joint haben.“ Und er ergänzt, die Aufklärung über die Risiken von Cannabis muss verstärkt werden.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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