Oder: Jugendliche erfahren am eigenen Leib, was es bedeutet, Verantwortung für einen Säugling zu übernehmen

Abschreckung ist nicht das Ziel der „Elternzeit“

Brigitte Meyer-Tönjes (links) und Kerstin Bartling (rechts) standen den Projektteilnehmern (nicht alle im Bild) zur Seite. V.l.: Nina Brinkmann (15), Thomas Plate (20), Melissa Mester (16), Mandy Bdzok (16) sowie – knieend – Franziska Häcker (17).

Harpstedt (boh) · „Die erste Nacht war richtig anstrengend“, sagt Thomas Plate (20). Seine Freundin Melissa Mester (16) nickt zustimmend: „Unser ,Baby‘ ist jede halbe Stunde aufgewacht. Hat es länger genörgelt, wollte es das Fläschchen.

Schrie es sofort los, musste es gewickelt werden. Und war nur ein bisschen Weinen zu hören, haben wir es auf den Arm genommen und beruhigt.“ Eltern von Säuglingen zu sein – das bedeutet, Verantwortung zu tragen, erfuhren acht Jugendliche, die sich überwiegend aus den Abschlussklassen der Haupt- und Realschule Harpstedt rekrutierten, von Montag bis gestern während eines Elternzeit-Projekts. Paarweise betreuten sie Puppen mit „eingepflanzten“ Computerchips, die realitätsnah die Bedürfnisse von Babys nachempfanden. Wie echte Säuglinge ließen sich die „Simulatoren“ nicht „abstellen“. Das Batteriefach? Abgeschlossen! Am Ende dürften viele der Teenager froh gewesen sein, den stressigen Eltern-Alltag und vor allem die nervenaufreibenden Nächte überstanden zu haben. „Ich hab‘ kein Bock mehr!“ Mit diesen Worten auf den Lippen kam eines der Mädchen etwas angefressen zur „Nachlese“ in die Delmeschule: „Gerade mal drei Stunden habe ich geschlafen.“

Bei Melissa Mester (16) weckte das Projekt indes offenbar sogar Muttergefühle. Sie könne es sich nun eher als bislang vorstellen, ein Kind zu haben – zu gegebener Zeit, versteht sich. Für Franziska Häcker (17) steht fest: „In den nächsten zehn Jahren will ich kein Baby bekommen.“ Abschreckung sei nicht das Ziel des Projekts, betont Brigitte Meyer-Tönjes, hauptamtliche Mitarbeiterin der Schwangerenberatung „Donum Vitae“, der zusammen mit Kerstin Bartling, Sozialpädagogin der Haupt- und Realschule Harpstedt, die Begleitung und Betreuung oblag. Die gebildeten „Elternpaare“, überwiegend bestehend aus zwei Mädchen, mussten während der Projektzeit zusammen wohnen und ihre Elternpflichten gemeinsam wahrnehmen. Da stellte sich auch schon mal die Frage: Wohin mit dem Kind? Eine „Mutter“ nahm ihr „Baby“ notgedrungen mit in die Fahrschule – in den theoretischen Unterricht.

Der „Stressfaktor“ ließ sich an der Puppe einstellen. Die meisten „Eltern“ entschieden sich für die mittlere Stufe. Gestern schlug die Stunde der Wahrheit – mit dem Auslesen der Computerchips aus den Puppen. Die Daten verraten viel darüber, ob die „Säuglinge“ vernachlässigt oder gut versorgt, liebevoll oder grob behandelt worden sind. Die Auswertung erfolgte in Einzelgesprächen. Überhaupt ließen die Projektleiterinnen die „Eltern auf Probe“ nicht mit ihren Problemen allein. Es gab – gruppenweise und auch einzeln – eine intensive Vor- und Nachbereitung.

Die Projektteilnehmer konnten Kerstin Bartling Tag und Nacht über Handy erreichen. Wie fühlt es sich an, Eltern zu sein? Um das herauszufinden, eigne sich die Baby-Simulation mit Puppen „total gut“, findet die Sozialpädagogin. Das Projekt, das sie vor Beginn in allen neunten und zehnten Klassen der Haupt- und Realschule Harpstedt vorgestellt hatte, könne auch eine wertvolle Erfahrung sein für Jugendliche, die anstrebten, später im Beruf mit Kleinkindern zu arbeiten. Aus Sicht von Brigitte Meyer-Tönjes hat die „Elternzeit“ einen positiven Nebeneffekt: „Die Jugendlichen erfahren auch, wo sie sich Hilfe holen können, sollte es doch zu ungewollter Schwangerschaft kommen.“

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