Eine Geschichte über den Fischereiverein Wardenburg und zwei seiner treuesten Mitglieder

Adrenalinkick beim Angeln

Paul Riefstahl (links) und Helmut Mischer präsentieren den größten Erfolg der Vereinsgeschichte: Einen 29 Pfund schweren und 1,19 Meter langen Hecht. Zwar waren die beiden beim Fang nicht dabei, dennoch freuen sie sich für ihren Vereinskameraden Harald Harms. ·

Oldenburg - Von Jan SchmidtWARDENBURG · Angler sind schon eine Spezies für sich. Sie stehen mitten in der Nacht auf, setzen sich an einen Fluss oder See und starren stundenlang aufs Wasser. Ohne sich zu bewegen. Ganz alleine. Lediglich ein paar zappelnde Würmer sind ihre stummen Begleiter, bis sie als Fischköder am Widerhaken enden.

Viele Menschen werden wohl nie verstehen, was einen Angler zu seinem Sport motiviert. Woher kommt diese Lust auf geduldiges Warten, auf gespanntes Verharren, auf regungslose Momente, Minuten, Stunden?

Paul Riefstahl und Helmut Mischer haben ein Lächeln auf den Lippen, wenn sie von ihrem liebsten Hobby erzählen. „Für mich ist nicht entscheidend, wie viel ich fange. Es geht um den Reiz des ruhigen Momentes, um den Genuss der Natur und der Stille“, sagt Riefstahl. „Mir ist vor allem wichtig, nicht alle zwei Minuten angequatscht zu werden“, pflichtet ihm Mischer bei.

Die beiden Rentner aus der Gemeinde Wardenburg dürfen sich als alte Hasen der Fischerei bezeichnen. Beide sind mit der Angel aufgewachsen, beide traten schon vor Jahrzehnten dem Fischereiverein Wardenburg bei. Heute ist Riefstahl erster Vorsitzender – und Mischer Kassenwart.

Wenn eine Zeitung anklopft und Informationen haben möchte, organisieren die beiden umgehend ein Treffen im Vereinsheim neben der Alten Wassermühle. „Das Vereinsheim ist unser ganzer Stolz“, erklärt Riefstahl. Nach der Gründung im Jahr 1920 trafen sich die ersten rund 70 Mitglieder zunächst in einer kleinen Fischerhütte in der Nähe des Ortskerns. „Am Fischerheim“ lautet die heutige Straßenadresse, doch die Hütte gibt es schon lange nicht mehr. 1988/1989 nahm der Verein ein Darlehen auf und kaufte die Gaststätte „Alte Wassermühle“ sowie eine benachbarte Scheune am Rande der Gemeinde. Die Gaststätte wurde verpachtet, doch in den folgenden Jahren schossen die Sanierungs- und Unterhaltungskosten für das marode Gebäude in die Höhe. Schließlich verkauften die Fischerfreunde die Restauration an einen Pächter und bauten die Scheune zu ihrem Vereinsheim um. Vertraglich war damals vorgesehen, dass der Pächter die Scheune bei Bedarf mit nutzen kann. Schnell führte dies zu Überschneidungen, so dass der Verein schließlich auch die Scheune verkaufte – im Gegenzug ließ der Pächter dafür nur wenige Meter entfernt ein komplett neues Vereinsheim für die Angler bauen. „Seit etwa drei Jahren sind wir dort nun zu Hause“, berichtet Riefstahl. Vor allem auf die Größe des Vereinsheims ist er stolz, denn bei mittlerweile rund 540 Mitgliedern bedeutet viel Kapazität einen Vorteil.

Im oberen Stockwerk befindet sich der Bereich für die Jugend. Etwa 60 Mitglieder unter 18 Jahren zählt der Verein. „Zwar sind nicht alle aktiv, aber dennoch zeugt diese Zahl von einer guten Jugendarbeit“, meint Paul Riefstahl. „Das war nicht immer so“, erinnert sich Helmut Mischer: „Während der jüngeren Vereinsgeschichte haben sich die älteren Mitglieder noch strikt gegen eine Jugendgruppe gewehrt. Minderjährige durften nicht mal mit an die Gewässer kommen, weil sie dort ja sowieso nur Rabatz machen würden, glaubte man.“ Später war es dann mitunter auch Mischers Verdienst, dass die älteren Mitglieder ihre Meinung langsam lockerten. 1975 wurde in Wardenburg eine Jugendgruppe gegründet – und  Mischer  zu ihrem Jugendwart ernannt.

Angeln ist längst nicht nur etwas für ältere. Der Fischereiverein beteiligt sich jährlich an Aktionen der Ferienkiste. Die jugendlichen Mitglieder haben Kontakte zu Vereinen im gesamten Landkreis und über dessen Grenzen hinaus. So werden regelmäßige Angel-Jugendtreffen veranstaltet, das jüngste vor anderthalb Wochen beim Landesverband in Hundsmühlen.

Im Grunde würden bestimmt noch viel mehr Jugendliche den Sport betreiben, wenn damit nicht auch ein gewisser Lernaufwand verbunden sei, glauben Riefstahl und Mischer. Bevor jemand dem Verein beitreten darf, muss er zunächst die Fischerprüfung bestehen. „Dazu gehört auch ein technischer Teil“, erklärt Riefstahl. Längst vorbei sind die Zeiten, als noch ein einfacher Stock, eine Schnur und ein Regenwurm für die Ausrüstung reichten. Heute gibt es unzählige verschiedene Modelle, von der Schnur über den Schwimmer bis zum Köder.

Obwohl schlechter ausgerüstet, machten die Angler aus früheren Zeiten genauso gute Fänge wie heute. „Leider ist der Fischbestand sehr zurückgegangen“, klagt Mischer. Schuld daran seien aber nicht die Angler, sondern vielmehr ein ganz spezieller Vogel, der Kormoran. Seine Nahrung besteht fast ausschließlich aus Fisch. Hunte, Lethe und diverse Teiche in der Region gehören zu seinem Jagdgebiet – laut Riefstahl und Mischer jagt der Kormoran mit großem Eifer. „Der Vogel entwickelt sich zu einem echten Problem“, berichten sie. Alle Hoffnung ruhe nun auf dem politischen Einfluss von Holger Ortel. Der Bundestagsabgeordnete aus Delmenhorst ist gleichzeitig Präsident des Deutschen Fischerei-Verbandes und hat bereits signalisiert, sich in dieser Sache für die Fischereivereine einsetzen zu wollen. Kormoran hin oder her; so mancher Fisch wird sich von dem Vogel ohnehin nicht beeindrucken lassen.

Den Fangrekord im Wardenburger Verein hält zurzeit Harald Harms aus Sandkrug. Vor sechs Jahren zog er einen 29 Pfund schweren und 1,19 Meter langen Hecht aus der Hunte. „Wenn so ein Bursche anbeißt, sollte man seine Angel gut festhalten“, schmunzeln Riefstahl und Mischer. Spätestens aber dann hat sich das Warten gelohnt. Allerdings würde der riesige Hecht – zumindest für einen Moment – die Naturidylle wohl verdrängen. Manchmal kann Angeln eben auch einen Adrenalinkick auslösen.

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