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Lager für sowjetische Kriegsgefangene im Rehburger Forst

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Von: Beate Ney-Janßen

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Nach der ersten Grabungswoche lag der Grundriss eines festen Gebäudes, vermutlich der Lagerküche, frei (Bild links). Alexander McDonald und Ronald Reimann bei Vermessungsarbeiten: Offen ist die Frage, wozu die vier riesigen Fundamente, die der Arbeitskreis im Rehburger Forst entdeckt hat, dienten (Bild rechts).
Nach der ersten Grabungswoche lag der Grundriss eines festen Gebäudes, vermutlich der Lagerküche, frei (Bild links). Alexander McDonald und Ronald Reimann bei Vermessungsarbeiten: Offen ist die Frage, wozu die vier riesigen Fundamente, die der Arbeitskreis im Rehburger Forst entdeckt hat, dienten (Bild rechts). © Beate Ney-Janßen

Mitten im Rehburger Forst haben im Zweiten Weltkrieg viele sowjetische Kriegsgefangene ihr Leben gelassen. Im Arbeitskommando 5790, einem von Tausenden Lagern, die die Nazis einrichteten. Seit einem Jahr recherchiert der Arbeitskreis Stolpersteine Rehburg-Loccum dazu und gräbt an diesem Ort.

Rehburg – Erstmals lädt der Arbeitskreis Stolpersteine Rehburg-Loccum nun zu Führungen ein: für Sonntag, 12. Juni, und Sonntag, 17. Juli, jeweils 15 Uhr.

Eine unberührte Waldfläche haben die Ehrenamtlichen 2021 vorgefunden. Sie mussten genau hinschauen, um unter dem Moos einen einzelnen Ziegelstein hervorlugen zu sehen. Nach einer Woche gemeinsamer Grabungen lag nicht nur dieser Ziegel frei: Der Grundriss eines kleinen Gebäudes, vermutlich der Lagerküche, lag offen.

Seitdem haben sie an vielen Stellen an der Oberfläche des Waldbodens gekratzt und nahezu 1 000 Funde eingesammelt, von denen jeder ein Hinweis darauf ist, dass dieses Lager existierte.

Viele Schuhe gefunden

Fensterglasscherben, Nägel und Schrauben verraten manches über die Lage der Gebäude, die tief im Wald errichtet wurden. Die Reste einer Kaffeekanne, eine verrostete Nivea-Dose und eine Maggi-Flasche zeigen, wo die Lagerwächter sich aufgehalten haben. Die Kopeke, die vor rund 80 Jahren verloren ging, ist eines der wenigen Zeugnisse von jenen, die dort eingepfercht und zur Arbeit gezwungen wurden. Was haben die Männer-, Frauen- und Kinderschuhe zu bedeuten, die der Waldboden nahezu konserviert hat? „Ein Schuster unter den Gefangenen, der den Rehburgern die Schuhe gerichtet hat“, mutmaßt Gabriele Arndt-Sandrock, die die Führungen anbietet.

Viele solcher Vermutungen hat der Arbeitskreis angestellt, seit er begonnen hat, im Arbeitskommando 5790 des Stalag XC Nienburg zu graben. Was hat es mit den vier riesigen Fundamenten auf sich, die bis in eine Tiefe von 1,70 Metern reichen? Ein Wachturm? Ein Funkturm? Oder einer, der dazu diente, Brände im Wald frühzeitig zu entdecken? Mit jedem Fund tauchten neue Fragen auf. „Eine Arbeit, die niemals beendet sein wird“, sagt Kommunalarchäologe Daniel Lau, der das Projekt mit Rat und Tat unterstützt.

 Schuhe, die der Arbeitskreis Stolpersteine im ehemaligen Arbeitskommando gefunden hat.
Was lässt sich aus den vielen Schuhen schließen, die der Arbeitskreis Stolpersteine im ehemaligen Arbeitskommando gefunden hat? © Beate Ney-Janßen

Der Lösung einiger Rätsel hat sich das Grabungsteam angenähert. Auch dadurch, dass es während der Arbeit mit Spitzkelle, Bürste und Fingerspitzengefühl geredet und versucht hat, die Funde in Zusammenhang mit Archivunterlagen und Berichten von Zeitzeugen zu bringen. Und indem jeder und jede sein eigenes Wissen, seine eigenen Kompetenzen einbrachte.

Längst ist klar, dass dieses Lager im November 1941 eingerichtet wurde und, dass ausschließlich sowjetische Gefangene dorthin kamen. Und es steht fest, dass die Verhältnisse in dem Lager derart menschenverachtend waren, dass allein im ersten Winter 25 Gefangene im Rehburger Forst starben. Von vielen sind die Namen bekannt. Die Hoffnung des Arbeitskreises, Nachfahren ausfindig zu machen, hat sich mit Beginn des Ukraine-Krieges auf unabsehbare Zeit zerschlagen.

Kostenlose Führungen

Und was ist mit denjenigen, die diese Kriegsgefangenen bewachten und zur Arbeit antrieben? Auch zu diesen Fragen gibt es erste Erkenntnisse. Wer sie waren. Was sie getan haben. Blitzlichter, viele Fragezeichen, gelegentlich eine Auskunft von Rehburgern, die damals noch Kinder waren. Das ist der Kenntnisstand.

Eine Anmeldung ist notwendig, um an den Führungen teilzunehmen. Sie ist möglich per E-Mail an arbeitskreis@stolpersteine-rehburg-loccum.de. Teilnehmer sollten sich auf einen Fußmarsch von rund zwei Kilometern über Waldwege bis zum Lager einstellen. Die Teilnahme ist kostenlos.

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