Netze verbergen „Tarngaragen“

50 Kilometer hinter der Frontlinie - Bundeswehr übt in Neerstedt

Meldekopf: Tobias Busch kontrolliert die Ortszufahrt.
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Meldekopf: Tobias Busch kontrolliert die Ortszufahrt.

Defekte Fahrzeuge, Waffen, Stromerzeuger reparieren: Das ist der Auftrag der 4. Kompanie des Logistikbataillons 161, das in Delmenhorst stationiert ist. Seit Sonntag ist die 120-köpfige Gruppe mit 80 Fahrzeugen in Neerstedt eingerückt – zur Übung.

  • Die Bundeswehr übt in Neerstedt die Versorgung von Frontlinien.
  • Tarnnetze und Planen verdecken die Reparatur-Anlagen der Soldaten.
  • Derartige Übungen soll es - auch vor Ort - künftig wieder häufiger geben.

Neerstedt – Nicht weit vom nördlichen Ortsausgang Neerstedt steht eine Holzbarriere neben einem getarnten Fahrzeug, gegenüber wacht ein Maschinengewehr über die Umgebung. An diesem Meldekopf sichern Stabsunteroffizier Tobias Busch und drei Kollegen die Zufahrt. Zur Übung, versteht sich. Aber trotzdem: Die Anspannung, die er verspürt, ist echt. „Die Lage spitzt sich zu, es hat mehrere Ausspähversuche gegeben“, berichtet er. Deshalb sei die Patrouille nun verstärkt worden. Viel geschlafen hat Busch auch nicht: „Wir hatten die Nachtschicht von 22 bis 6 Uhr, dann kam um 6 der Alarm, das dauerte etwa eine Stunde. Dann konnten wir drei Stunden schlafen, und um 10 kam der nächste Alarm.“ Jetzt ist es etwa 14.30 Uhr.

Mit Stacheldraht gesichert: Im gut getarnten Kompaniegefechtsstand auf dem Gelände des Schützenhauses laufen alle Informationen zusammen.

„Die schlafen alle nicht viel“, bestätigt Major Thomas Hanke, der die Übung organisiert hat und vor Ort leitet. Rund um die Uhr werde in drei Schichten gearbeitet, die Reparatur von Fahrzeugen, Waffen und sonstigen Gerätschaften wie Stromerzeugern ist die Grundaufgabe seiner Kompanie, die zum Logistikbataillon 161 in Delmenhorst gehört. Doch zugleich geht es darum, den im Dorf eingerichteten Instandsetzungspunkt zu sichern und zu verteidigen. Denn im Ernstfall wäre das Lager ein wichtiges Angriffsziel: Etwa 50 Kilometer hinter der Gefechtslinie liegend sind die Soldaten dafür zuständig, defektes Gerät so schnell wie möglich zu reparieren und ihren Kollegen an der Front wieder zur Verfügung zu stellen.

„Das Realistischste wäre natürlich, dass die Bevölkerung evakuiert ist“, erläutert Hanke. Stattdessen hat die Bundeswehr versucht, sich möglichst unauffällig im Ort zu positionieren: Tarnnetze und Planen verdecken die Fahrzeuge. Die Reparaturen werden in mehreren Hallen verschiedener Gehöfte ausgeführt und der Zugang wird kontrolliert. Licht, Wasser und Strom zapfen die Soldaten von der vorhandenen Infrastruktur ab. Es sei zwar möglich, das alles auch mit eigenen Geräten aufzubauen, sagt der Major, aber die Tarnung, die das Dorf biete, sei perfekt. Für die sechs Tage lang währende Besetzung erhalten die Besitzer der genutzten Gehöfte übrigens eine Entschädigung: Insgesamt sind dafür laut Hanke 30.000 Euro ausgegeben worden.

Mobile Werkstatt: In diesem Container wird repariert.

Die Vorbereitung für die Feldeinsatzübung „Geest Werkstatt“, die seit Sonntag und noch bis Freitag läuft, seien „immens aufwendig“ gewesen, berichtet Hanke. Das ist allein daran zu erkennen, wie der zeitliche Ablauf geplant ist: Das eigentliche Training dauert etwa 92 Stunden und wird am Donnerstagmittag beendet sein. Für Anfahrt, Auf- und Abbau sowie die Rückreise ist jeweils ein Tag eingeplant worden.

Die Corona-Pandemie hat die Vorkehrungen noch verstärkt. Grundsätzlich gelten dem Major zufolge für die Soldaten dieselben Regeln wie für zivile Beschäftigte: Maske tragen, regelmäßiges Lüften, Abstand halten. Das habe Auswirkungen auf die Organisation der Schlafplätze und in den Sanitärräumen in der Sporthalle: So darf zum Beispiel nur jede zweite Dusche genutzt werden.

Bundeswehr hat in Neerstedt Schweißerei, Tischlerei und Sattlerei eingerichtet

Mit Schlauchtuch über Mund und Nase ist auch Oberleutnant Marc K., dessen Zug in einer Halle bei Tonne Landmaschinen untergekommen ist, unterwegs. Auf großen Fahrzeugen sind mehrere mobile Werkstattcontainer untergebracht. Hauptsächlich werden Waffen, Stromerzeuger, ABC- und Spezialgeräte repariert. Die Soldaten haben eine Schweißerei, eine Tischlerei und eine Sattlerei in der kalten Halle eingerichtet. Daneben sind die Schlafplätze. Mit großen, schwarzen Siloplanen sind die sonst offenen Tore verhängt worden – „Tarngaragen“ nennt der Zugführer sie. Komfort gibt es hier eher nicht, aber viel zu lernen, sagt er.

Künftig werde es solche Übungen häufiger geben, erklärt Major Hanke. Die Landes- und Bündnisverteidigung rücke wieder stärker in den Fokus der Bundeswehr. Er fühle sich in Neerstedt gut aufgehoben: „Zu 95 Prozent sind wir in der Ortschaft willkommen.“ Und sicher, gibt er zu, habe die Präsenz vor Ort auch einen werbenden Charakter, wenn es um Nachwuchs für die Truppe gehe.

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