Rund 200 Gegendemonstranten bei rechter Kundgebung

Schweigen brechen – ohne zu schreien

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Der Zug der Gegendemonstranten zieht durch die Wilhelmsstraße.

Nienburg - Von Julia Kreykenbohm. Dabei hat alles so schön begonnen. Auf dem Ernst-Thoms-Platz in Nienburg haben sich bei schönem Herbstwetter rund 100 Menschen jeden Alters versammelt, um bei einer Kundgebung dabeizusein, zu der das Weser-Aller-Bündnis (Wabe), der Runde Tisch gegen Rassismus und rechte Gewalt, Verbände und Vereine geladen haben.

Der Anlass: Der rechts gerichtete Freundeskreis Thüringen/Niedersachsen will am Nachmittag zu seiner ersten Demonstration in Nienburg aufmarschieren. Seit einigen Monaten gibt es eine Gruppierung dieses Freundeskreises in der Stadt, die bislang nicht öffentlich in Erscheinung getreten ist. Das wollen sie nun nachholen – und viele Nienburger Institutionen gleich zeigen, dass sie solches Gedankengut in ihrer Heimat nicht haben möchten.

Friedliches Zeichen gegen rechts setzen

Rudi Klemm plädiert für ein „friedliches Zeichen“.

In einem buntgestreiften Zelt der evangelischen Jugend wird Unterhaltung für die kleinen Gäste geboten, während die Großen gen Bühne blicken, wo Wabe-Vorsitzender Rudi Klemm, Landrat Detlev Kohlmeier, Sabrina Wirth von der IG-Metall, Grünen-Mitglied Helge Limburg, Pfarrer Thomas Jung und Superintendent Martin Lechler Grußworte sprechen.

Worte, die zur Vernunft, Besonnenheit, aber auch Entschlossenheit mahnen, die an Werte appellieren und Mut machen: „Wir sind bereit, friedlich, fröhlich und entschlossen ein Zeichen zu setzen“, so Rudi Klemm. „Wir wollen eine Diskussion, die getragen ist von Anstand und Respekt“, betont Kohlmeier. „Wir, die Nachdenklichen, Ruhigen, müssen unser Schweigen brechen, ohne zu schreien, Gesicht zeigen, Argumente bringen – aber nicht die Methoden der anderen kopieren.“

Antifa-Bewegung taucht in schwarz auf

Immer wieder haben Spezialkräfte der Polizei Sitzblockaden aufgelöst.

Es sind nur einige Meter, aber am Bahnhof, wirken diese Worte bereits weit weg. Rund 200 Mitglieder der antifaschistischen Bewegung haben sich dort eingefunden, um ebenfalls dem Freundeskreis zu zeigen, dass er in Nienburg nicht willkommen ist. Über Lautsprecher wird sich über „die Repressalien der Bullen“ geärgert, die die Marschroute eingekürzt haben. Die meisten Teilnehmer tragen Schwarz und Kapuzen. Einige sind vermummt. Journalisten mit ihren Kameras sind nicht gerngesehen. 

„Wir haben versucht, landesweit Leute zu mobilisieren und sind sehr zufrieden mit der Resonanz“, sagt Thorben Franz, Linken-Mitglied des Stadtrates. „Der Freundeskreis sucht nach Plätzen, wo er sich ausbreiten kann, aber Nienburg soll nicht dazugehören. Es wäre eine weitere Stärkung der rechten Tendenz in der Stadt, und wir müssen jetzt etwas dagegen unternehmen, bevor es noch schlimmer wird.“

Dann setzt sich der Zug in Bewegung in Richtung Goetheplatz. „Nazis gibts in jeder Stadt, bildet Banden, macht sie platt!“, skandieren die Teilnehmer. Die begleitenden Polizisten werden als „Bullenketten“ betitelt. Insgesamt sind mehrere Hundertschaften aus Nienburg und der Bereitschaftspolizei vor Ort. Ein paar Nienburger, die vorbeikommen, bleiben stehen und sehen dem Ganzen zu.

Am Goetheplatz löst sich die Versammlung auf. „Bislang läuft es gut“, zieht Polizei-Pressesprecher Axel Bergmann ein Zwischenfazit. Allerdings habe man auch schon einigen Gegendemonstranten einen Platzverweis erteilen müssen. „Ich finde die Mobilisierung in Nienburg erstaunlich“, so Bergmann. In Duderstadt, wo der Freundeskreis zuvor demonstriert hat, habe es keine Gegenveranstaltung gegeben.

