Betriebe brauchen Geduld mit Zuwanderern

Arbeitsvertrag als erster Schritt für gelungene Integration

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Gute Aussichten: Mustafa Amin hat gut Lachen, seine Aussichten auf eine berufliche Perspektive sind sehr gut. Aber wie so vielen geflüchteten Menschen macht ihm die deutsche Sprache zu schaffen.

Nienburg/Syke - Rund eineinhalb Jahre bleiben ihm noch Zeit. Vielleicht auch nur ein Jahr. Dann muss er fit sein. Muss Fachbegriffe kennen, Zusammenhänge notieren, vielleicht auch schon mal eine eigene Meinung in die Diskussion werfen können. Mustafa Amin aus Nienburg arbeitet seit Anfang Februar als hoch willkommener neuer Kollege im Landmaschinen-Vertrieb „NewTec“ in Syke-Heiligenfelde. Aber sein Start verläuft zäh, denn seine Fähigkeiten sich auszudrücken, hinken seiner Motivation ganz enorm hinterher.

„Mustafa zeigt ganz deutlich, was der Begriff ,Integration‘ allen Beteiligten abverlangt“, sagt Niederlassungsleiter Hendrik Hüsker. Er hätte sich das einfacher vorgestellt, seine Mitarbeiter auf jeden Fall auch. Mit Händen und Füßen verständigt sich Geselle Oliver Wesemann mit dem neuen Kollegen, da sich weder er noch der neue Kollege mit Englisch behelfen könnten. Wenn beispielsweise ein ums andere Mal ein anderes Werkzeug angereicht wird als das bestellte, geht das allen auf die Nerven und bringt Unruhe in den Arbeitsablauf. Integration braucht Geduld von beiden Seiten, das hat keiner so absehen können. In den deutschen Unternehmen klappt die Integration aber wohl überwiegend – hat jedenfalls das Handelsblatt Anfang vergangenen Jahres veröffentlicht, basierend auf einer Umfrage von mehr als 2.000 Firmen. 85 Prozent der Unternehmen erlebten demnach nur wenige oder keine Schwierigkeiten im Arbeitsalltag, mehr als 80 Prozent sind auch mit der Arbeitsleistung der Neuen zufrieden gewesen. „NewTec“-Werkstatt-Leiter Lars Hemker hätte wahrscheinlich eher die Minderheit vertreten, ihm erscheint das Happy End noch fraglich: „Wir wissen, dass Integration ein intensiver Weg ist, aber Patentlösungen dafür fehlen, und darüber hinaus sitzt uns die Zeit im Nacken.“

Dem Landmaschinen-Vertrieb in Syke fehlen in der Werkstatt immer gut ausgebildete Kräfte. Mitte Mai beginnt die Ernte und damit die Zeit, in der die Maschinen unter Volllast arbeiten beziehungsweise wartungsintensiv werden. „Dann muss Mustafa eigenständig arbeiten können, sonst fehlt er uns nicht nur als Arbeitskraft, sondern bindet noch eine zweite, das kann unser Betrieb schwer kompensieren“, sagt Hemker. Dennoch wäre sich der Werkstattleiter einig mit allen befragten Unternehmern, dass vor allem das schleppende Deutsch den Flüchtlingen den Weg versperrt. Technisches Wissen, Spaß an Technik und Lust aufs Arbeiten brächten viele Flüchtlinge mit. Auch der 39-jährige Mustafa Amin hat Berufserfahrung als Landmaschinen-Schrauber in seiner Heimat Syrien gesammelt, und seine Vermittlung durch das Jobcenter Nienburg ging relativ schnell aufgrund der guten Kontakte des Jobcenters zu den regionalen Arbeitgebern.

„Wir sind uns bewusst, dass die Heranführung an den deutschen Ausbildungs- und Arbeitsmarkt durch Spracherwerb gerade in einem ländlich geprägten Gebiet noch länger eine Herausforderung und daher einer der Schwerpunkte unserer Arbeit sein werden“, sagt Jobcenter-Geschäftsführer Frank Köhring. Er sieht das allerdings als Gemeinschaftsaufgabe. „Der Erfolg unserer Bemühungen wird umso größer, je enger und kreativer alle Beteiligten gemeinsam an Lösungen arbeiten.“ Denn das Handwerk hat sich weiter entwickelt. Teile aneinanderschrauben ist das Eine, in Baugruppen denken und komplexe Lösungen erarbeiten das Andere.

Niederlassungsleiter Hüsker war mutig gewesen aufgrund der guten Erfahrungen mit einem gebürtigen Russen, der vor zehn Jahren ins Unternehmen gekommen und bis heute geblieben ist. Die Integration von Mustafa Amin soll genauso enden, und der Anfang war verheißungsvoll, sagt Hüsker: „Mustafa nimmt jede Kleinigkeit wahr, will viel lernen und vor allem alles richtig machen; aber er ist schüchtern und ringt mit sich um jedes Wort auf Deutsch – da zieht sich die Integration ins Unendliche.“

Der Syker Geschäftsmann sieht die Bundesagentur für Arbeit beziehungsweise die Gemeinschaft in der Pflicht, „weiter mit Nachdruck für die Verbesserung der Sprachfertigkeit zu sorgen – auch, wenn die Menschen schon im Betrieb sind“, wie er sagt. Das Unternehmen selbst wäre damit personell und finanziell überfordert. „Selbst bei gelungener Integration arbeiten diese neuen Kollegen noch lange auf Helfer-Niveau, da können wir kaum noch viel Geld investieren. Unser Investment ist jetzt die Zeit.“

Quelle: BlickPunkt Nienburg

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