Richter zieht Vergleich zu „Jauchegruben-Fall“ aus dem Jahr 1960

Prozess um Balge-Mord: Nur eine fahrlässige Tötung?

Das Landgericht Verden von außen.
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Ein schnelles Ende des Prozesses am Verdener Landgericht ist nicht in Sicht.

Sollten die Angeklagten Andrea Korzen lebendig in die Weser bei Balge geworfen haben, könnte sich dieses rechtlich zu ihren Gunsten auswirken.

Verden/Balge - von Wiebke Bruns. Im Fall der 19-jährigen Andrea Korzen, die an einer Betonplatte gefesselt bei Balge in die Weser geworfen wurde, zieht die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Verden die Möglichkeit einer fahrlässigen Tötung in Betracht. Als der Vorsitzende Richter Volker Stronczyk dies am Donnerstag erläuterte, zog er einen Vergleich zu einem „Jauchegruben-Fall“, der 1960 am Bundesgerichtshof entschieden wurde.

„Fahrlässiges Töten durch ein Hineinwerfen in die Weser“

Eine Frau glaubte, eine andere Frau getötet zu haben. Um die vermeintliche Leiche zu beseitigen, warf sie ihr Opfer in eine Jauchegrube. Erst dort verstarb die Frau durch Ertrinken. „Das wäre auch hier möglich“, führte der Vorsitzende aus. Dann wäre es „ein fahrlässiges Töten durch ein Hineinwerfen in die Weser“, erklärte er. „Das hat die kuriose Folge, die bisher kein Verfahrensbeteiligter gesehen hat. Ein lebendiges Hineinwerfen könnte sich rechtlich zu Gunsten der Angeklagten auswirken.“ Ein 41 Jahre alten Mann, seine damalige 40 Jahre alte Lebensgefährtin und ein 53 Jahre alter Freund des Mannes – alle aus Nienburg – sind unter anderem wegen Mordes angeklagt.

Ist Andrea Korzen ertrunken oder war sie schon tot?

Aus Sicht der Kammer steht noch gar nicht fest, ob die 19-Jährige ertrunken ist oder schon tot war, als sie in den Fluss geworfen wurde. „Recht gut aufklärbar“ sei dagegen – alles nach vorläufiger Bewertung der Beweisaufnahme – das Geschehen bis zum 7. April 2020.

In der Garage gefangen gehalten

Der Anklage zufolge hatte der 41-Jährige die junge Prostituierte in der Nacht zuvor gekauft, um sie für sich arbeiten zu lassen und auszubeuten. Aufgrund einer schweren Psychose soll die 19-Jährige dazu gar nicht mehr im Stande gewesen sein. Statt sie in eine Klinik zu bringen, soll sie in der Garage gefangen gehalten und in der Nacht zum 9. April 2020 getötet worden sein.

Wie in einem Mafia-Film

Fraglich erscheint der Kammer, aufgrund nicht vorhandener Abwehrverletzungen, dass die 19-Jährige bei vollem Bewusstsein auf die Platte gebunden wurde. „In solch quälender Art und Weise. Das wäre ein Horrorgeschehen“, sagte Stronczyk. „Ein Geschehen, bei dem man an Mafia-Filme denken würde.“

Kammer zieht auch ein Töten in der Garage in Betracht

Als „ernsthafte Möglichkeit“ zieht die Kammer ein Töten in der Garage in Betracht. Denkbar sei auch ein Rücktritt vom Versuch und eine Körperverletzung mit Todesfolge. Der 53 Jahre alte Angeklagte soll seiner Freundin später berichtet haben, dass er die 19-Jährige wiederbelebt habe. Der 41-Jährige soll das Opfer gewürgt haben. Für unwahrscheinlich hält es die Kammer, dass eine bislang unbekannte Person, möglicherweise ein letzter Freier“, Andrea Korzen getötet hat.

Die Angeklagten schweigen

Bislang schweigen alle drei Angeklagten zu den Vorwürfen. Ein schnelles Ende des Prozesses ist jedenfalls nicht in Sicht. Alle Verfahrensbeteiligten sollen dem Vorsitzenden freie Termine bis Oktober 2020 mitteilen.

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