Viele Initiativen sind vor Ort gegen rechts

Doch nicht nur die Antifa, auch viele Initiativen zeigen an diesem Tag Gesicht. Unter anderem Attac, Against Racism, die Linksjugend, die Lions, die Naturfreunde, der CJD und die Gewerkschaft gegen Rechts haben Mitmachaktionen organisiert und Info-Tische aufgebaut. Das Motto: „Vielfalt statt Einfalt – Nienburg kein Ort für Neonazis“. Am DGB-Stand beim Weserschlösschen herrscht leichte Enttäuschung über die Resonanz. „Viele Leute gehen vorbei und bekunden Zustimmung – aber kaum jemand bleibt stehen, das ist schade“, bedauert Kreisvorsitzender Werner Behrens. Zwar sei es positiv, dass die Menschen die Aktion begleiten, aber man habe sich auf Gespräche gefreut.

Mitglieder des Freundeskreises Thüringen / Niedersachsen bei ihrer ersten Demo in Nienburg.

Gegen 14 Uhr hat sich die Sonne hinter Wolken verzogen. Und auch am Bahnhof wird es dunkler, da mehr und mehr schwarz gekleidete Gestalten vor dem Haupteingang auftauchen. Sie warten. Und dann verlassen mehrere Personen den Bahnhof durch einen Seitenausgang Richtung ZOB. Die Gestalten stürmen los und die Polizei bildet flugs eine Kette, um beide Lager voneinander zu trennen. Es wird geschrien, gedroht und gepöbelt. Weitere Beamte führen Diensthunde heran. Das Kläffen der Tiere mischt sich mit den Rufen der aufgebrachten Gegendemonstranten.

Die rund 40 Mitglieder des Freundeskreises versammeln sich, holen Banner und Reichskriegsflaggen heraus. Einige gehen provokativ auf die wartenden Journalisten zu und machen von allen Fotos. Auch sie tragen hauptsächlich Schwarz und sind teilweise vermummt. Ihr Redner ist Jens Wilke, der gleich klarstellt, dass man sich an ihre Anwesenheit gewöhnen könne, denn aus Nienburg soll „Götting 2.0“ werden.

Er beklagt, dass der Freundeskreis von der Presse diffamiert werde – und beleidigt mehrfach die anwesenden Reporter. Die Ausrottung des weißen Europäers stünde bevor. Wie genau das passieren soll, bleibt sein Geheimnis. Er behauptet, dass die Demokratie nicht funktioniere – doch auf einen Vorschlag, wie es besser laufen könnte, wartet man vergebens. Stattdessen erneut viel Geschimpfe auf die „roten Faschisten“ und die „Kapitalisten“.

Antisemitische Parolen der Rechten

Und Drohgebärden, dass die „Volksverräter“ schon bald der „Volkszorn“ trifft. Das Volk lugt währenddessen vereinzelt aus den Fenstern, steht stumm auf dem Bürgersteig oder fragt, was hier eigentlich vor sich geht. „Demo Links gegen Rechts“, lautet die Antwort. Der Mann verdreht die Augen. „Kann man nicht einfach beide verbieten?“

Eine Glasscheibe wurde von Demonstranten mutwillig zerstört.

Während Wilke sich laut darüber Gedanken macht, was wohl über ihn in der Presse stehen wird, stecken einige Mitglieder Flyer in Postkästen, andere brüllen antisemitische Parolen und „Rote gibts in jeder Stadt, bildet Banden, macht sie platt!“

Immer wieder versuchen Gegendemonstranten zum Freundeskreis durchzustoßen. Vergebens. Polizeigruppen laufen hin und her. Die Stimmung heizt sich auf. Es gibt Sitzblockaden auf den Straßen. Steine fliegen. Schließlich beendet die Polizei am Steinhuder Meerbach die Demo und der Freundeskreis kehrt zum Bahnhof zurück. Aus einem mitgebrachten Lautsprecher dröhnt „Deutschland, Deutschland über alles“. Dann ist Schluss.

Während das Abendrot den Himmel erobert, wird Bilanz gezogen: Zwei Polizisten sind durch Steine und einer durch den Rauch von Pyrotechnik verletzt worden. Ein Bauzaun an der St.-Martins-Kirche wurde umgekippt und die Tür des Bistros „Maximilian“ mit einem Gullideckel eingeworfen. Traurig, wenn man bedenkt, dass nur wenige Stunden zuvor an genau dieser Stelle für ein friedliches Zeichen gegen Rechts plädiert worden war.

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