Die Brandschützer Carl Leffers und Björn Cording berichten von der Rettung eingeklemmter Unfallopfer sowie dem benötigten Equipment

„Abläufe müssen wie Zahnräder ineinandergreifen“

Carl Leffers setzt den Rettungsspreizer an. . - Foto: Schneider

Neerstedt - Von Tanja Schneider. Sind die Opfer von Verkehrsunfällen verletzt oder schweben gar in Lebensgefahr, muss es schnell gehen. Damit die Einsatzkräfte eingeklemmte Personen zügig befreien können, bedarf es nicht nur gut koordinierter Abläufe, sondern auch einer besonderen Ausrüstung. In der Gemeinde Dötlingen verfügt die Ortsfeuerwehr Neerstedt über schweres technisches Gerät – in doppelter Ausführung. Welche Ausstattung sich auf den Fahrzeugen befindet und wie die Brandschützer bei Verkehrsunfällen vorgehen, erklären die Zugführer Carl Leffers und Björn Cording.

Leffers hat das Hilfeleistungslöschgruppenfahrzeug, das HLF 20, aus der Halle hinter das Neerstedter Feuerwehrhaus gefahren und sämtliche Türen sowie Tore geöffnet. Nach und nach holt er zusammen mit Jannis Wilgen, Pressewart der Feuerwehren in der Gemeinde, die für Unfalleinsätze relevante Ausrüstung heraus und platziert sie auf einer roten Plane. „Über eine solche verfügen alle drei Ortswehren“, berichtet Wilgen. „Diejenige, die zuerst am Unfallort ist, breitet sie aus und legt schon einmal vorhandene Materialien auf die dafür vorgesehenen, beschrifteten Flächen.“ Rüsthölzer zur Stabilisierung von Fahrzeugen, ein Notfallrucksack für die Erstversorgung, Rettungsbrett und Werkzeug wie Brechstangen haben alle Feuerwehren an Bord. Spezielles Gerät wie die hydraulische Schere und der Spreizer findet sich hingegen wie auch eine Rettungsplattform nur auf den Fahrzeugen der Neerstedter Ortswehr.

Parallel zur Vorbereitung des „Arbeitsplatzes“ kümmern sich die ersten Einsatzkräfte vor Ort um die Sicherung des Fahrzeuges sowie die Kontaktaufnahme und Erstversorgung der Insassen. Der dann eingetroffene Notarzt gibt schließlich vor, wie viel Zeit den Feuerwehrleuten bleibt, um den oder die Verletzten aus dem Auto zu holen. „Nicht immer ist eine schonende Befreiung möglich. Manchmal muss es eine Sofortrettung sein“, weiß Leffers. Cording, der mittlerweile auch an der roten Plane steht, verweist auf die „Golden Hour of Shock“. Gemäß Statistiken und Studien sollte ein Patient spätestens eine Stunde nach dem Unfall im Krankenhaus ankommen, um eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes zu vermeiden. „Berücksichtigt man die Zeit des Notrufs, der Alarmierung, den Anfahrtsweg der Einsatzkräfte sowie den Weg in die Klinik, ist unser Zeitfenster klein“, sagt Cording. Umso wichtiger sei es, dass Hand in Hand gearbeitet wird. „Die Abläufe müssen wie Zahnräder ineinandergreifen.“

Sind die Neerstedter, die zu schweren Unfällen immer alarmiert werden, also nicht die ersten vor Ort, bereiten die Dötlinger oder Brettorfer den „Arbeitsplatz“ vor, der dann um die spezielle Ausrüstung ergänzt wird. Die Plane, bei der auch Einsteiger aufgrund der Beschriftung fix sehen können, was noch fehlt, dient zum einen organisatorischen Zwecken. „Wir haben dann alles am Unfallwagen und müssen nicht ständig zu unserem Fahrzeug laufen“, so Cording. Zum anderen gibt es den Sicherheitsaspekt. „Alles findet sich gebündelt an einem Platz, so werden Stolperfallen – gerade bei Dunkelheit – vermieden.“ Dritter Vorteil: Die Ausrüstung liegt nicht im Dreck.

