Schwefel kommt über die Schiene zur Verarbeitung

Von der Schiene in den Tank

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Ein Mal pro Woche queren die Waggons die Große Drakenburger Straße auf dem Weg in und aus dem Industriepark.

NIENBURG - Von Nikias Schmidetzki. Es ist noch immer etwas besonderes, wenn die Waggons auf das Gelände des Industrieparks Nienburg rollen. Lange Zeit lagen die Schienen fast brach, heute nutzt ein Unternehmen sie, um ihren wichtigsten Rohstoff zu transportieren.

Die Sonne ist noch nicht ganz aufgegangen, da leuchtet die Ampel rot. Die Fahrerin des auswärtigen Fahrzeugs hält und wartet den querenden Zug ab. So manch Einheimischer hätte sich vermutlich gewundert: 15 Jahre lang lag sie weitestgehend brach, seit Oktober rollen wieder regelmäßig Waggons über die Schienen quer über die Große Drakenburger Straße in Nienburg.

Der Hauptgrund für die Reaktivierung der Stränge liegt im Grunde gute 30 Kilometer weiter entfernt in südwestlicher Richtung. Von dort, von der NEAG in Voigtei bezog die Nienburger Niederlassung der Firma Flexsys Schwefel. Per Lastwagen kam der Rohstoff bis dahin. In flüssiger Form war er bei der Gasreinigung abgefallen. Nun, da bei der Erdgasaufbereitungsanlage die Lichter ausgehen, bezieht Flexsys die benötigten Schwefelmengen aus Großenkneten. Weil dort aber keine Verladung auf Lastwagen möglich ist, kommt nun statt drei täglichen Lieferungen über die Straße nur noch eine pro Woche – über die Schiene.

So ganz stillgelegt war die Trasse nicht. Vier Waggons kamen pro Jahr ins Werk. Beladen waren sie stets mit Schwefelkohlenstoff. „Der muss wegen seiner Gefährlichkeit per Schiene transportiert werden, wenn das möglich ist“, erklärt Flexsys-Werkleiter Jürgen Wnuck. Seit Herbst dienen die Schienen nun aber wieder ganz regulär dem Lieferverkehr. Die Waggons kommen am Umschlagplatz, einige hundert Meter vom Werkstor entfernt, an. Von dort holen geschulte Mitarbeiter die Wagen ab. Zum Ziehen nutzen sie einen Unimog, der sowohl straßen- als auch schienentauglich ist.

Flexsys

An sieben Standorten weltweit produziert Flexsys unlöslichen Schwefel, der größte davon steht im Nienburger Industriepark. Dessen Betreibergesellschaft ist eine Tochter des Unternehmens, dass wiederum zum rund 10 000 Mitarbeiter zählenden Eastman-Konzerns gehört. Der Industriepark auf dem Gelände der ehemaligen Kali-Chemie im Nienburger Nordertor beheimatet zudem mehrere andere Unternehmen aus dem Chemiebereich, darunter Chr. Hansen, BASF und Feralco.

Die Umstellung brachte vor allem zwei Auszubildenden vielversprechende Anschlussverträge. Die beiden frischgebackenen Chemiefacharbeiter Jan Bischoff und Nico Schlüterbusch holen die Waggons an der Übergabestelle ab und kümmern sich ums Entladen – bei der großen Schwefelmenge ist das eine Tagesaufgabe. Die gelbe Flüssigkeit wird aus den Waggons gepumpt und fließt zunächst direkt in den Tank. Passieren kann dabei eigentlich nichts. Schutzmasken tragen sie doch. Nur für den Fall, dass toxisches Gas austritt, das sich während des Transports gebildet hat, erklären sie. Gefahr für die Umwelt besteht allerdings nicht. Es ist durchaus nicht gerade wenig Verantwortung, die beide untereinander aufteilen. Ihr Chef Wnuck ist aber sicher, eine gute Wahl getroffen zu haben: „Die sind unsere Zukunft, Führungskräfte von morgen.“

Dass übrigens einmal pro Woche zwölf Waggons und nicht häufiger kleinere Mengen in Nienburg ankommen, hat logistische wie auch chemische Gründe. Hätte der Zug weniger Waggons, hätten längere eine höhere Priorität, der Schwefel müsste häufig auf passierende Züge warten. In der Folge könnte er so stark abkühlen, dass er erstarrt. Im Werk müsste er also wieder in die flüssige Form umgewandelt werden. Da war es sogar eine günstigere Alternative, einen neuen Tank bauen zu lassen, um die großen Mengen des Rohstoffs lagern zu können.

Von den Schienen in den Tank

In der Dämmerung zieht ein Unimog die Waggons. © Nikias Schmidetzki / Aller-Weser-Verlag
Die Straße ist für die Überquerung gesperrt. © Nikias Schmidetzki / Aller-Weser-Verlag
Dann fährt der Zug auf das Werksgelände. © Nikias Schmidetzki / Aller-Weser-Verlag
Der Unimog kann sowohl auf Schienen als auch auf der Straße fahren. © Nikias Schmidetzki / Aller-Weser-Verlag
Strahlend gelb schimmert der Schwefel aus der Öffnung des Tankwaggons. © Nikias Schmidetzki / Aller-Weser-Verlag
Behutsam bringen die Mitarbeiter den Schlauch in Position. © Nikias Schmidetzki / Aller-Weser-Verlag
Dann wird der flüssige Schwefel in den Tank gepumpt. © Nikias Schmidetzki / Aller-Weser-Verlag
Jan Bischoff (l.) und Nico Schlüterbusch sind auf den Transport spezialisiert. © Nikias Schmidetzki / Aller-Weser-Verlag

Den Schwefel modifiziert Flexsys in einem hochtechnischen Prozess, so dass er unlöslich wird. Dafür ändert sich die Anordnung der Moleküle. Als Pulver verkauft Flexsys das Ergebnis schließlich weltweit – vor allem an die Reifenindustrie. Er dient zur Vulkanisation und macht den Kautschuk elastisch. Den Weg aus dem Werk in die Welt beschreitet der Schwefel dann zunächst wieder auf der Straße. „Der Großteil wird in Containern transportiert“, erklärt Wnuck.

Bischoff und Schlüterbusch bringen unterdessen die Waggons wieder auf den Weg. Gegen Abend verlassen sie – mit dem Unimog die Tankwagen ziehend – das Werksgelände über die Schienen. Während einer am Steuer sitzt, sorgt der andere für die Straßensperrung mittels Rotlicht. Wenige Minuten sind das zwar pro Strecke nur, ein seltenes Schauspiel bleibt es trotzdem.

Quelle: BlickPunkt Nienburg

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