Tierhalter sind alarmiert und besorgt

Ein Wolf mit Ponys und Rindern auf dem Speiseplan

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Arnar Halldórsson, Mitarbeiter und Sohn des Inhabers eines Islandpferde-Gestüts, streichelt auf einer Weide ein junges Pferd.

Rodewald - Von Christina Sticht. Im Jagdgebiet des sogenannten Rodewalder Rudels sind Tierhalter alarmiert. Das Umweltministerium will den Leitwolf des Rudels im Landkreis Nienburg abschießen lassen. Doch kann seine Tötung das Problem von Rinder-, Alpaka- und Ponyrissen lösen?

Arnar Halldorsson erlitt einen Schock, als er sah, was von dem kleinen Isländerpferd Snót übrig geblieben war. Hinten auf der Weide lag der Kadaver: abgenagte Rippen und Beinknochen, nur der Kopf der acht Monate alten Fuchsstute war komplett übrig geblieben. Gut eine Woche später hat das Gestüt Hrafnsholt in Nöpke nördlich von Hannover die offizielle Bestätigung: Das Fohlen wurde in der Nacht zum 5. Februar von Wölfen gerissen. Verantwortlich könnte der Rüde GW 717m sein, für dessen Abschuss das niedersächsische Umweltministerium Ende Januar eine artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung erteilt hat.

„Ich hätte nie gedacht, dass es uns so treffen würde“, sagt Halldorsson, ein kräftiger Mann, der noch immer unter dem Eindruck der Wolfsattacke steht. Er streichelt ein Fohlen, das den Angriff überlebte. Als die Wölfe kamen, hatten zehn Pferde auf der Weide gestanden. „Sie waren danach komplett erschöpft und legten sich hin, als wir da waren und sie sich sicher fühlten“, erzählt der 39-Jährige. Jetzt wurden sie auf eine Koppel näher am Hof gebracht.

Auch ein Alpaka wurde Wolfsopfer

Lange hieß es, dass Herden von großen Tieren sich selbst gegen Wolfsangriffe schützen könnten. Doch das inzwischen berüchtigte Rodewalder Rudel attackiert in seinem Jagdrevier seit dem Frühjahr 2018 immer wieder Rinder und zuletzt mehrere Ponys. Auch ein Alpaka fiel ihm schon zum Opfer. Betroffen sind Teile des Landkreises Nienburg, des Heidekreises und der Region Hannover.

Dass ein Abschuss des Leitwolfes das Problem löst, glaubt der Leiter des Isländergestüts, Herbert Ólason, nicht. „Der hat sein Wissen schon an die Welpen weitergegeben“, meint er. „Es ist leichter, in eingezäunten Wiesen Beute zu fangen als in der Wildnis.“ Aus Ólasons Sicht muss die Population des Wolfes begrenzt werden - gerade weil Pferde, aber auch vermehrt Kühe und Schweine artgerecht - also draußen - gehalten werden. Das Landvolk Mittelweser fordert den Abschuss des gesamten Rudels.

Herbert Olasón, Inhabers eines Islandpferde-Gestüts, steht mit Wallach Dugur auf dem Hof. Foto: dpa

Pferde sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Niedersachsen. Die Besitzer seien angesichts der jüngsten Angriffe beunruhigt, sagt Enno Hempel, Geschäftsführer der Pferdeland Niedersachsen GmbH. „Ab Mai beginnt die Weidesaison für Mutterstuten und Fohlen, allerdings werden wertvolle Tiere in der Regel nicht über Nacht draußen gelassen.“ In einem Forschungsprojekt im Landkreis Celle soll herausgefunden werden, wie Pferde und Wölfe aufeinander reagieren. Zu klären seien auch die staatlichen Zahlungen nach Rissen von Pferden, meint Hempel. Isländer-Jährlinge werden für fünfstellige Summen verkauft, Spitzenhengste können laut Ólason bis zu 250.000 Euro erzielen.

Wolf sorgte schon vor 70 Jahren für Aufsehen

Seit der Rückkehr des Wolfes nach Deutschland führen Gegner und Befürworter einen erbitterten Streit. Der Rodewalder Rüde GW 717m wird von Wolfsschützern in sozialen Medien liebevoll Roddy genannt. Ein ehrenamtlicher Wolfsberater wurde bedroht und zu seinem eigenen Schutz vom Ministerium abgezogen. Naturschutzvereine legten Einspruch gegen die Abschussgenehmigung des Landes ein - jetzt ist das Verwaltungsgericht Oldenburg am Zug. Der Nabu Niedersachsen fragt, warum nicht erst versucht wurde, den Leitwolf zu vergrämen oder mit einem Sender auszustatten. Möglicherweise müssten auch Rinderherden mit wolfsabweisenden Zäunen ausgestattet werden, meinen Naturschützer.

Etwa zehn Kilometer nordöstlich des Isländergestüts in Nöpke liegt Rodewald. Schon vor über 70 Jahren sorgte hier ein Wolf für Aufsehen. Der „Würger vom Lichtenmoor“ - so der Titel einer Zeitungsserie - wurde im August 1948 nach Dutzenden Rinderrissen von einem Bauern erschossen. Sein präparierter Kopf hängt im Heimatmuseum. Gisela Weier vom Heimatverein hat sich intensiv mit der Geschichte des „Würgers“ beschäftigt. „Damals hatten die Menschen eine Riesenangst, Frauen mussten allein ins Moor gehen, um die Kühe zu melken“, erzählt sie. Um den Wolf zu finden, sei eine Treibjagd mit tausend Leuten veranstaltet worden.

Wölfe in der Dämmerung

Das Umweltministerium äußert sich nicht dazu, wie es demnächst GW 717m aufspüren will, sollte das Verwaltungsgericht dafür grünes Licht geben. Der erste Wolf, der im April 2016 mit behördlicher Genehmigung erschossen wurde, hatte einen Sender getragen. Schon damals hatte es Proteste gegen die Tötung des Kurti getauften jungen Wolfes gegeben. Er war in der Lüneburger Heide mehrfach Menschen sehr nahe gekommen.

In Rodewald berichten Einwohner davon, in der Dämmerung Wölfe gesehen zu haben. „Der größte Teil der Menschen hier würde sich besser fühlen, wenn es das Rudel nicht gäbe“, meint Weier, die persönlich „gar keine Angst vor dem Wolf“ hat. Sie fragt sich, warum nicht alle Welpen in Niedersachsen mit Sendern ausgestattet werden: „Es ist nicht damit getan, dass der Rüde abgeschossen wird.“

dpa

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