Baby an Bord: Elternkursleiterin Elke Brüggemann-Brand spricht über Bindungen, Belastungen und einen Balanceakt

„Alle Fünfe auch mal gerade sein lassen“

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Neugeborene fordern ihre Eltern und treiben sie manchmal auch an den Rand der Belastungsgrenze. Wie Mütter und Väter damit umgehen können, vermittelt der Kursus „Starke Säuglingseltern“.

Neerstedt - Von Tanja Schneider. Mit der Geburt eines Kindes ändert sich der Alltag für die Eltern grundlegend. Sie bekommen weniger Schlaf, haben nicht mehr so viel Zeit für sich oder Freunde, tragen dafür aber eine große Verantwortung. „Das ist nicht immer leicht“, weiß Elke Brüggemann-Brand.

Die Ganderkeseer Ergotherapeutin und Dozentin möchte Mütter und Väter in ihrer neuen Rolle stärken. In dem Kursus „Starke Säuglingseltern“, der am Freitag, 5. Juni, in der Gemeinde Dötlingen beginnt, will sie Tipps zum Umgang mit Kleinkindern, Erziehungskompetenzen und Selbstbewusstsein vermitteln. Was die Teilnehmer an den insgesamt vier Terminen erwartet, verrät sie in einem Interview.

Frau Brüggemann-Brand, an wen genau richtet sich das Angebot?

„Nicht nur an Mütter und Väter mit Leidensdruck, sondern wirklich an alle Eltern mit Kindern, die bis zu einem Jahr alt sind. In jeder Familie tauchen irgendwann Konflikte auf. Der Kursus soll Lösungsansätze vermitteln. Der Austausch in der Gruppe kann zudem Impulse für die eigene Kindererziehung liefern oder die Eltern in ihrem bisherigen Umgang mit dem Säugling bestätigen. Ich selbst habe vor rund vier Jahren einen solchen Lehrgang besucht. Das hat sich sehr positiv ausgewirkt – nicht nur auf die Beziehung zu meinem Kind, sondern auch auf die zu meinem Partner. Der Kursus hat mich definitiv gestärkt.“

Welche Themen stehen im Mittelpunkt?

„Es geht um Erziehungsziele, Bedürfnisse und Anerkennung, den Umgang mit Belastung und die Frage, ob man bei einem Säugling schon Grenzen setzen kann. Der Austausch untereinander wird ein großer Bestandteil sein. Aber auch praktische Übungen sind geplant, zum Beispiel das Durchspielen von bestimmten Situationen.“

Können einem Baby denn tatsächlich schon Grenzen aufgezeigt werden?

„Nein, das funktioniert nicht. Es gibt durchaus Diskussionen darüber, ob beispielsweise die Zeiten fürs Schlafen und Stillen reglementiert werden sollten. Es sind aber die Grundbedürfnisse von Säuglingen. Um diese zu erfüllen, müssen die Eltern selbst zurückstecken. Sie können in den ersten Monaten aber bereits die Basis für eine gute Eltern-Kind-Beziehung schaffen. Dies gelingt durch den Aufbau einer Bindung.“

Das klingt nach einer anstrengenden ersten Zeit.

„Es ist eine Umstellung, und teilweise auch ein Balanceakt. Eltern können und sollen ihre eigenen Bedürfnisse natürlich nicht auf Dauer ignorieren. Das sorgt irgendwann für Frust. Sie sollten sich deshalb nicht scheuen, Unterstützung in Anspruch zu nehmen, um sich selbst zu entlasten. Manchmal hilft es schon, wenn jemand Vertrautes mal eine Stunde lang mit dem Kind um den Block schiebt. Das verschafft einem Zeit für sich selbst.“

Mit der Belastung eventuell nicht zurechtzukommen – ist das eine Sorge, die viele Eltern teilen?

„Natürlich, der Umgang mit Belastung ist ebenso ein Knackpunkt wie der Umgang mit der Wut. Letzteres ist gerade bei Müttern ein stark besetztes Thema, mit dem wir uns am dritten Kurstag beschäftigen werden. Denn es wird immer wieder Situationen geben, in denen das eigene Kind einen zur Weißglut treibt und man selbst sich hilflos füllt – sei es im Säuglingsalter, wenn es nach einer komplett ‚durchgebrüllten‘ Nacht auch am Morgen noch schreit, oder später in der Pubertät. Da ist die vorhin erwähnte Bindung wichtig. Zudem sollten sich Eltern ihrer Erwartungen bewusst sein.“

Und die sind bei einigen sicherlich hoch.

„Ja, manche Eltern müssen erst lernen, dass man auch mal alle Fünfe gerade sein lassen kann. Deshalb befassen wir uns am ersten Kurstag mit den eigenen Werten und Erziehungszielen. Die meisten wünschen sich natürlich Zusammenhalt, Nähe und eine sichere Bindung zum Kind, und können zu deren Gunsten über Dinge wie beispielsweise Ordnung und Sauberkeit mal hinwegschauen. Anderen fällt dies nicht so leicht. Sie halten an hohen Erwartungen fest, was auf Dauer anstrengend ist. Häufig gibt es irgendwann ein Aha-Erlebnis.“

Sind die Erwartungen an die Kinder denn ebenso hoch?

„Teilweise ja. Fast alle Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder mal erfolgreich sind, sozial akzeptiert werden und sich zu starken und selbstbewussten Erwachsenen entwickeln. Daran ist gar nichts verkehrt. Der Weg dorthin birgt aber auch Konfliktpotenzial, dessen sich Eltern bewusst sein sollten. Wer zum Beispiel selbstbewusste Kinder fordert, muss damit rechnen, dass der Nachwuchs seine Bedürfnisse durchsetzen will und dabei vielleicht auch einmal über das Ziel hinausschießt. Es gilt also, ein gutes Gleichgewicht zu finden. Ein Patentrezept gibt es dafür natürlich nicht. Eltern können sich aber selbst fragen, wo sie ein gutes Vorbild sind und wo nicht.“

Der vom Bundesfamilienministerium geförderte Kursus „Starke Säuglingseltern“ ist für die vier Freitage, 5., 12., 19. und 26. Juni, jeweils von 9.30 bis 12 Uhr im Gemeindezentrum am Schulweg 1b in Neerstedt geplant. Er richtet sich an Eltern mit Kindern bis zu einem Jahr und ist kostenlos. Die Anzahl der Plätze ist auf zwölf begrenzt. Parallel zu dem Kursus wird es durch eine Erzieherin und eine Familienhebamme eine Betreuung für die Kinder der Teilnehmer in einem Nebenraum geben. Die Dozentin Elke Brüggemann-Brand ist Mutter von drei Kindern und seit rund drei Jahren ausgebildete Kursleiterin für „Starke Eltern –starke Kinder“. Für Anmeldungen und weitere Informationen steht die Koordinierungsstelle „Frühe Hilfen und Kinderschutz“ im Landkreis Oldenburg unter Telefon 04431/ 85323 oder per E-Mail an jugendschutz@oldenburg-kreis.de zur Verfügung.

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