Bei der Befreiung eingeklemmter Insassen kommen in der Regel die hydraulische Rettungsschere und der

-spreizer zum Einsatz, die von einem Aggregat auf dem Feuerwehrfahrzeug betrieben werden. Bedienen darf sie jeder ab 18 Jahren, der im Umgang mit ihnen geübt ist. „Die Handhabung ist nicht so einfach. Die Geräte verfügen schließlich über ein ordentliches Gewicht“, berichtet Leffers. Je nach Art des Unfalls – Frontalzusammenstoß oder beispielsweise Seitenaufprall – setzen die Einsatzkräfte an. Oft müssen Seitenteile oder das Dach entfernt werden. Dabei sei der Zugriff über das Heck idealer. Voraussetzung sei eine gute Vorbereitung, zum Beispiel mit Zylindern, mit denen sich Fahrzeugelemente wieder auf ihre ursprüngliche Position drücken lassen. Eine große Rolle spiele die Art des Fahrzeuges. Je neuer und moderner es ist, desto komplizierter und gefährlicher gestalte sich die Zerlegung. „Ein normales Auto hat heute acht Airbags, einige Fahrzeuge zählen deutlich mehr. Jeder Airbag verfügt über eine Druckkartusche. Da sollte man besser nicht mit der hydraulischen Schere ansetzen“, nennt Cording ein Beispiel. Damit die Einsatzkräfte wissen, an welchen Fahrzeugstellen die Chancen am besten stehen, gibt es Rettungsdatenblätter. „Diese kann die Leitstelle über das Kraftfahrzeugbundesamt anfordern. Dafür reicht das Kennzeichen des verunfallten Autos aus“, erklärt Wilgen. Das entsprechende Rettungsdatenblatt übermittelt die Leitstelle dann auf das Tablet im Dötlinger Einsatzleitwagen, dessen Besatzung ebenfalls immer zu schlimmen Unfällen in der Gemeinde ausrückt.

Den Umgang mit schwerem Gerät proben die Einsatzkräfte regelmäßig. „Drei- bis viermal im Jahr auch an einem Fahrzeug“, so Cording. Die Autos, die der Feuerwehr von Schrotthändlern oder Werkstätten zur Verfügung gestellt werden, entsprächen meist aber nicht den modernen technischen Anforderungen. Um mit Schere, Spreizer oder auch Säbelsäge, die zum Einsatz kommt, wenn das hydraulische Gerät nicht ausreicht, zu arbeiten, braucht es laut Cording nicht nur Erfahrung. Die Ehrenamtlichen müssten auch einen kühlen Kopf bewahren und mit dem Zeitdruck umgehen können, schließlich stünden Menschenleben auf dem Spiel. „Bei solchen Einsätzen in der ersten Reihe zu stehen, ist nicht jedermanns Sache. Und das muss es auch nicht. Es gibt genügend Aufgaben.“

Gerade nach schlimmen Unfällen, bei denen durchaus auch Verwandte, Freunde oder Feuerwehrkameraden betroffen sein könnten, setzen sich die Brandschützer immer noch zusammen und reden über die Geschehnisse. „Zudem haben wir die Möglichkeit, einen Seelsorger von außen hinzu zuziehen“, sagt Leffers. Oft helfe aber schon das Gespräch untereinander.

Serie: „Unsere Feuerwehr“

„Retten, löschen, bergen, schützen“ lautet das Motto der Feuerwehr. Die Zeiten, in denen sie nur Brände bekämpfte, sind längst vorbei. Mittlerweile decken die Männer und Frauen, von denen in der Gemeinde Dötlingen rund 150 im aktiven Dienst sind, ein breites Spektrum an Aufgaben ab. Rund um die Uhr sind die Ehrenamtlichen der drei Ortswehren Brettorf, Dötlingen und Neerstedt zur Stelle, wenn im Notfall Hilfe benötigt wird. Daneben engagieren sich rund 100 weitere Mitglieder in der Kinder- und Jugendfeuerwehr, der Brettorfer Feuerwehrkapelle sowie den Altersabteilungen. Der demografische Wandel und ein veränderter Arbeitsmarkt stellen die Feuerwehren heutzutage insbesondere personell vor einige Herausforderungen. Weitere aktive Mitglieder sind vor diesem Hintergrund immer willkommen. Was sie bei den drei Dötlinger Ortswehren erwartet, stellt die Wildeshauser Zeitung in einer Serie vor. Die Artikel befassen sich mit den vielfältigen Arbeitsbereichen, lassen die Einsatzkräfte zu Wort kommen und beleuchten Themen wie die Ausstattung und Ausbildung.

www.feuerwehr-doetlingen.de

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