Bad Rehburger Maßregelvollzungszentrum veranstaltet Meisterschaft

Willkommene Ablenkung: Straftäter bolzen um Titel

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Gesicht zeigen: die Mannschaft aus dem Bad Rehburger Maßregelvollzugszentrum ist stolz auf ihre Leistung – trotz des Ausscheidens im Halbfinale. ·

Nienburg - BAD REHBURG/STOLZENAU · Nahezu unbeachtet von der Öffentlichkeit haben in Stolzenau Patienten aus zehn Kliniken die Norddeutsche Meisterschaft im Fußball ausgetragen. Das Bad Rehburger Maßregelvollzugszentrum hat diese Meisterschaft bereits zum 15. Mal ausgerichtet.

Die üblichen Geräusche eines Fußballturniers tönen vom Stolzenauer Sportplatz auf die Straße: dumpfe Tritte gegen Bälle, Jubelschreie, Anfeuerungsrufe, gebrüllte Traineranweisungen, dazwischen Durchsagen aus dem Lautsprecher. Auf den Bänken am Spielfeldrand haben sich Spieler und Begleiter niedergelassen, um die Spiele bei Sonnenschein zu genießen. Die Partien sind fair, die Stimmung ist gut. So gesehen ein Fußballereignis, wie es auf tausenden von Spielfeldern in Deutschland täglich zu sehen ist.

Und dennoch ist dieses Turnier anders. Denn statt eines normalen Meisterschaftsspiels stehen sich an diesem Tag zehn Mannschaften aus Kliniken Norddeutschlands gegenüber, um die Norddeutsche Patienten-Meisterschaft auszutragen.

Teilnehmen können theoretisch Patienten aus allen Kliniken. Da für die Zusammenstellung solcher Mannschaften aber eine gewisse körperliche Einsatzfähigkeit und ein längerer Aufenthalt in einer Klinik notwendig sind, kommen nur wenige Krankenhäuser tatsächlich in Betracht. Übrig bleiben in der Regel psychiatrische Kliniken und Maßregelvollzugszentren.

200 Männer, die teils wegen psychischer Probleme, teils wegen Straftaten unter Drogen- oder Alkoholeinfluss Patienten sind, stehen also auf dem Platz, nachdem sie mit Bussen aus Schleswig, Lüneburg, Bernburg, Bremen und anderen Teilen Norddeutschlands am Morgen in Stolzenau eingetroffen sind.

„Wir richten diese Meisterschaft schon seit 1998 aus“, sagt Ton van den Born. Er arbeitet im benachbarten Maßregelvollzugszentrum in Bad Rehburg und ist dort seit vielen Jahren derjenige, der sich darum kümmert, dass die Meisterschaften glatt über die Bühne gehen. Einerseits wünscht er „seinen Jungs“, dass sie gut abschneiden und zur Deutschen Meisterschaft in Bad Hennef reisen dürfen. Andererseits geht es ihm an diesem Tag aber eher darum, dass alle ein großes Gemeinschaftserlebnis haben und schönen sowie fairen Fußball spielen. Für viele der Patienten sei es eben doch ein besonderes Erlebnis, einmal „rauszukommen“.

Dass die Bad Rehburger Mannschaft stolz auf ihre Teilnahme ist, zeigt sich allein schon daran, dass sie sich zum Mannschaftsfoto trotz des Hinweises „Presse“ geschlossen der Kamera zuwendet. Wer verurteilt ist und einsitzt, ist ansonsten eher zurückhaltend in solchen Augenblicken.

Die Bad Rehburger Mannschaft unterliegt im Halbfinale schließlich den Lüneburgern. Die Wahrendorffer scheiden noch früher aus. Das betrübt allerdings weder die Männer noch die beiden Trainer allzu sehr. „Seht ihr“, sagt Marcel Wendt nach dem verlorenen Spiel, „wir haben verloren und klopfen uns trotzdem auf die Schulter“. Mit Blick auf den Gegner, bei dem trotz des Sieges harsche Manöverkritik laut wird, fügt er hinzu: „Und die haben gewonnen und kabbeln sich.“ Obwohl er den Bereich Sporttherapie im Wahrendorffer Klinikum leitet, hat Wendt die sportliche Verantwortung bei dieser Meisterschaft abgegeben.

Professionell betreut werden die Männer aus der Psychiatrie vom ehemaligen Hannover 96-Spieler Carsten Linke. Und auch der kann gut damit leben, dass das Spiel verloren ging. „Im Maßregelvollzug haben sie Leute, die früher schon in Vereinen gespielt haben. Das ist bei uns weniger der Fall“, argumentiert er. · ade

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