Museumsbibliothek will Sachsenspiegel aus dem 16. Jahrhundert restaurieren

Zahn der Zeit: Pilz zerfrisst Recht aus der Vergangenheit

Stefan Schubert möchte den Sachsenspiegel restaurieren. Allerdings fehlt das Geld. -  Foto: Kreykenbohm

Nienburg - Von Julia Kreykenbohm.  Joachim von Staffhorst sitzt an seinem Schreibpult und bereitet sich auf einen bevorstehenden Prozess vor. Er wird dabei als Berater des Grafen von Hoya tätig sein, denn er hat Rechtswissenschaften in Wittenberg studiert. Vor ihm liegt ein großes, in Schweinsleder gebundenes Buch, das ihm dabei helfen soll: ein Sachsenspiegel. Darin ist mittelalterliches Recht zusammengefasst, das lange Zeit nur mündlich überliefert wurde.

Von Staffhorst hat ihn aus Sachsen-Anhalt mitgebracht. Es ist bereits eine Überarbeitung. Die Originalfassungen stammen aus dem 13. Jahrhundert. Seitdem hat sich jedoch einiges getan. Von Staffhorst taucht seine Schreibfeder in das Fässchen mit Eisen-Gallus-Tinte und macht eine Notiz in lateinischer Schrift am Rand, neben den Druckbuchstaben. Manche Stellen im Text unterstreicht er auch, während draußen die Dämmerung hereinbricht. Wir schreiben das Jahr 1560.

Heute liegt der Sachsenspiegel auf keinem Schreibpult mehr, sondern gut verpackt in einem Karton in der Nienburger Museumsbibliothek. Ob es wirklich einmal im Besitz von Joachim von Staffhorst war und diesen Weg aus Sachsen-Anhalt in die Grafschaft Hoya genommen hat, ist bisher nur eine von vielen Theorien.

Man könnte ihr nachgehen, beispielsweise die Schrift von Joachim von Staffhorst, der tatsächlich für den Grafen von Hoya tätig war und in Wittenberg studierte, mit den Notizen im Buch vergleichen – doch dazu müsste man mit dem Sachsenspiegel arbeiten. Das geht jedoch nicht mehr, denn der Pilz hat das historische Werk befallen. Doch vergessen in einer Kiste soll es nicht seine „letzte Ruhe“ finden. Darum möchte das Museum das Buch unbedingt restaurieren lassen. Ein erfahrener Restaurator steht auch schon in den Startlöchern: Stefan Schubert aus Steyerberg, der schon einige Exponate aus dem Bestand wieder „gesund“ gemacht hat.

Sein Gedanke, als er den Nienburger Sachsenspiegel das erste Mal in der Hand hielt, war: „Große Baustelle“. Schubert lacht, obwohl es die Wahrheit ist. Der Schimmel zersetzt das Papier, ernährt sich von ihm. Die dunklen Flecken an den Seitenrändern beweisen es. Schubert streicht mit einem weißen Handschuh darüber, der sich sofort verfärbt. Zudem sind die Deckel aus Buchenholz von Würmern heimgesucht worden.

Schubert hat schon einen Plan, wie er seinem knapp 500 Jahre alten „Patienten“ helfen möchte. „Das Buch wird komplett zerlegt. Dann machen wir eine Trockenreinigung, bei der die Sporen abgebürstet werden. Damit kann man viel ablösen. Allerdings muss man aufpassen, dass man nicht die Schrift beschädigt.“ Besonders die handschriftlichen Notizen am Rand sind gefährdet. Im dritten Schritt kommen die Blätter in ein Wasserbad, das erst kühl ist und dann auf 50 Grad erhitzt wird. Das ist notwendig, da die Blätter alle gelatinengeleimt sind. Bei kaltem Wasser quellen diese auf und heißes Wasser schwemmt die Schadstoffe heraus. Der Schrift schadet diese Prozedur nicht.

Nach etwa zwei Stunden ist das Papier „nackt“, also PH-neutral und ohne Oberflächenleimung. Dann bekommen die Seiten eine alkalische Pufferlösung, die wie ein „Infektionsschutz“ wirkt. Dann wird die Leimung mit Gelatine erneuert, die widerum verhindert, dass die Eisen-Gallus-Tinte Schaden nimmt. Denn die kann tatsächlich rosten.

Schließlich werden die fehlenden Stellen, die zuvor vom Schimmel befallen waren, ersetzt. Dazu wird oft Japanpapier verwendet, was – wie der Name schon sagt – aus Japan kommt und sich gut eignet. Zum Abschluss wird noch das beschädigte Holz ersetzt. Das Restaurieren wird wohl mehrere Monate in Anspruch nehmen und 4 000 bis 5 000 Euro kosten.

Eine Summe, die das Museum ohne Hilfe nicht auftreiben kann. „Es wäre schön, wenn wir mithilfe vieler Menschen den Sachsenspiegel restaurieren könnten, so dass er für Forschung wieder genutzt werden kann“, sagt Bibliotheksleiterin Regina Steudte. Wert ist es das historische Exponat in jedem Fall, denn dort werden verschiedene Themen wie Erbstreit und Eheschließung behandelt. „Einiges, was in unserem heutigen Recht verankert ist, fußt darauf“, so Steudte. Auch der Satz: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“, stammt aus dem Sachsenspiegel. Wer möchte, kann auch Buchpate werden. Diese Patenschaften gehen ab zehn Euro los. Wann und wie viel man spendet, bleibt jedem selbst überlassen.

Anfangs war Stefan Schubert skeptisch, ob er den Sachsenspiegel restaurieren soll, doch inzwischen hat er sich für die „große Baustelle“ sichtlich erwärmt. Bei jedem Buch will er seine Arbeit so perfekt wie möglich machen. „Ich denke, dass ich dadurch, etwas für die nächsten Jahrhunderte erhalten werde.“

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