Andere Wohnformen im Alter

Henning Scherf erzählt über seine Senioren-WG

In gemütlicher Runde erzählte Henning Scherf über die Vorzüge seines Wohnprojektes und die Eigenarten seiner „Wahlfamilie“.
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In gemütlicher Runde erzählte Henning Scherf über die Vorzüge seines Wohnprojektes und die Eigenarten seiner „Wahlfamilie“.

Gibt es einen Bedarf einer Pflegeeinrichtung für alte Menschen in der Gemeinde Dötlingen? Um den Diskurs rund um diese Frage anzuregen, lud der Dötlinger Ortsverband der Grünen zu einer Gesprächsrunde am Mittwochabend in das Landhotel Dötlingen ein. Hella Einemann-Gräbert und Ute Meinert-Kaiser vom Verein „Wi helpt di“, Pflegedienstbetreiber Frank Bellersen und Bremens ehemaliger Bürgermeister Henning Scherf informierten rund 45 Besucher über ihre Projekte und erzählten ihnen von Alternativen zum „klassischen Pflegeheim“.

Dötlingen – „2013 haben sich die ersten Menschen in der Gemeinde stark gemacht, um der Frage auf den Grund zu gehen, ob wir eine Pflegeeinrichtung bräuchten“, führt Einemann-Gräbert in die Veranstaltung ein. Unterstützt durch die Gemeinde sei eine Genossenschaft gegründet worden. „Im Jahr darauf entstand der Verein ,Wi helpt di’, denn die Genossenschaft hatte Startschwierigkeiten.“ Nachdem eine Umfrage gestartet wurde, um herauszufinden, was sich Menschen im Alter wünschen, wurde das oberste Ziel des Vereins festgelegt: „Die Menschen wollen selbstbestimmt so lange wie möglich Zuhause leben“, so Einemann-Gräbert.

Dass dies aber nur bedingt möglich sei, erklärte im Anschluss Bellersen. Der Krankenpfleger arbeitet seit 27 Jahren im ambulanten Pflegedienst und betreibt mit „Bellersen & Lohmann“ eine altersgerechte Wohngemeinschaft in Wildeshausen. „Die Leute wollen gerne Zuhause bleiben. Das ist aber nur bis zu einem gewissen Punkt möglich“, erklärt Bellersen. Bei einer Krankheit oder erhöhtem Pflegebedarf müsse sich die Person selbst überlegen, was sie möchte.

Senioren-WG mit Streichelzoo

Er biete mit seinem Unternehmen eine Senioren-WG an. „Wir haben eine große Küche, einen Fernsehraum und sogar einen kleinen Streichelzoo“, zählt der Pflegedienstleister die Vorteile auf. Viele Menschen seien aber skeptisch vor dem anstehenden Umzug. „Eigentlich verkleinern alle ihre Wohnsituation, wenn sie von Zuhause ausziehen. Sie müssen sich auch auf die vielen, neuen Menschen einlassen, die in der Senioren-WG wohnen.“ Nach einer kurzen Kennenlernzeit seien die neuen Bewohner jedoch immer überzeugt gewesen. „Unsere jüngste Bewohnerin ist 80 Jahre alt, unser Ältester fast 100. Dass diese Altersgeneration sich traut, etwas Neues auszuprobieren, ist wirklich beachtlich. Eine Senioren-WG ist eine echte Alternative“, so Bellersen.

Erklärte das Konzept seiner altersgerechten Wohngemeinschaft: Frank Bellersen.

Ein Manko daran ist aber der hohe Kostenrahmen. Die Bewohner der Einrichtung zahlen für eine 28-Quadratmeter-Wohnung inklusive Nebenkosten und Verpflegung einen Grundbetrag von 915 Euro im Monat. Darin enthalten sind auch die Aufenthalts- und Gemeinschaftsräume, die anteilig auf jedes Zimmer drauf gerechnet werden.

Henning Scherf lebt seit 1987 in seiner eigenen, von keinem Dachverband finanzierten Senioren-WG in der Bremer Innenstadt. Früh habe er sich Gedanken um das Altern gemacht und empfindet diese Art des Wohnens als eine Chance, Neues zu lernen und aktiv zu bleiben. Seine „Wahlfamilie“ – wie er seine Mitbewohner bezeichnet – habe er mit zehn Freunden gegründet.

„Spätpubertäre Romantiker“

„Unsere Kinder gingen damals aus dem Haus, und wir dachten, dass es das doch noch nicht gewesen sein kann. Wir wollten, dass es spannend bleibt. Unsere Freunde sahen es auch so“, berichtet der ehemalige Bremer Bürgermeister von den Anfängen seines Projekts. Jede Wohnpartei habe im Haus einen eigenen Bereich mit Bad und Küche. „Wir teilen uns einen Garten, zwei Gästezimmer, eine Waschküche, einen Wein- und Fahrradkeller und ein Auto.“ So ergeben viele Berührungspunkte untereinander: „Wir laden uns gerne gegenseitig zum Essen ein. So habe ich sogar Lust darauf bekommen, das Kochen zu lernen“, erzählt Scherf. Dieses Zusammenleben sei eine absolute Bereicherung. „Unsere Kinder haben gedacht, dass wir es nie schaffen werden, so lange so zu wohnen. Sie haben uns einmal spätpubertäre Romantiker genannt.“

Probleme gebe es aber auch in dieser Wohngemeinschaft. Gerade der Umgang mit dem Tod müsse gelernt werden. Einige Bewohner seien mit der Zeit gestorben, jedoch habe man sich durch die Zeit geholfen und unterstützt. „Wichtig ist, dass wir in unserem Alter nicht einsam vor dem Fernseher einschlafen. Nein, wir müssen das Gefühl bekommen, wir sind mittendrin. Das Leben geht nicht an uns vorbei, wir können viel unternehmen und Verantwortung tragen. Das hält uns am Leben.“

Zum Ende der Veranstaltung warb Gabriele Roggenthien von den Grünen dafür, die Frage nach einem Dötlinger Pflegeheim in Zukunft weiter zu thematisieren: „Wollen wir in Dötlingen Wohnquartiere für Bewohner aller Altersstufen? Ist ein Bedarf da? Es ist wichtig, dass diese Fragen Teil des Gemeindeentwicklungskonzepts im kommenden Jahr werden. Wir hoffen, dass sich dann einige von Ihnen an den heutigen Abend zurückerinnern werden.“

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