Info-Veranstaltung über das anonymisierte Bewerbungsverfahren in Nienburg

Wenn der Bewerber weder Gesicht noch Namen hat

Freuen sich auf viele interessierte Teilnehmer: Nicole Feldmann-Paske (links) und Uta Kupsch. - Foto: Kreykenbohm

Nienburg - Von Julia Kreykenbohm. Es ist vermutlich erstmal ein komisches Gefühl für einen Personalchef oder Geschäftsführer. Da liegt ihm ein Bewerbungsschreiben vor, auf dem lediglich steht, welchen Schulabschluss jemand gemacht und welche beruflichen Qualifikationen er hat. Mehr nicht. Kein Foto, keine Daten, kein Name. Alles, was Rückschlüsse auf die Person zulässt, fehlt. Und nun soll der Personalchef oder Geschäftsführer entscheiden, ob er Mr. oder auch Mrs. X zu einem Vorstellungsgespräch einladen möchte.

Was klingt, wie ein sozial-psychologisches Experiment, ist in Ländern wie Kanada bereits Standart. Dort entscheiden die Verantwortlichen nur anhand der Qualifikation einer Person, ob sie eine Chance bekommt oder nicht. Fairer geht es kaum mehr. Dachte sich auch die Stadt Celle und probierte das „anonymisierte Bewerbungsverfahren“ vor rund fünf Jahren zum ersten Mal aus. Ihre Erfahrungen möchte ein Vertreter der Stadt auf einer Veranstaltung am 17. Juni im Seminarraum der Helios Kliniken Mittelweser in Nienburg vorstellen.

Organisiert hat dies der Verbund „Wirtschaft + Familie“ in Kooperation mit der Wirtschaftsförderung (WIN) im Landkreis. Die Veranstaltung gehört zu der Themenreihe „Dialog Fachkräfte“.

„Wir versuchen, möglichst viele Schwellen abzubauen, die verhindern könnten, dass Fachkräfte dorthin gelangen, wo sie gebraucht werden“, erläutert Uta Kupsch von WIN. Es gebe in dieser Hinsicht viele Themen, die noch unentdeckt vor sich „hinschlummern“. Eines davon ist das anonymisierte Bewerbungsverfahren, von dem jeder „schon mal irgendwie gehört“ habe, unter dem sich aber nur wenige konkret etwas vorstellen können. Dort soll die Veranstaltung Abhilfe schaffen.

Angaben zur Person können in einer Bewerbung Türen öffnen – sie aber auch schließen. „Studien belegen, dass Kinder aus Einwandererfamilien drei bis viermal soviele Bewerbungen schreiben müssen als Deutsche, bis sie mal eingeladen werden“, berichtet Kupsch. Mit einem türkisch-klingendem Nachnamen sinke die Chance auf eine Anstellung um 14 bis 24 Prozent.

Wobei dies nicht zwangsläufig auf eine bewusste Diskriminierung hinweise. „Ich bin sogar der Meinung, dass sehr viele Verantwortliche unbewusst entscheiden. Das ist so im Menschen verankert, dass er lieber das wählt, was vertraut, gewohnt, bekannt ist“, erläutert Nicole Feldmann-Paske von „Frau + Wirtschaft“. Aber auch bei alleinerziehenden Frauen oder Bewerbern ab 50 Jahren legen viele Verantwortliche die Bewerbungsmappe gleich beiseite.

Das sei schade, denn vielleicht lehnen sie gerade aus einem Bauchgefühl heraus den Bewerber ab, der perfekt für den Job gewesen wäre und den sie, nach einem persönlichen Gespräch von Mensch zu Mensch, eingestellt hätten. „Darum wollen wir den Blick weiten, ihn auf das lenken, was am Ende zählt: die fachliche Kompetenz.“

Gerade jetzt, wo sich Deutschland gesellschaftlich sehr verändere, sei es von entscheidender Bedeutung, das traditionelle Bewerbungsverfahren zu überdenken, um keine Chancen zu verpassen. Laut Kupschs Unterlagen werde es rund fünf bis sechs Jahre dauern, bis Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden können – zu einer Zeit, in der viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Diesen potenziellen Arbeitskräften wolle man eine Tür öffnen, da auch die Wirtschaft davon profitiere. „Teams mit verschiedenen Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen sind erfolgreicher.“

Dass das anonymisierte Bewerbungsverfahren ein Baustein für den Erfolgsweg eines Unternehmens sein kann, könne die Stadt Celle bestätigen. „Seit fünf Jahren machen sie das schon und konnten Stellen wie die des Geschäftsführers der Stadtwerke oder der Gleichstellungsbeauftragten besetzen. Sie wollen deswegen auch künftig ihre Bewerber auf diese Weise auswählen.“

Damit ist Celle ein Vorreiter, denn ansonsten sei das Verfahren in Deutschland nicht sonderlich beliebt. „Zu aufwändig“, meinen viele Firmen, oder sie glauben, dass sie dadurch kein Gefühl für den Bewerber bekommen könnten. „Natürlich kann man argumentieren, dass die Absage oder auch Diskrimnierung nur nach hinten verschoben wird, denn beim Vorstellungsgespräch kommen die Fakten auf den Tisch“, räumt Feldmann-Paske ein. Aber dennoch erhöhe es die Chancen für die Bewerber, wenn sie sich einmal persönlich vorstellen könnten.

„Die Veranstaltung soll ein Denkanstoß für Firmen und Institutionen sein. Der Referent aus Celle berichtet von seinen Erfahrungen konkret aus dem Alltag und das Publikum soll Fragen stellen und vor allem mitdiskutieren“, wünschen sich Feldmann-Paske und Kupsch. „Und wer sich am Ende für das neue Bewerbungsverfahren entscheidet, kann sofort Tipps und Hilfe zur Umsetzung bekommen.“

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