Corona-Regelung raubt Zeit

Ambulante Pflegedienste im Schnelltest-Stress

Corona-Schnelltests dürfen nach einer Schulung auch von Pflegepersonal angewendet werden. Für ambulante Dienste ist die Organisation eine Herausforderung.
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Corona-Schnelltests dürfen nach einer Schulung auch von Pflegepersonal angewendet werden. Für ambulante Dienste ist die Organisation eine Herausforderung.

Tägliche Antigen-Schnelltests sind für sämtliche Pflegeeinrichtungen, darunter auch ambulante Hilfsdienste, verpflichtend. Gerade für die mobilen Pflegekräfte bedeuten sie aber einen enormen zeitlichen Aufwand. Kritik gibt es auch an der trügerischen Sicherheit des täglichen Abstrichs.

  • Seit Ende Januar müssen alle Beschäftigten in Pflegeeinrichtungen an jedem Arbeitstag einen Corona-Schnelltest machen.
  • Weil in ambulanten Pflegediensten die Schichten zu unterschiedlichen Zeiten und manchmal an unterschiedlichen Orten anfangen, ist die Organisation der Tests schwierig.
  • Pflegedienste kritisieren den Zeitaufwand, aber auch die trügerische Sicherheit der Schnelltests.

Dötlingen/Wildeshausen – Corona-Schnelltests, täglich angewendet, sollen für mehr Sicherheit in der Pflege sorgen. Seit Dezember galt die Pflicht, zweimal pro Woche einen Abstrich bei den Beschäftigten zu nehmen. Seit Ende Januar muss dies sogar an jedem Arbeitstag geschehen.

Während in den Heimen auch im Landkreis Oldenburg die Bundeswehr aushilft, um die Beschäftigten zu testen, sind ambulante Pflegedienste bei der Organisation der Tests auf sich gestellt. Problematisch sind unter anderem die über den Tag verteilten Anfangszeiten der Dienste. Deshalb erlaubt das Land nun auch Selbsttests.

Von allen Coronaregeln, die seit März 2020 erlassen worden seien, sei die Testpflicht die aufwendigste gewesen, urteilt Michael Jaskulewicz, Geschäftsführer der Landdienste mit Sitz in Dötlingen. Rund 20 Stunden seien pro Woche in den einzelnen Regionalbüros seines Pflegedienstes für die Testungen draufgegangen.

Im Prinzip wird den ganzen Tag getestet

Rein theoretisch hätte er eine Teilzeitstelle dafür einrichten können. Aber: „Eine Schicht beginnt um sechs Uhr, eine um sieben und eine um 8.30 Uhr.“ Drei Tests in drei Stunden. Pro Test erhält Jaskulewicz neun Euro als Erstattung von den Krankenkassen. Freiwillige, die zum Beispiel in den Heimen einspringen, sollen jedoch 20 Euro pro Stunde erhalten. Diese Rechnung gehe nicht auf.

Deshalb testeten sich die Mitarbeitenden der Landdienste gegenseitig. An Wochenenden, wenn in einem Regionalbüro nur eine Person im Dienst war, habe jemand, der eigentlich frei gehabt habe, extra reinkommen müssen, um den Abstrich zu machen. „Es ist skurril, es ist zeitaufwendig. Bei uns hat das wahnsinnig viele Probleme gemacht“, bilanziert der Geschäftsführer.

Unter anderem seien Büros über Stunden hinweg blockiert, weil sie behelfsweise zu Abstrichräumen umfunktioniert werden müssen. Zu alledem komme hinzu, dass die Testzeit nicht von der Arbeitszeit abgezogen werde. „Ich kann ja nicht sagen: Fahr deine Tour schneller. Bei wem sollen wir denn einsparen, bei Oma Müller oder bei Oma Meier?“

Selbsttests entschärfen die Lage

Seit Ende Januar erlaubt das Land Niedersachsen den ambulanten Pflegediensten nun in Ausnahmefällen die Selbsttestung. „Auf Grund der Aufnahme des Dienstes an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten“ sei die Testpflicht „in der ambulanten Pflege nur sehr schwer umzusetzen“, heißt es dazu in den offiziellen Hinweisen des Landes.

