Alma Anderson nullt zum neunten Mal / Trampen erst im hohen Alter eingestellt

Per Anhalter zur Verwandtschaft

Im Sommer oft im Garten sitzen können – das wünscht sich Alma Anderson für den Herbst ihres Lebens.

Harpstedt - HARPSTEDT (boh) · Zum Abendbrot gönnt sie sich im täglichen Wechsel ein Glas Buttermilch oder ein Bier. Die „Glotze“ kann ihr getrost gestohlen bleiben. „In jungen Jahren habe ich genug ferngesehen“, findet Alma Anderson, geborene Kuck, die heute zum neunten Mal „nullt“.

Heidi Kabel mochte sie. „Aber sie ist ja leider tot. Wie viele andere Schauspieler auch“, bedauert die aus Lodz in Polen stammende Jubilarin, die nach der Flucht aus ihrer Heimat (1945) 20 Jahre in Einbeck und anschließend 45 Jahre in Celle lebte.

Mittlerweile darf sie sich zu den ältesten Neubürgern der Samtgemeinde zählen: Anfang 2010 nahmen ihre Tochter Marion und deren Partner sie in ihrer Wohnung am Reiterdamm in Harpstedt auf. Das generationsübergreifende Zusammenleben unter einem Dach gestaltet sich unproblematisch. „Meine Mutter konnte einfach nicht mehr allein wohnen. Die Alternative wäre gewesen, für sie einen Platz in einem Seniorenheim zu suchen“, erzählt Marion Anderson (55). Sie entsinnt sich an die Zeiten, da ihre Mutter sie aus Celle per Anhalter besuchte und sich so den Kauf vieler Bahnfahrkarten ersparte. Erst nach einem Sturz – mit Anfang 80 – stellte die Seniorin, die selbst nie Führerschein und Auto besaß, das Trampen ein. Schlechte Erfahrungen bei dieser bekanntlich nicht ganz ungefährlichen Reisemethode hat sie kein einziges Mal gemacht, wohl aber viele anregende Gespräche mit netten Autofahrern geführt. Bei einem Journalisten der Celleschen Zeitung hinterließ Alma Anderson einen so bleibenden Eindruck, dass er eine eigene Fahrt mit der Tramperin sogleich in einer Glosse verwurstete. Vor allem die „Masche“ der jung gebliebenen Dame, am Straßenrand die „aufgeregte Alte“ zu spielen, hatte den Zeitungsmann amüsiert.

Das Fahren per Anhalter habe verhältnismäßig gut funktioniert, erzählt das „Geburtstagskind“. „Kein Wunder, wenn man sich buchstäblich vors Auto schmeißt“, flachst Tochter Marion – und erntet entschiedenen Widerspruch seitens der Frau Mama.

Das Leben der Jubilarin verlief keineswegs geradlinig. Nach 14 Jahren Ehe trennte sie sich 1968 von ihrem Mann. Zwei Kinder musste sie allein großziehen. Tochter Marion (heute 55) lebt mittlerweile seit 1981 in der Samtgemeinde und seit 1988 im Flecken Harpstedt, Sohn Sven-Arne (46) in Hannover.

Einst arbeitete Alma Anderson als Plätterin in einer Heißmangel, später dann bis zur Rente als Hausmeisterin in einem Celler Internat des Landesinstituts für Bienenforschung, wo angehende Imker ihre Ausbildung durchliefen.

Ihren Ruhestand konnte die heute 90-Jährige übrigens erst mit „Verspätung“ antreten. Da sie bei der Flucht als Folge der Kriegswirren ohne Papiere im Westen ankam und ein falsches Geburtsjahr (1922 statt 1921)  Eingang in ihren Personalausweis fand, habe sie ein Jahr länger arbeiten müssen, erzählt die Tochter.

Ihren 90. Geburtstag will die Jubilarin gleich zweimal feiern, zuerst mit Freunden und dann etwas später mit den vorwiegend in Mecklenburg-Vorpommern beheimateten Verwandten, allen voran Cousins und Cousinen. Ihre vier Schwestern und ihren Bruder hat sie überlebt. Die einzige Enkelin Jenny (31) wohnt in Hannover und unterrichtet als Lehrerin an einer Integrierten Gesamtschule (IGS).

„So alt wie Johannes Heesters will ich nicht mehr werden“, sagt Alma Anderson. „Dass ich noch oft und lange im Sommer im Garten sitzen kann, wenn die Sonne scheint, ist mein Wunsch“, übt sie sich in Bescheidenheit. Was in der Welt und auch ihrer früheren sowie der neuen Heimat geschieht, entnimmt sie gleich mehreren Tageszeitungen. Ein besonderes Augenmerk legt sie auf bunte Boulevard-Themen. Ansonsten greift die Leseratte immer wieder gern zu einem Buch.

Harpstedt gefalle ihr „ganz gut“, sagt die Jubilarin, gesteht aber zugleich offen ein, sie hätte nie gedacht, dass sie hier einmal ihren Lebensabend verbringen würde.

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