Klaas Jerit Witte und Hannes Schwessinger starten Projekt in Ghana

Recycling im Regenwald

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Der Abfall landet in Ghana auf wilden Müllkippen. Was dort Ziegen, Hühner und Geier übrig lassen, wird verbrannt.

Nienburg - Von Leif RullhusenDichter, beißender Qualm, der die Luft zum Atmen nimmt und in den Augen brennt. Flüsse, in denen vor lauter Plastikmüll kein Wasser mehr zu sehen ist: Ghanas Abfallentsorgung entwickelt sich zu einem ernsten Problem für das westafrikanische Entwicklungsland. Vor allem von Plastikmüll entledigen sich die Menschen durch Verbrennen auf wilden Müllkippen oder vergraben im Erdreich – getreu dem Motto: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“

Das wollen die beiden Kreis-Nienburger Klaas Jerit Witte und Hannes Schwessinger mit ihrem Recycling-Projekt ändern. Gemeinsam mit dem noch jungen Entwicklungshilfeverein „Technik ohne Grenzen“ bauen sie an mehreren Schulen derzeit ein System zur Mülltrennung auf.

Das Prinzip ist ganz einfach. Die Schüler sammeln ihren Plastikmüll und verkaufen ihn an eine Recycling-Firma in der Hafenstadt Tema, die ihn in regelmäßigen Abständen abholen lässt. Die Umsetzung in dem afrikanischen Land ist dagegen zuweilen abenteuerlich. Ohne die Erfahrungen und Kontakte von Klaas Jerit Witte in Ghana wäre sie wohl kaum möglich. „Allein die entsprechenden Telefonnummern herauszufinden, ist enorm aufwendig gewesen“, berichtet er. Der 22-Jährige unterrichtete im Rahmen seines entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes von 2010 bis 2011 an einer Gehörlosenschule in Mampong – mitten im afrikanischen Regenwald. In dieser Zeit reifte in ihm die Recycling-Idee. Er knüpfte Kontakte, führte erste Gespräche und organisierte die Mülltrennung an „seiner“ Schule.

Zurück in Deutschland holte er seinen Schulfreund Hannes Schwessinger und „Technik ohne Grenzen“ mit ins Boot. Ihr Ziel: Die Mülltrennung zunächst auf acht weitere Schulen rund um Mampong auszudehnen. „Nur wenn genügend Müll zusammenkommt, lohnt sich der Abtransport aus dem Busch für die Recycling-Firma“, erklärt Witte.

Mit viel Enthusiasmus und einer Zeitvorgabe von drei Monaten starteten Witte und Schwessinger im März dieses Jahres in Richtung Ghana. Nun sind sie zurück und ihre Erwartungen haben sich mehr als erfüllt. „Wir sind voll und ganz zufrieden“, bilanziert Witte. Kein Wunder: Die beiden jungen Männer konnten 15 Schulen – darunter zwei Internate mit zusammen über 1 000 Schülern – von ihrer Idee überzeugen.

Ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben von Wittes ehemaliger Schule stießen die Deutschen ausnahmslos auf offene Ohren. „Die Menschen waren begeistert von unserer Idee. Viele Schüler müssen Tag für Tag an brennenden Müllkippen vorbei. Denen ist das Müllproblem schon bewusst. Das hat uns motiviert, weiterzumachen“, erzählt Witte. „Dabei haben wir immer neue Schulen im Busch entdeckt“, ergänzt sein Freund. So wurden aus den neun geplanten schließlich 15 Schulen.

Auch den regelmäßigen Abtransport organisierten sie. Natürlich verlief nicht alles nach Plan und manchmal half auch der Zufall. „Das ist eben Afrika, da muss vieles improvisiert werden“, schildert Witte. So mussten sie zum Beispiel Schulen häufig mehrmals besuchen, weil der Unterricht trotz Ferienendes noch nicht wieder begonnen hatte. Und Nana Kwasie, der Fahrer, der den Müll einsammelt und zur Recyling-Firma „Blow Plast“ in Tema transportiert, lief ihnen vollkommen zufällig über den Weg. Während sie mal wieder auf einen Schulleiter warteten, unterhielten sich die Nienburger über ihr Projekt. Kwasie, Freund des Schulleiters und der deutschen Sprache mächtig, weil er ein paar Jahre in Deutschland gelebt hatte, kam so mit ihnen ins Gespräch. Die Lizenz für ein „Business“ hatte er auch. Geld, ein solches zu betreiben dagegen nicht.

Das Finanzielle regelte das Duo aus Deutschland mit den Banken. Gleich beim ersten Abtransport, den die beiden Deutschen gemeinsam mit Nana Kwasie erledigten, kamen bereits sechs Tonnen Plastikmüll zusammen. Das soll aber noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. Der nächste Schritt könnte eine Ausweitung auf die gesamte Gemeinde sein. „Theoretisch ist es in jedem Land Afrikas umzusetzen“, glaubt Witte.

Klaas Jerit Witte und Hannes Schwessinger haben zunächst andere Primärziele. Beide beginnen im Herbst mit ihrem Studium. Witte hat sich für Bauingenieurswesen und Schwessinger für Rechtswissenschaften eingeschrieben. Eine Kombination, die – so hoffen die beiden – ideale Voraussetzungen bietet, um später einmal Entwicklungshilfeprojekte zu organisieren. Als Koordinatoren für „Technik ohne Grenzen“ wollen sie während ihres Studiums weitermachen.

Befürchtungen, dass das Recycling-Projekt ohne ihre Anwesenheit ins Stocken gerät, haben Witte und Schwessinger nicht. „Jede Partei hat ein wirtschaftliches Interesse an der Fortführung“, begründet Witte seinen Optimismus. Die Schulen und Nana Kwasie teilen sich die Erlöse nach einem festgelegten Schlüssel und „Blow Plast“ verdient an der Aufarbeitung des gesammelten Materials. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten und den Umweltschutz – so bezeichnete Witte das Projekt schon vor dem Start.

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