Über diese Änderung ist Jaskulewicz sehr froh. „Das hat einiges entzerrt“, sagt er. Die Zeit, die für die Tests aufgewendet werden müsse, halbiere sich dadurch. Möglichst bald sollen alle seiner 175 Beschäftigten dafür geschult sein, den Abstrich an sich selbst vorzunehmen.

Bei der Häuslichen Krankenpflege Bellersen & Lohmann, die in Wildeshausen sitzt, aber auch in der Gemeinde Dötlingen tätig ist, werden die Selbsttestungen noch nicht umgesetzt. Derzeit seien acht der insgesamt 57 Mitarbeitenden von einer Ärztin geschult, um Abstriche zu machen, sagt Geschäftsinhaberin und Pflegedienstleiterin Helga Lohmann.

„Ein erheblicher zeitlicher Aufwand“

Vor allem für die Betreuungs- und Hauswirtschaftskräfte bedeute die Testpflicht einen Mehraufwand – denn sie müssten deshalb nun jeden Tag in die Zentrale kommen. Zuvor sei es üblich gewesen, dass eine Angestellte, die etwa in Neerstedt wohne und dort Termine habe, direkt zu den Kunden fährt. „Das ist ein erheblicher zeitlicher Aufwand“, berichtet Lohmann.

Melanie Uhl, Geschäftsführerin des pflegerischen Bereichs der Norle, kritisiert nicht nur die Tatsache, dass die Tests Zeit in Anspruch nehmen. Mit einem negativen Ergebnis werde eine trügerische Sicherheit vermittelt, sagt sie.

Zum einen seien die Ergebnisse bekanntermaßen nicht so genau wie bei einem PCR-Test, zum anderen befürchte sie, dass möglicherweise die Vorsichtsmaßnahmen doch etwas lockerer gesehen würden, wenn der Abstrich unauffällig gewesen sei. „Unterstützen tun die Tests nicht“, bilanziert Uhl.

Trügerische Sicherheit durch täglichen Abstrich

Die rund 100 Mitarbeitenden der Norle, die nicht nur im ambulanten Pflegedienst, sondern auch in Wohngruppen arbeiten, testeten sich in der Regel gegenseitig. Geschult seien nahezu alle von ihnen, nur wenige trauten sich nicht zu, den Abstrich bei anderen zu machen, berichtet die Pflegedienstleiterin.

Selbsttests nutzten derzeit nur zwei der Beschäftigten, die andernfalls eine etwa einstündige Anfahrt auf sich nehmen müssten. Das erfordere natürlich ein gewisses Vertrauen, sagt Uhl. „Die Selbsttestung ist keine schlechte Idee, aber man muss trotzdem abwägen, wem man das zutraut.“

Um die Testkits und die erforderliche Schutzkleidung müssen sich die Pflegedienste eigenständig kümmern und in Vorkasse gehen. Die Summe, die sie bislang ausgegeben habe, belaufe sich auf einige 1.000 Euro, erläutert die Geschäftsinhaberin. Es sei jedoch vorgesehen, dass diese Ausgaben erstattet würden.

Tests ja, Impfung nein

Täglich würden zwischen 30 und 35 Testkits gebraucht, am Wochenende sei es etwa die Hälfte. Bei den Landdiensten sind es laut Jaskulewicz am Tag zwischen 200 und 250, wobei einige davon für Besucher sowie Kunden verwendet werden. In der Norle seien es täglich etwa 60, erläutert Uhl.

Was sie besonders ärgere, sei, „dass wir in der ambulanten Pflege dem stationären Bereich gleichgestellt werden, was die Tests betrifft, aber nicht, was das Impfen betrifft“, kritisiert Lohmann. Ihre Angestellten seien in keiner der priorisierten Gruppen, also nicht berechtigt, ebenso früh wie etwa Krankenhauspersonal geimpft zu werden.

Rückblickend beklagen sie und Jaskulewicz auch die sehr schnelle und „holprige“ Einführung der Testpflicht im Dezember. Wenn das nun möglicherweise auch auf die Schulen und Kitas zukomme, täten diese ihm „wahnsinnig leid“, sagt der Landdienste-Geschäftsführer.

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