45 biblische Motive sind zwei Monate lang zu sehen/Tiefgründiger Farbenrausch

Kunsthaus zeigt Chagalls Original-Lithografien

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Sie sind eingetroffen: die 45 Original-Lithografien von Marc Chagall. Anfang kommender Woche möchte Julia Neulinger-Kahl die Bilder für die neue Ausstellung in ihrem Kunsthaus in Dötlingen aufhängen. In den Händen hält sie „Jesaja“.

Dötlingen - Von Tanja Schneider. Im Künstlerdorf Dötlingen hat schon eine Vielzahl an bekannten Malern, Bildhauern und Grafikern Werke präsentiert.

Die neue Ausstellung im Kunsthaus am Dorfring wird aber alles Bisherige toppen: Denn für zwei Monate sind dort 45 Original-Lithografien von Marc Chagall zu sehen, einem der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Neben dem kompletten Zyklus „La Bible“ von 1956 wird die vollständige Reihe „Dessins pour la Bible“ von 1960 gezeigt. Die Vernissage ist am Freitag, 13. November, um 19 Uhr.

Kunsthaus-Inhaberin Julia Neulinger-Kahl kann es noch immer kaum fassen, dass sie die Arbeiten in ihren Räumen ausstellen darf. „Das ist ein unglaubliches Geschenk“, sagt sie. Die „Bilder zur Bibel“ sind Leihgaben der Kunsthandlung Hülsmeier in Osnabrück, dessen Inhaber Wolfgang Middelberg jedes Exponat liebevoll gerahmt hat. In einigen Städten Deutschlands waren Chagalls Lithografien bereits zu sehen. „Und wohl jedes Mal ein Publikumsmagnet“, erzählt Neulinger-Kahl. 4000 bis 7000 Besucher seien je nach Ausstellungsort und -dauer gezählt worden. „Ich bin gespannt, was mich hier erwartet.“

Momentan lagern die Werke noch eingepackt im Kunsthaus, Anfang kommender Woche möchte die Dötlingerin sie „hängen“. „Es war schon ein seltsames Gefühl, als ich sie in Osnabrück abgeholt habe und dann mit einem Stück Kunstgeschichte durch Niedersachsen gefahren bin“, berichtet sie.

Der gläubige Jude Chagall entschloss sich nach dem Zweiten Weltkrieg zur Illustration der Bibel. Es sollte sein Beitrag zum Frieden sein. Denn er war davon überzeugt, dass Menschen, die die Bibel kennen, nicht zu solchen Gräueltaten fähig sein könnten, vor denen er in die USA geflohen war. Nach seiner Rückkehr nach Europa im Jahr 1947 wurden religiöse Inhalte zum Mittelpunkt seiner Arbeit. Im Zyklus „La Bible“ thematisiert er Motive der Erzväter, Könige und Propheten. Nur vier Jahre später fertigte er die Lithografien „Dessins pour la Bible“, die nicht nur seine Darstellung der Schöpfung zeigen, sondern vor allem auch die Frauen des Alten Testamentes.

Chagall sagte einst: „Seit meiner frühesten Jugend hat mich die Bibel in ihren Bann gezogen. Sie ist wie ein Echo der Natur, und ich habe danach gestrebt, dieses Geheimnis wiederzugeben.“ Für die Darstellung hat Chagall eine ganz eigene Ausdrucksweise geschaffen, die sich in den Farben sowie Bildzeichen und Symbolen zeigt. Damit wollte er den Betrachtern einen leichten Zugang zu den vielfältigen Themen ermöglichen. Die Farben dienen dabei als Vermittler der Inhalte. Eine zentrale Rolle spielt dabei ein strahlendes Weiß, das auf die Existenz Gottes verweist, beispielsweise in „Die Schöpfung“. Dieses Blatt zeigt auch deutlich eine weitere Ebene, die Chagall nutzte – die der Symbolik. So findet sich in „Die Schöpfung“ der Kreis als Zeichen für die göttliche Vollkommenheit.

Chagalls Lithografien sind aber bei weitem nicht nur von ihrer Tiefgründigkeit geprägt. Chagall bedeutet vor allem auch Fantasie, Farbenrausch. Wer kennt sie nicht, seine grünen Esel. „Ich las die Bibel nicht, ich träumte sie“, meinte der Künstler einmal. Und genauso wirken seine Werke, die nicht die Realität abbilden, sondern einen Seelenzustand. „Sie haben oft etwas Feines und gleichzeitig Farbgewaltiges“, schwärmt Neulinger-Kahl. „Sie sind eine unglaubliche Bereicherung.“ Und da die Lithografien damals in relativ hoher Auflage gefertigt wurden, können sie sogar erworben werden. Neulinger-Kahl betont, dass es sich tatsächlich nicht um Nachdrucke handelt.

Die Ausstellung läuft bis zum 10. Januar im Kunsthaus und ist immer sonnabends und sonntags von 13 bis 17.30 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung unter 04433/9699622 zu sehen. Anmelden können sich auch Schulklassen. Während der Vernissage am 13. November wird es neben einführenden Worten auch Musik der Pianistin Christine Stengert geben.

Zum Leben des Künstlers:

Marc Chagall wurde 1887 im russischen Witebsk geboren und wuchs als ältestes von neun Kindern einer jüdischen Familie in ärmlichen Verhältnissen auf.

Viele Juden im Osten gehörten dem Chassidismus an. Typisch für diese Glaubensbewegung war die Freude an Gottes Wort. Seine Heimatstadt sowie sein Glaube werden oft als Nährboden für Chagalls Kunst bezeichnet. Nach ersten Erfahrungen als Malschüler in Russland reiste Chagall 1910 nach Paris. Dort bezog er ein eigenes Atelier und machte Bekanntschaft mit der Avantgarde, entdeckte den Kubismus und Fauvismus.1914 mit nur 27 Jahren hatte er seine erste Einzelausstellung in Berlin, die ihn in ganz Europa bekannt machte. Als er seine Familie in Witebsk besuchte, brach der Erste Weltkrieg aus, die Grenzen wurden dicht gemacht. Chagall konnte nicht nach Paris zurückkehren. In Witebsk heiratete er 1915 Bella Rosenfeld. Dort wurde er 1918 auch zum Kommissar für die Schönen Künste ernannt und gründete eine Kunstschule. 1923 zog er mit seiner Familie nach Frankreich, wo eine äußerst produktive Periode begann. Der Zweite Weltkrieg hemmte sein künstlerisches Schaffen. 1941 wurde Chagall verhaftet. Der Auslieferung an die Deutschen entging er knapp. Mit seiner Familie emigrierte er nach New York, wo seine Frau 1944 starb. 1947 kehrte Chagall nach Frankreich zurück. Dort widmete er sich dem Malen der Bibel. Er schuf Ölgemälde, Radierungen und Lithografien sowie Kirchenfenster. Chagall starb am 28. März 1985 im Alter von 97 Jahren in Saint-Paul-de-Vence.

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