Jahrestag am 28. März

Nur, weil sie Juden waren: Erinnerung an die Deportationen in Rehburg

In Rehburgs Mühlentorstraße, vor dem Haus mit der Nummer 14, sind Stolpersteine für Max und Emmy Goldschmidt verlegt worden.
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In Rehburgs Mühlentorstraße, vor dem Haus mit der Nummer 14, sind Stolpersteine für Max und Emmy Goldschmidt verlegt worden.

Rehburg - Von Beate Ney-Janßen. Eine Einladung zu einem Spaziergang entlang der Stolpersteine in Rehburg spricht der Arbeitskreis Stolpersteine Rehburg-Loccum seit Jahren zum 28. März aus. Nicht von ungefähr, denn am 28. März 1942 ist der überwiegende Teil der Juden Rehburgs in das Ghetto Warschau deportiert worden.

Für dieses Jahr hat der Arbeitskreis den Spaziergang, mit dem erinnert und gemahnt werden soll, wegen des Corona-Virus abgesagt. Stattdessen soll an dieser Stelle an zwei der Juden, die in Rehburg Nachbarn waren, erinnert werden.

Emmy und Max Goldschmidt. Vor dem Haus mit der Nummer 14 in Rehburgs Mühlentorstraße liegen Stolpersteine für diese beiden im Pflaster des Gehwegs. „Hier wohnte“ steht über ihren Namen, „deportiert 1942, Ghetto Warschau, ermordet“ darunter. Emmy war im März 1942 73 Jahre alt, ihr Bruder Max 66 Jahre. Sie waren die einzigen aus einer vielköpfigen Familie, die in ihrem Elternhaus in Rehburg geblieben waren.

Die Familie war nie reich gewesen. Emmy verdiente ein wenig Geld, indem sie für andere Menschen kochte, beide waren sie als „Kiepenkeerle“ unterwegs. Mit der Kiepe – einer Tragevorrichtung, die auf den Rücken geschnallt wurde – gingen sie zu den Bauern in der Umgebung, kauften Eier, Kartoffeln und andere Waren ein, die sie einmal in der Woche zum Markt in Hannover brachten. Dort verkauften sie auch das Gemüse, das sie im Garten hinter ihrem Haus anbauten.

Dass sie freigiebig mit dem wenigen waren, was sie hatten, haben einige ältere Rehburger noch in Erinnerung. Von dem Grünkohl, zu dem Emmy die Kinder aus der Nachbarschaft oft einlud, erzählt Herta Hainke bis heute. Ihre Familie lebte schon vor 1942 als Mieter in dem Haus der Geschwister. Ein Möbelstück von Emmy aus dieser Zeit hält Herta Hainke bis heute in Ehren: einen kleinen, mit grünem Stoff bezogenen Hocker. Auf ihn hat Emmy ihre Füße gelegt, wenn sie im Wohnzimmer gemütlich sitzen wollte, denn ihre Füße reichten nicht bis auf den Boden – das ist etwas, was einer anderen Nachbarin in den Sinn kam, als der Arbeitskreis sie nach Max und Emmy fragte: Abends, nach der Arbeit, hätten die beiden oft auf der Bank vor ihrem Haus gesessen. „Sie waren so klein, dass ihre Beine in der Luft baumelten.“

Die winzig kleinen älteren Leute, die ihr ganzes Leben in Rehburg verbracht haben und überall wohlgelitten waren, sind am 28. März 1942 in den frühen Morgenstunden von einem Bus in Rehburg abgeholt worden. Die Nachbarin, die sich an die baumelnden Beine erinnert, hat diese Szene beobachtet. Eine Mütze habe Emmy getragen – dieses Bild hat sich ihr eingebrannt. Danach hat sie sie nie wiedergesehen. 

Mit Bus und Zug ins Ghetto 

Der Bus brachte Max und Emmy zunächst zur Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem. Mit dabei war auch die Familie Freundlich aus Bad Rehburg mit Vater, Mutter und fünf der sechs Kinder. Drei Tage später wurden sie mit Hunderten weiterer Juden aus dem Großraum um Hannover, aus Nienburg, Schaumburg und Diepholz nach Warschau deportiert. In diesem Zug musste auch die Familie Birkenruth – Vater, Mutter und zwei Söhne – mitfahren, die ebenfalls in Rehburg gelebt hatte und 1939 nach Nienburg gezogen war.

In Warschau wurden alle diese Menschen in das Ghetto gepfercht. Nicht für lange, denn drei Monate später war das Vernichtungslager Treblinka II, rund 80 Kilometer von Warschau entfernt, fertiggestellt. Kurz darauf begann die SS mit der Räumung des Ghettos und dem Transport der Menschen in jenes Vernichtungslager, eingezwängt in Viehwaggons. Die allermeisten dieser Juden wurden sofort in die Gaskammern getrieben. Vermutlich war das auch das Schicksal von Max und Emmy, der Familie Freundlich und der Familie Birkenruth. Wer sich am 28. März an diese Rehburger erinnern möchte, kann mehr Informationen über sie auf der Website www.stolpersteine-rehburg-loccum.de bekommen und ist vom Arbeitskreis Stolpersteine eingeladen, sich an einem der nächsten Spaziergänge zu den Stolpersteinen zu beteiligen. Der für diesen Tag ausgesetzte Termin soll nachgeholt und mit einer Einladung in die Geschichtswerkstatt im Obergeschoss des Rehburger Raths-Kellers verbunden werden. Dort können Besucher auf einer Bank Platz nehmen, um sich in die glücklichen Rehburger Zeiten von Max und Emmy Goldschmidt hineinzuversetzen. Den Blick richten sie dann auf die Erinnerungs-Tafel für die Geschwister mit Blick auf das Haus, in dem sie wohnten, und die Schattenrisse der beiden – mit baumelnden Beinen auf der Bank.

Sobald die Beschränkungen durch das Coronavirus aufgehoben sein werden, bietet der Arbeitskreis Interessenten an, die Ausstellungsräume für sie zu öffnen, Spaziergänge zu den Stolpersteinen zu begleiten oder Führungen über den jüdischen Friedhof zu gestalten. Anfragen werden unter arbeitskreis@stolpersteine-rehburg-loccum.de, unter Tel. 05037/1389 oder über die Facebook-Gruppe „Stolpersteine Rehburg-Loccum“ entgegengenommen.

Quelle: BlickPunkt Nienburg

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