Ein Supermarkt stellt sich quer

Rückgabe geknüllter Dosen mündet in Hausverbot

+
Geld liegt auf der Straße: Diese beiden platten Dosen „bringen“ 50 Cent – sind aber nicht überall beliebt.

Diepholz/Nienburg - Von Kurt Henschel. Sie suchen Arbeit, aber sie finden sie nicht. Viele Menschen in den Landkreisen Diepholz und Nienburg kommen buchstäblich finanziell nicht über den Monat, weil die Leistungen, die sie beziehen, nicht ausreichen, um für das Nötigste das nötige Geld aufzubringen.

Insbesondere für sie hat die Erkenntnis, dass ein Monat ganz schön lang sein kann, eine beinahe existenzielle Bedeutung. Aber sie wissen: Das Geld liegt praktisch auf der Straße. Was da auf der Straße beziehungsweise in Mülleimern liegt oder auch auf Bächen, Flüssen sowie Seen schwimmt, sind Getränke-Behälter. Dosen und auch Flaschen, für die einst jemand Pfand bezahlt, von einer Rückgabe der Behältnisse aber abgesehen hat.

Wo der Verzicht auf ein Zurückholen des Pfandes einen Käufer nicht schmerzt, lindert dieser die finanziellen Sorgen derjenigen, die es „nicht so dicke“ haben. Für sie sind die weggeworfenen Flaschen und Dosen bares Geld, das sich aufzusammeln lohnt.

Und das tun sie. Sie stehen „bei Wind und Wetter“ früh auf, obwohl sie nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt am Arbeitsplatz sein müssen. Sie machen das, um sich die in der Nacht entsorgten „Schätze“ zu sichern und auf diese Weise ihre Haushaltskasse aufzubessern. Und das möglichst vor allen anderen, die ebenso kalkulieren.

Mit ihrer „Beute“ geht es in einen Supermarkt, um sich das Pfandgeld auszahlen zu lassen. In der Regel funktioniere das ohne Komplikationen, wie ein Rentner aus dem Landkreis Nienburg berichtet. Er „verdiene“ sich auf diese mühsame Weise bis zu 50 Euro pro Woche hinzu – „wenn‘s gut läuft“, wie er erklärte.

Dieser täglichen Strapaze unterzieht sich ein Mittfünfziger aus dem Landkreis Diepholz nicht. Der Arbeitssuchende rückt immer dann aus, wenn irgendwo Fußballspiele mit vielen Zuschauern über die Bühne gehen – meistens in Bremen, „aber nicht am Weserstadion. Da sind die Claims knallhart abgesteckt“, wie er erklärt.

Alles easy also? Mitnichten. „Ich finde da natürlich auch Dosen, die nach der Leerung geknüllt und danach weggeworfen worden sind“, so der „passionierte Leergutsammler“. Er prüft die Dosen, ob sie noch rückgabetauglich sind – ob also die „ursprüngliche Bepfandung“ noch zu erkennen ist. Wenn ja, dann nimmt er diese Dosen mit, denn sie bringen ihm im Supermarkt 25 Cent pro Stück.

Obwohl es eine Pflicht zur Rücknahme derartiger Verpackungen gibt), ist die Rückgabe manchmal nicht so ganz leicht, wie der Mittfünfziger berichtet. „Wenn ein Rücknahme-Automat von einer geknüllten Dose irritiert ist, seinen Geist aufgibt und die Dose wieder ausspuckt, ist Stress programmiert“, so dieser Sammler.

Er wisse, dass er Pfand-Behältnisse, die ein Rücknahme-Automat nicht akzeptieren will, an einem Sonder-Tresen abgeben kann, um dort sein Geld zu bekommen. In einem von ihm benannten und uns bekannten Markt funktioniere das nicht: „Dort will man von mir keine der angeblich problematischen Dosen einlösen. Sie seien dreckig und die Mitarbeiter des Marktes würden sich ekeln“, habe ihm der Marktleiter signalisiert – und ihm ein „lebenslanges Hausverbot“ erteilt. Das hat er von der Leitung des Konzerns auch schriftlich bekommen. Wörtlich heißt es in dem Schreiben: „Obwohl eine Begründung unsererseits nicht gegeben werden müsste, teilen wir Ihnen mit, dass Ihre unkorrekte Vorgehensweise bei der Leergutabgabe und Umgang mit unseren Mitarbeitern die Ursache für diese zeitlich unbefristete Entscheidung ist. Dieses Hausverbot gilt sowohl für den Haupt- als auch Getränkemarkt.“

Der Leiter des besagten Marktes erklärte auf Nachfrage, dass es nicht an den geknüllten Dosen liege, sondern am „inakzeptablen Auftreten“ des Sammlers.

Hintergrund

Wer seit 1. Mai 2006 Getränke in Pfand-Einwegverpackungen verkauft, muss seither solche Behälter auch gegen Pfandrückgabe zurücknehmen – unabhängig davon, ob sie im eigenen Geschäft verkauft wurden oder nicht. Die Rücknahmepflicht beschränkt sich allerdings auf die jeweils vertriebene Materialart; das bedeutet etwa, dass Kunststoffflaschen (PET-Flaschen) nur der zurücknehmen muss, der diese auch verkauft. Wer hingegen nur Dosen und Glasflaschen verkauft, muss auch nur Dosen und Glasflaschen zurücknehmen, nicht aber PET-Flaschen. Auch beschädigte Verpackungen, bei denen die ursprüngliche Bepfandung erkennbar ist, müssen gegen Auszahlung des Pfandes zurückgenommen werden. [...] Der sogenannte Pfandschlupf besagt, dass nach Schätzungen bis Anfang 2006 etwa zehn bis 25 Prozent aller pfandpflichtigen Einwegverpackungen nicht in den Handel zurückgebracht wurden. Experten schätzen, dass nach der Vereinfachung des Rücknahmesystems noch etwa fünf Prozent verlorengehen. Andererseits gibt es immer mehr Flaschensammler, die Pfandflaschen einsammeln.

www.dpg-pfandsystem.de

Mehr zum Thema:

Germanwings-Absturz: Gutachten verärgert Hinterbliebene

Germanwings-Absturz: Gutachten verärgert Hinterbliebene

Riesige Open-Air-Ausstellung: València ist Feuer und Flamme

Riesige Open-Air-Ausstellung: València ist Feuer und Flamme

Fünf Rückkehrer beim Werder-Training am Freitag

Fünf Rückkehrer beim Werder-Training am Freitag

Neue Tragödie im Mittelmeer

Neue Tragödie im Mittelmeer

Meistgelesene Artikel

70-Jähriger in Nienburg vermisst

70-Jähriger in Nienburg vermisst

Weil andere ihre Haare dringender brauchen als sie

Weil andere ihre Haare dringender brauchen als sie

Zugverkehr zwischen Bremen und Hannover gestört 

Zugverkehr zwischen Bremen und Hannover gestört 

Keine Leiche auf dem Grund der Weser

Keine Leiche auf dem Grund der Weser

Kommentare