Open Air-Projekt mit inklusiver Band in Planung

Wenn Anderssein normal ist

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Ein großes Publikum erwarten der Rehburg-Loccumer KulTour-Verein und der Arbeitskreis Stolpersteine für das Konzert im Park der Loccumer Heimvolkshochschule – wie hier beim Open Air in 2012.

LOCCUM - Von Beate Ney-Janßen. Der KulTour-Verein und der Arbeitskreis Stolpersteine machen in Rehburg-Loccum gemeinsame Sache. Für Sonnabend, den 18. Juli, planen sie ein Open Air-Festival im Park der Evangelischen Heimvolkshochschule Loccum.

Während der KulTour-Verein Marius Müller Westernhagen von der Band „SeXXy“ covern lässt, hat der Stolperstein-Arbeitskreis die integrative Band „The Mix“ engagiert. mlich jeder – doch was macht „The Mix“ und weshalb passt das zu einem Stolperstein-Projekt? „Gehen Sie hier rechts, dann wieder links und dann – dann müssten Sie eigentlich schon hören, wo Sie hingehen müssen.“ Die Wegbeschreibung, die die Dame im Pförtnerhäuschen der Evangelischen Stiftung Neuerkerode abgibt, ist exakt, der Weg leicht gefunden – und der Rest nicht zu überhören. So ist das an jedem Freitagvormittag. Dann kann ‚The Mix' beobachtet werden in dem kleinen Raum, in dem die Musiker proben, direkt neben dem Schwimmbad und mit einem großen Fenster, das den Blick auf Schlagzeuger Ernst Volker Lindmüller frei gibt. Mit den Ohren werden sie allerdings noch früher wahrgenommen.

Dort stehen sie dann, die elf Mitglieder der Band. Schlagzeug, Gitarre, Bass, Keyboard, etliche Mikrofone für die Sänger und ein Mischpult. Peter Savic an der Gitarre gibt den Ton an. Was soll jetzt geprobt werden, wo hakt es noch? Ein Lied nach dem anderen lässt er durchspielen, hat nur selten etwas zu meckern, sieht es auch ein, wenn Tasja Renken am Keyboard ihm sagt, dass das nun wirklich viel zu schnell war, und kann leider nichts daran ändern, als Leadsängerin Nadine Timpe sich beschwert, weil ein Verstärker so laut brummt, dass sie meint, ihre eigene Stimme nicht mehr zu hören. Peter – das „Du“ ist selbstverständlich für die Musiker und diejenigen, mit denen sie zu tun haben - ist der Gründer der Band. Er spielt dort Gitarre, singt, schreibt Songs und managt sie. Vor einigen Jahren trat der Direktor der Stiftung Neuerkerode an ihn heran. Neuerkerode – das ist wie ein kleines Dorf für sich, nahe an Braunschweig. Rund 800 Menschen mit Beeinträchtigungen wohnen dort. Und etliche haben auf dem Gelände auch ihren Arbeitsplatz.

Probenarbeiten: an jedem Freitagvormittag steht The Mix im Probenraum in Neuerkerode und lässt die Musik über das Gelände schallen.

Musik machen mit den Bewohnern – das war die Bitte des Direktors. Peter stieg darauf ein und hatte bald eine Band zusammen. „Wenn wir wollten, könnten wir drei- bis viermal so viele Bandmitglieder haben“, sagt er. Das Interesse bei den Bewohnern ist groß. Aber gar so viele Musiker braucht The Mix nicht und Qualität spielt schließlich auch eine große Rolle. Was für ihn keine so große Rolle spielt, dass sind die Beeinträchtigungen der Bandmitglieder. Klar, der Ernst am Schlagzeug sei einer der großen Glücksgriffe, sagt er. Der sei mit viel Erfahrung an dem Instrument zu ihnen gekommen. Aber auch solche ohne Erfahrung werden integriert. Die Beeinträchtigungen treten dabei in den Hintergrund. Als Leitspruch steht in jeder Mail von Peter ‚Wenn das Anderssein normal ist'. Auf Rückfragen nach besonderen Rücksichtnahmen bei Auftritten beteuert er überzeugend: „Keinen Aufstand machen. Wir sind völlig unkompliziert.“ Elf Musiker sind es, die zu ‚The Mix' gehören. Sieben von ihnen leben in Neuerkerode, vier weitere sind Begleiter. Wenn sie loslegen, wenn sie ihre Lieder spielen, dann ist kaum auszumachen, wer Begleiter und wer Begleiteter ist.

Mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein stehen sie alle auf der Bühne. Nadine genießt es offensichtlich, vorne an der Bühne und im Mittelpunkt stehen zu dürfen, nimmt gerne Blickkontakt auf. Flirtet sie etwa mit dem jungen Mann am Mischpult? Das Konzertgewand der zierlichen jungen Frau hängt an einer Leine im Probenraum: ein violettes, flatterndes Kleid, das sie auf der Bühne im ersten Moment noch ein wenig zarter wirken lässt. Bis sie anfängt zu singen.

