Di Lorenzo über Glaubwürdigkeit und journalistische Verantwortung / 800 Zuhörer

Das achte Gebot gilt auch für die Printmedien

Nach der Veranstaltung in der Kirche gab Giovanni di Lorenzo bereitwillig Autogramme.

Harpstedt - Von Jürgen BohlkenDen Politikern die Leviten lesen? Nein, auf eine Generalabrechnung mit den Entscheidungsträgern sann Giovanni di Lorenzo am Montagabend vor rund 800 Zuhörern in der Harpstedter Christuskirche nicht. Der Chefredakteur („Die Zeit“) widmete sich stattdessen in seinem geschliffenen, scharfsinnigen und mit Bonmots gespickten Vortrag zum Thema „Demokratie braucht Glaubwürdigkeit“ über weite Strecken der journalistischen Verantwortung.

Innerhalb des OLB-Forums „Wissen und Zukunft“ legte der prominente Redner bedenkliche Auswüchse in der Medienlandschaft offen. Zugleich hielt er ein flammendes Plädoyer für glaubwürdigen Qualitätsjournalismus mit Tiefe.

Sich als Verlag und Redaktion nicht anbiedern, mit den Lesern kommunizieren, sie ernst nehmen, ohne sich mit ihnen „gemein zu machen“, neue Formate ausprobieren, dabei flexibel bleiben, ohne sich irre machen zu lassen, sich auf Stärken besinnen, statt das eigene Medium schlecht zu reden, sich nicht durch kostenlos ins Netz gestellten Lesestoff die Preise im Kerngeschäft kaputt machen und Potenziale der Leser nutzen: All das subsumierte di Lorenzo in zehn Geboten, die nach seiner Überzeugung der Schlüssel für den Fortbestand der Zeitung in Zeiten des „allmächtigen Internets“ sind. „Es ist mir etwas unangenehm, dass ich ausgerechnet in der Christuskirche davon anfange. Ich hoffe, der da oben nimmt mir das nicht übel“, flachste der Grimmepreisträger. Das achte Gebot, „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“, fand sich auch in seiner Liste wieder.

Dem Image der „Holzmedien“ als aussterbende Art hielt er entgegen: „Ich glaube an das Internet. Aber

„Distanz zur politischen

Klasse wahren“

auch an die Zukunft der Printmedien.“ Und zum intermedialen „Kulturkampf“ merkte er an: „Wir sollten nicht zwischen Internet und Print unterscheiden, sondern zwischen guten und schlechten, nützlichen und unnützen Texten.“

Die Zeitungen müssten „Ankerplätze im Strom der Information“ sein. Sie büßten hingegen Glaubwürdigkeit ein, wenn sie Bürgern „nach dem Mund schreiben“ oder die Grenzen zwischen Werbung und Berichterstattung „immer mehr verschwimmen“. Sie erzeugten Verunsicherung, wenn sie zu jeder These gleich auch die Antithese formulierten. Der Journalist müsse sich um Wahrhaftigkeit bemühen, dem Leser helfen, sich eine Meinung zu bilden, Mittler zwischen Bürger und Politik sein, aber dabei Distanz zur politischen Klasse wahren. Ein Zuviel an Vertraulichkeit bedeute „das Ende der Transparenz“.

Di Lorenzo warnte vor der „Gier auf gute Geschichten, die blind und taub machen“ könne, vor der vielfach zu beobachtenden Lust der Printmedien „am eigenen Untergang“, vor Versuchungen, Stimmungen zu bedienen, um „billige Effekte“ zu erzielen, aber auch vor zu viel Taktieren und Wankelmut im Journalismus.

Mediale Kritik an der Politik sei, so bedauerte er, vielfach in Verachtung umgeschlagen. „Kann es nicht sein, dass Journalisten Politikern Dinge vorwerfen, die sie selbst an sich hassen?“, hinterfragte der Zeitungsmann und „3 nach 9“-Talkmaster. Dabei schwang etwas Sorge um die parlamentarische Demokratie mit. Das Ansehen der Politiker sei nämlich mittlerweile so schlecht, dass man sie fast schon wieder verteidigen müsse. Es gehe es nicht um Mitleid, sondern um Respekt dafür, dass Menschen sich überhaupt dieses schwierigen Geschäfts annähmen. Die Zeit der einfachen Antworten und ideologischen Gewissheiten sei vorbei, die Welt so komplex, dass es simple Entscheidungen nicht mehr gebe, und dies müssten eben auch die Medien vermitteln und erklären. Di Lorenzo plädierte für mehr journalistische Vorsicht im Umgang mit der Politik. „Das Problem ist, auch dem Wutbürger beizubringen, dass es in einer Gesellschaft ist wie in einer Hausgemeinschaft: Einer allein kann nichts durchsetzen.“

Trotz aller Kritik brach der Referent nach seinem Vortrag im lebhaften Dialog mit den Zuhörern eine Lanze für die Zeitungslandschaft in der Bundesrepublik: „Wenn Sie sehen, wie in Italien innerhalb weniger Jahre die Medien verkommen und fast gleichgeschaltet worden sind, dann haben Sie das Bedürfnis, vor einem deutschen Kiosk niederzuknien.“

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