Bienenforscher warnt vor ungeregeltem Einsatz von Neonicotinoiden

Pestizide bedrohen heimische Insekten

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Der Bestand an Bienen ist  durch den Einsatz von Neonicotinoiden akut gefährdet.

Nienburg - Von Maren Hustedt. Die Verwendung von Pestiziden in Form von Neonicotinoiden dezimiert nicht nur Schädlinge, sondern bedroht die Bestände unserer heimischen Insekten insgesamt.

Das sei wissenschaftlich nachgewiesen und inzwischen auch im Bewusstsein der Bevölkerung so angekommen, leitete Erk Dallmeyer vom BUND den Vortrag am vergangenen Wochenende ein.

Die Organisatoren der Nienburger Kreisgruppe des BUND schienen selbst überrascht von der großen Resonanz, auf die der Vortrag zum Thema „Neonikotinoide und ihre Wirkung auf die Intelligenz der Bienen“ stieß. Mehrmals schaffte man zusätzliche Stühle heran, um für die zahlreich hereinströmenden Besucher Sitzplätze zu schaffen. Vor einem komplett besetzten Saal begrüßte der Berliner Zoologe und Neurobiologe Professor Randolf Menzel schließlich das interessierte Publikum im Kulturwerk.

Zum Vortrag im Nienburger Kulturwerk hatte die BUND-Kreisgruppe Nienburg eingeladen. Das Thema stieß auf sehr großes Interesse.

Der 76-Jährige, der seit über 50 Jahren auf dem Gebiet der „Bienen-Intelligenz“ forscht, beschrieb anschaulich, wie komplex die Aufgaben sind, welche die Insekten mittels ihres ein Kubikmillimeter kleinen Gehirns zu lösen haben. „Wenn ich von Intelligenz spreche, dann meine ich die besonderen Fähigkeiten der Bienen, zu lernen“, erklärte Menzel.

So sei die Fähigkeit der Bienen, in einer unbekannten Landschaftsstruktur exakt zu navigieren, keinesfalls angeboren. Um die logistische Herausforderung zu meistern, in unbekanntem Gelände effektiv Pollen zu sammeln, erarbeiteten sich die Bienen eine „innere Landkarte“.

„Zum Erstellen der Karte begeben sich spezielle Bienen auf etwa zwei bis drei Orientierungsflüge“, so Menzel. Die Erkenntnisse, die sie im Verlauf dieser Flüge gewinnen, teilten sie im Anschluss mittels Schwänzeltanz den übrigen Späher-Bienen mit.

Sowohl in Feld- als auch in Laborversuchen habe Menzel nachgewiesen, dass die Aufnahme von Neonikotinoiden die Gedächtnisleistung der „kontaminierten“ Bienen empfindlich störe. Zum einen hätte ein beachtlicher Anteil der Bienen den Weg zum Bienenstock zurück nicht mehr oder nur stark zeitverzögert gefunden und zum anderen hätten sie ihre Merkfähigkeit in Bezug auf Duftstoffe eingebüßt. Außerdem stellten „kontaminierte“ Bienen den Schwänzeltanz ein.

Was hier nur stark verkürzt dargestellt werden kann, belegte der Forscher mittels Zahlen und Fakten sowie detaillierter Versuchsbeschreibungen. Sein Fazit: Die Pestizide töten die Bienen nicht direkt, sondern gefährden deren Bestand durch die Störung ihrer Lernfähigkeit. Dabei reicherten sie sich mit der Zeit im gesamten Bienenvolk an – ebenso wie im Honig.

Die größte Katastrophe sei, dass Neonicotinoide in der Landwirtschaft nicht nur im Bedarfsfall angewendet, sondern vorbeugend auf die Samen der Feldfrüchte aufgebeizt würden. „Die Insektizide sind nicht nur effektiv, sondern auch wasserlöslich und äußerst stabil, weshalb man sie auch noch fünf Jahre nach ihrem Einsatz auf den betroffenen Flächen nachweisen kann.“

Laut Menzel gelangten 80 bis 98 Prozent der aufgebrachten Pestizide in das Erdreich und Grundwasser, reicherten sich dort an und verursachten langfristig Kollateralschäden ungeahnten Ausmaßes.

Auf die steigende Sensibilität der Bevölkerung reagiere der Handel mit Insektiziden, die ausdrücklich als „nicht bienengefährlich“ ausgewiesen sind. „Doch was heißt ‘nicht bienengefährlich’?“, fragte der Experte. „Dass die Mittel die Bienen nicht unmittelbar töten.“ Das sei zwar juristisch korrekt, schütze die Bienen aber nicht vor den Langzeitfolgen dieser geringer dosierten Pestizide.

„Es gibt genau definierte Grenzwerte für die unmittelbar tödliche Wirkung von Insektengiften“, beschrieb Menzel. Doch ab welcher Konzentration die chronische Aufnahme von Pestiziden gesundheitsschädigend wirkt, würde durch solche Vorgaben nicht beschrieben. „Es gibt Versuche mit Mäusen, deren Ergebnisse Rückschlüsse auf die Gefahr für den Menschen zulassen.“ In Brandenburg seien jüngst drei Honig-Ernten vernichtet worden, weil sie 150-fach höher belastet waren „als zulässig“. Die Frage, wie viel Honig wir denn noch unbedenklich essen dürften, ließ der Experte mangels definierter Grenzwerte jedoch in der Verantwortung des Einzelnen.

Eine klare Aussage machte er hingegen in Bezug auf den Umgang mit Neonikotinoiden wie er ihn sich wünscht: „Ein vollständiges Verbot ist nicht praktikabel. In Ausnahmefällen muss die Verwendung erlaubt sein.“ Die Entscheidungsbefugnis darüber sollte jedoch in der Verantwortung von unabhängigen Pflanzenschutzmittel-Beauftragten liegen und nicht im Ermessen jedes einzelnen Landwirts. Doch das verursache zusätzliche Kosten. „Dann müssen wir alle mehr Geld ausgeben für unser Essen“, schloss der Wissenschaftler und erntete dafür den Beifall seiner Zuhörer.

Quelle: BlickPunkt Nienburg

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