Auf Peters T-Shirt steht vorne ‚The Mix' und auf der Rückseite ‚Namibia-Tour 2011'. Tatsächlich war Afrika schon das Ziel einer Tour der Band. Und erst im Herbst 2014 haben sie die Ostküste Amerikas gerockt. „Wir haben fast jede Woche einen Auftritt“, sagt Peter. Das reicht von privaten Geburtstagsfeiern bis zu Beiträgen auf Festivals mit mehreren tausend Zuschauern. Für ihre Auftritte lassen sie sich bezahlen. Sie werden nicht reich damit, aber können doch mittlerweile einen guten Teil des Band-Projekts aus den Gagen finanzieren.

Das Open Air beginnt im Park der Evangelischen Heimvolkshochschule Loccum am Sonnabend, 18. Juli, 18.30 Uhr. Karten kosten im Vorverkauf 14 Euro, ermäßigt zwei Euro. An der Abendkasse zahlen Gäste 16 Euro beziehungsweise drei Euro. Karten gibt zunächst unter der Nummer der Kartenhotline (0 57 66) 9 41 90 36. Reservierung per Internet ist unter www.kultur-verein.de möglich. Wer einen Vorgeschmack auf die Musik von The Mix bekommen möchte, wird auf www.youtube.de unter den Stichworten ‚The Mix’ sowie ‚Alles egal’ oder ‚Wo geht die Reise hin’ fündig.

Aber was für Musik machen sie denn? „Rock“, sagt Peter. Meistens mit deutschen Texten. Manchmal auch auf Englisch. Wie es ihnen gerade gefällt. Die meisten Stücke haben sie selbst geschrieben. Wie das Lied, bei dem Nadine anfängt zu grinsen. Dazu habe sie die Idee gehabt, erzählt sie. Ihre Gefühle habe sie ausdrücken wollen nach der Trennung von ihrem Freund. Den Text hat sie Peter vorgeschlagen, der hat daran gefeilt und die Musik komponiert. Gemeinsam haben alle sich das angehört, haben gesagt, was sie geändert haben möchten und was ihnen gefällt. Das Ergebnis ist der Song „Du bist ein Arschloch“ – laut und inbrünstig singen alle den Refrain mit. Besonders Nadine, die damit ihrem Ex-Freund ein ums andere Mal zu verstehen gibt, was sie von ihm hält. Was aber hat die Musik einer inklusiven Band mit einem Stolperstein-Arbeitskreis zu tun? Diese Frage beantwortet Friedrich Holze, Vorsitzender des Rehburg-Loccumer KulTour-Vereins und außerdem Mitglied in dem Arbeitskreis. Nachdem im vergangenen Jahr der Schwerpunkt des Stolperstein-Projekts auf der ehemaligen jüdischen Gemeinde gelegen habe, sagt Holze, sollte in 2015 mit Euthanasie ein weiterer Schwerpunkt hinzukommen. Ein Vortrag zur Euthanasie, Jugendliche, die Texte von und zu Euthanasie-Opfern in einer szenischen Lesung vortragen, eine weitere Lesung von Erwachsenen mit dem Titel ‚Irgendwie anders' und eventuell auch die Verlegung eines Stolpersteins für ein Opfer der Euthanasie seien in Planung. Und dann wollte der Arbeitskreis ein großes Fest haben, bei dem fröhlich gefeiert wird, das allen Unkenrufen von Ausgrenzung trotzen soll und das viele Menschen zusammenbringt, die ansonsten vielleicht nicht gemeinsam feiern würden.

Bühnenshow: in großer Besetzung treten The Mix auf und haben nahezu wöchentlich einen Auftritt.

So kam die Idee zustande, eine inklusive Band zu engagieren, und das jährliche Open Air des KulTour-Vereins mit einem zusätzlichen Aspekt zu versehen. Der KulTour-Verein, sagt Holze schmunzelnd, habe sich nicht geziert. Weder bei der Auswahl der Band noch bei dem, was sich der Arbeitskreis für das Publikum erbeten hat. Denn dort sollen nun wirklich alle, die Lust darauf haben, dabei sein können. Hürden werden beispielsweise über den Eintrittspreis abgebaut. „Wir werden“, sagt Holze, „in diesem Jahr unseren ermäßigten Preis nicht um zwei Euro reduzieren gegenüber dem üblichen Eintritt.“ Stattdessen müsse jeder, für den eine Ermäßigung gelte - also Schüler, Studenten, Auszubildende und Behinderte - lediglich zwei Euro im Vorverkauf und drei Euro an der Abendkasse bezahlen. Der Arbeitskreis, erzählt Holze, beginne schon damit, Schulen und Einrichtungen, in denen Menschen mit Beeinträchtigungen leben und arbeiten, intensiv auf das Open Air aufmerksam zu machen.

Quelle: BlickPunkt Nienburg

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