Ein Überblick: Wie Borkenkäfer auch im Landkreis Nienburg große Schäden anrichten

Verhasste Mietnomaden

Ein Borkenkäfer kommt selten allein: Ein Weibchen kann bis zu 200 000 Nachkommen produzieren. Zudem sind die Tiere relativ unempfindlich gegen Kälte, sodass bei milden Wintern eine große Population überleben kann.
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Ein Borkenkäfer kommt selten allein: Ein Weibchen kann bis zu 200 000 Nachkommen produzieren. Zudem sind die Tiere relativ unempfindlich gegen Kälte, sodass bei milden Wintern eine große Population überleben kann.

Nienburg – Zwischen Baum und Borke fühlt er sich am wohlsten – sehr zum Ärger von Förstern und privaten Waldbesitzern. Der braun oder schwarz gefärbte Borkenkäfer ist ein gefürchteter Gast in den Wäldern des Landkreises Nienburg.

„Der Borkenkäfer ist ein Problem!“, fasst es Rainer Städing zusammen. Er ist Pressesprecher der Forstämter Ahlhorn, Ankum, Neuenburg und Nienburg. Sorgenvoll beobachten demnach die Förster und Waldbesitzer die Entwicklung der auch Scolytinae genannten Tierchen, die sich dank des trockenen Sommers rasant vermehren konnten. Vor allem Fichten sind betroffen.

Die Waldfläche im Landkreis umfasst 25 093 Hektar, das bedeutet einen Anteil von knapp 18 Prozent am gesamten Kreisgebiet (Stand: 2018). Fast zwei Drittel der Waldflächen werden von Nadelwäldern, vor allem Kiefern bedeckt. Nach Angaben des Landkreises ist ein Viertel der Flächen ein Laub-Nadelmischwald. In den vergangenen 25 Jahren hat die Waldfläche im Landkreis um rund 29 Quadratkilometer zugenommen, also um 13 Prozent.

„Wenn man sich die Niederschlagsdaten der Region anschaut, gab es im August zwar befriedigende Niederschlagsmengen, aber über den Sommer insgesamt war es trocken“, erläutert Städing. Auch über den Winter habe der Boden sein Feuchtigkeitsreservoir nicht richtig auffüllen können. Das zeigt sich auch auf der Waldbrandgefahrenkarte: Der Landkreis Nienburg war immer wieder im roten Bereich angesiedelt, der auf erhöhte Waldbrandgefahr hindeutet.

Zu wenig Regen bedeutet Stress für Bäume – und der schwächt sie. Damit haben Borkenkäfer und andere Schädlinge leichtes Spiel. In der trockenen Rinde und im Holz finden sie perfekte Brutbedingungen für ihren Nachwuchs. In Jahren mit ausreichend Regen können sich gesunde Fichten gegen die Borkenkäfer wehren. „Wenn der Käfer sich in die Rinde bohrt, sondert die Fichte Harz ab und tötet so den Käfer“, so die Niedersächsischen Landesforsten. Nur wenige Exemplare schafften es dann, sich durch die Rinde zu bohren und sich dort so rasant zu vermehren.

Im Landkreis Nienburg hat der trockene Sommer hingegen dazu geführt, dass sich zahlreiche der gefährlichen Borkenkäfer in den Fichten eingenistet haben. „Im Bereich des Forstamtes Nienburg besteht der Wald zu rund zehn Prozent aus Fichten“, sagt Städing. Im Südkreis sei der Fichtenbestand dabei höher als im Nordkreis. Forstgenossenschaften in privater Hand hingegen hätten einen noch höheren Fichten-Anteil und damit in puncto Borkenkäfer-Befall auch höhere Schäden zu beklagen, so Städing.

Jede Fichte, die befallen ist, stirbt ab. „Die Borkenkäfer fressen unter der Rinde ein Gangsystem im Bast zur Brutanlage beziehungsweise zur Ernährung der Larven – das sogenannte Brutbild. Um eine Fichte vollständig zu ringeln, geht man von etwa 350 Brutbildern aus“, heißt es beim Bayerischen Landesamt für Forstwirtschaft. Ist erst mal der Bast zerstört, gelangt kein Zucker mehr von der Krone zu den Wurzeln. Der Stoffwechsel der Wurzeln wird stark eingeschränkt. Die Wurzeln nehmen weniger Wasser auf oder sterben ab. „Somit werden die Nadeln nicht mehr mit Wasser versorgt. Sie verfärben sich fahlgrün bis rotbraun und fallen ab“, heißt es weiter.

Das Ausmaß des Schadens für die Nienburger Wälder in öffentlicher Hand kann Forstamt-Pressesprecher Städing derzeit nicht genau beziffern. Klar ist nur: Ein einziges Weibchen produziert über mehrere Generationen jedes Jahr bis zu 200 000 Nachkommen. Zudem dauert die Fällung der kranken Bäume und ihre Entsorgung noch bis Ende Oktober. „Es ist alles noch im Gang“, sagt der Sprecher.

Der Dürre-Sommer 2020 hat auch an den Waldrändern Spuren hinterlassen. Städing zufolge zeigen einige Buchen Trockenschäden, vor allem in Südwest-Lagen. „Dort haben sie durch die starke Sonneneinstrahlung am meisten Wasser verdunstet und am meisten Stress gehabt“, sagt der Sprecher.

Im Bereich des Forstamts Rehburg finden sich Städing zufolge zahlreiche Kiefern. „Sie sterben einfach ab“, so der Sprecher. Der zuständige Förster habe das gemeldet, doch die Ursache für dieses Phänomen sei noch unklar.

„Es ist noch nicht zu Ende“, betont Städing. Demnach ist erst bei mehrtägigen Temperaturwerten unter 16,5 Grad Celsius am Tag und in der Nacht, bei anhaltendem Niederschlag oder zu kurzen Tageslichtphasen im Herbst mit dem Ende der Befallsaktivität zu rechnen. Laut Bayerischem Landesamt für Forstwirtschaft ist Kälte per se kein Problem für die Schädlinge: „Eier und junge Larvenstadien reagieren erst empfindlich auf Temperaturen unter -10 bis -15 Grad Celsius über mehrere Tage hinweg. Ältere Larven, Puppen und Käfer können dagegen auch lange Kälteperioden ohne große Verluste überstehen.“

Um den Borkenkäfern den Garaus zu machen, greifen die Förstereien im Kreis auf mehrere Methoden zurück. Am wichtigsten ist es Städing zufolge, die kranken Bäume zügig aus dem Bestand zu entfernen. So soll der Käfer-Nachwuchs daran gehindert werden, ebenfalls auszufliegen und neue Fichten zu befallen. Zudem hat das Forstamt an mehreren Stellen Borkenkäfer-Netze aufgestellt. Diese Gestelle locken die Insekten mithilfe eines Köders an. Raus geht es für die Käfer aus der Falle nicht mehr. Sie ist mit einem Netz versehen, das zuvor in ein Insektizid getaucht wurde.

Weitere Infos

www.landesforsten.de/nlf-spezial/borkenkaefer/

www.forstwirtschaft-in-deutschland.de

www.lwf.bayern.de

Von Katrin Köster

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