Aus dem Landgericht

„Wir haben gebetet“: Pfleger aus Maßregelvollzug sagen im Mordprozess aus

+
Der Angeklagte im Klosterwald-Mordprozess wurde aufgrund von DNA-Spuren auf einem Kaugummipapier festgenommen.

Loccum - Ein Sexualstraftäter mit angeordneter Sicherungsverwahrung, der im Maßregelvollzugszentrum (MRVZ) in Bad Rehburg untergebracht war, soll im September 2015 während eines unbegleiteten Freigangs die 23-Jährige Judith Thijsen ermordet haben.

Am selben Tag soll der aktuell wegen Mordes vor dem Landgericht Verden stehende Angeklagte mit Kratzern im Gesicht in die Einrichtung zurückgekehrt sein. Mitarbeiter befürchteten schnell einen Zusammenhang zu der Tat, doch die Polizei soll erst Ende Oktober 2015 von den Kratzern erfahren und diese Spur dann überhaupt nicht verfolgt haben.

Mehrere Mitarbeiter des MRVZ wurden am siebten Verhandlungstag zu ihren damaligen Beobachtungen und den Erklärungen des heute 51 Jahre alten Angeklagten zu den Kratzern befragt. Er solle diese mit einem Missgeschick beim Radfahren erklärt haben. Mal soll er von Zweigen berichtet haben, die ihm ins Gesicht geschlagen seien, dann wieder von einem Sturz. „Ich meine mich erinnern zu können, dass er einen Berg runter gefahren sein will“, berichtete eine Mitarbeiterin. Gezweifelt habe sie, weil der Mann einige Zeit zuvor am Bein operiert worden war und sie nicht glaube, dass er durch unwegsames Gelände gefahren sei. Außerdem hätte sie bei einem Sturz weitere Verletzungen erwartet.

Ohne zu wissen, dass eine junge Frau vermisst wird, sollen die Kratzer und Schilderungen Misstrauen geweckt haben. Dennoch wurden keine Fotos von den Verletzungen gemacht, was schon in dem ersten Prozess – das Urteil war später vom Bundesgerichtshof aufgehoben worden – die Richter gewundert hatte. „Es war uns damals nicht erlaubt, Fotos zu machen. Es gab nicht mal Kameras“, erklärte nun eine Zeugin. Als Pflegekräfte hätten sie nicht mal selbst die Polizei informieren dürfen, sondern eine „Meldekette“ einhalten müssen, berichtete die Frau.

Als dann bekannt wurde, dass eine junge Frau aus der direkten Nachbarschaft zunächst vermisst und dann tot aufgefunden worden war, verstärkte sich offenbar das schlechte Gefühl. „Wir haben inständig gehofft und gebetet, dass es nichts miteinander zu tun hat“, berichtete ein Pfleger.

Über Monate tat sich dann nichts, bezogen auf den jetzigen Angeklagten. „Es gab Überlegungen: Warum wird das nicht geprüft?“, sagte eine Zeugin. Bis zum April 2016. Dann erfolgte die Festnahme des Angeklagten. Befragt zur Stimmung unter den Mitarbeitern sagte ein Pfleger: „Man dachte einerseits: Gott sei Dank. Aber es war auch unangenehm, weil man täglich die Presse vor der Tür und Negativ-Schlagzeilen hatte.“

Inzwischen ist bekannt, dass nicht die Kratzer zur Festnahme des Angeklagten geführt haben, sondern ein Stück Kaugummipapier, das einen Tag nach dem Auffinden der Leiche im Bereich des mutmaßlichen Tatorts gesichert worden war. Dies war jedoch bei DNA-Untersuchungen übersehen worden.

Erst Monate später wurde es untersucht und eine DNA-Spur festgestellt, die mit einer Wahrscheinlichkeit von Eins zu 14,5 Quadrillionen von dem Angeklagten stammt. Bis dahin hatte man eine mögliche Täterbeschreibung, die nicht zu dem Angeklagten passte.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Krawalle bei Protesten gegen Rentenreform in Frankreich

Krawalle bei Protesten gegen Rentenreform in Frankreich

Weihnachtsbasar der Oberschule Dörverden

Weihnachtsbasar der Oberschule Dörverden

Bei Bahn und Metro geht fast nichts mehr in Paris

Bei Bahn und Metro geht fast nichts mehr in Paris

Schweinepest breitet sich weiter in Polen aus

Schweinepest breitet sich weiter in Polen aus

Meistgelesene Artikel

17-jähriger Eystruper stand bei der Festnahme „unter Schock“

17-jähriger Eystruper stand bei der Festnahme „unter Schock“

2,2 Millionen Euro für Anbau am Hoyaer Feuerwehrhaus

2,2 Millionen Euro für Anbau am Hoyaer Feuerwehrhaus

Kommentare