Film dokumentiert Flucht aus Schlesien / Hauptdarstellerin im Kino dabei

Über Heimat, Krieg und das Überleben in der Fremde

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Ilse Kaper begleitet ihre Tochter Karin, Regisseurin des Films „Aber das Leben geht weiter“, am Mittwoch, 22. Februar, zur Vorführung dieses Streifens in das Filmeck in Nienburg.

Nienburg - Von Sabine Grulke„Aber das Leben geht weiter“, das ist das Lebensmotto der 80-jährigen Ilse Kaper. Die Seniorin musste als Jugendliche mit ihren Eltern nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem schlesischen Dorf Niederlinde flüchten, das heute den polnischen Namen Platerówka trägt.

Ihre Tochter Karin Kaper, in Bremen geborene Regisseurin und Schauspielerin, hat darüber einen sehr privaten Film gedreht, der genau diesen Titel trägt: „Aber das Leben geht weiter“. Er beleuchtet die Themen Heimat, Krieg und Überleben in der Fremde. Gezeigt wird er am Mittwoch, 22. Februar, um 19 Uhr im Filmeck in Nienburg sowie am nächsten Vormittag im Rahmen der Schulkinowoche. Dabeisein werden nicht nur der Co-Regisseur, Dirk Szuszies, sondern auch Ilse Kaper selbst.

Sie freut sich darauf, im Anschluss an die Filmvorführungen den Zuschauern Rede und Antwort zu stehen. „Viele nette Menschen“ habe sie so schon kennengelernt. Menschen, die ein ähnliches Schicksal erlebt haben - darunter viele, die sich zunächst nicht erinnern konnten oder wollten. Das sei nicht nur interessant, sagt Kaper, sondern „viele sind auch dankbar.“

„Ich war damals 13, ich habe eine gute Erinnerung an alles“, so Ilse Kaper. Als im Sommer 1946 endgültig der Befehl kam, den seit Generationen im Familienbesitz befindlichen Hof zu räumen und innerhalb einer Stunde mit gepackten Sachen dazustehen, habe ihre eigene Mutter das damals gar nicht begreifen können, schildert sie: „Sie ist einfach wieder aufs Feld gegangen und hat weiter gearbeitet. Wir mussten sie dann holen.“

Ihren Hof hatte eine polnische Familie zugesprochen bekommen. Ein Jahr lang hatten vorher die zwangsenteigneten Deutschen und die neuen polnischen Besitzer dort zusammen gelebt. „Ich musste als Kind für die Polen arbeiten, aber ich bin nie misshandelt worden“, schildert Ilse Kaper. Natürlich sei es „eine bittere Zeit“ gewesen.

Aber der Film zeigt die Vertreibung und den Verlust der Heimat auch aus der Sicht der polnischen Frauen. Sie waren ihrerseits zuvor mit ihrer Familie 1940 von der sowjetischen Armee aus Ostgebieten Polens nach Sibirien verschleppt worden.

Als ihre Tochter Karin Kaper, Jahrgang 1959, mit der Idee kam, die Erlebnisse der eigenen Familie zu verfilmen, war die Mutter zunächst skeptisch: „Anfangs wollte ich nichts davon wissen“, erinnert sie sich, „aber inzwischen bin ich darüber weg. Ich hab's gepackt.“

Warmherzig und ruhig

– ohne jede Gewalt

1975 folgte die erste gemeinsame Reise von Mutter und Tochter in die ehemalige Heimt, 25 Kilometer östlich von Görlitz, in das Dorf, das nun Platerówka heißt. Dort haben sich die Familien besucht. Drei Generationen Frauen, deutsche und polnische, hat die Regisseurin zu Wort kommen lassen. Entstanden ist ein warmherziger und ruhiger Film ohne jede Gewaltdarstellung.

„Darin reden auch nicht nur die alten, sondern auch die jüngeren Generationen“, sagt Regisseurin Karin Kaper. Ihr Filmprojekt sei für manche „so etwas wie eine Initialzündung“ gewesen: Nachdem manch einer sich jahrelang nicht erinnern wollte, sondern Familien- und Existenzgründung im Vordergrund standen, würden beim Betrachten mancherlei „stark weggepackte Erinnerungen“ hervorgerufen.

Schauplätze sind Bremen und Orte in Niedersachsen, denn die Familie verschlug es zunächst einmal in die Ortschaften rund um Syke. Dort kamen sie unter, und Ilse Kaper bekam zunächst in Melchiorshausen, dann später in Bremen Arbeit. „Ich wollte Schneiderin lernen, aber da gab es nichts“, erinnert sie sich.

Nachdem sie einige Zeit in Heimarbeit gestrickt hatte, fand sie nach der Währungsreform eine Anstellung in einem Bremer Lebensmittelladen. Mit ihrem Mann, den sie dort kennenlernte, führte sie jahrelang eine Bäckerei. Ilse Kaper lebt heute noch in Bremen-Hastedt, ihre Tochter Karin in der Bundeshauptstadt Berlin.

Nach dem Tod ihres Mannes seien die Filmvorführungen und die Gespräche mit den Zuschauern für sie „eine gute Ablenkung“, sagt Ilse Kaper. Natürlich plage sie auch hin und wieder ein Zipperlein, aber: „Man muss voranschauen, das tut dem Körper gut.“

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