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Schuldnerberatung des Paritätischen Nienburg zieht Bilanz

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Ein deutlicher Anstieg an Insolvenzverfahren ist 2021 von der Schuldnerberatung bilanziert worden. Zurückgeführt wird das nicht auf Corona, sondern auf eine Gesetzesänderung.
Ein deutlicher Anstieg an Insolvenzverfahren ist 2021 von der Schuldnerberatung bilanziert worden. Zurückgeführt wird das nicht auf Corona, sondern auf eine Gesetzesänderung. © Alexander Heinl/dpa

Die Schuldnerberatung des Paritätischen Nienburg hat ihren Jahresbericht 2021 vorgelegt. Sie selbst steht vor einer großen Veränderung, erklärt sie darin. Vor 37 Jahren ist sie gegründet worden, seitdem steht Diplom-Betriebswirt Wolfgang Lippel als Berater bereit. Bundesweit sei er damit einer derjenigen, die am längsten in dem Tätigkeitsfeld aktiv sind. Im Laufe des Jahres werde er aber in den Ruhestand gehen.

Landkreis Nienburg – Insgesamt gehe aus Daten der Wirtschaftsauskunftei Creditreform hervor, dass der Schuldenstand von Einzelpersonen in der Bundesrepublik sich 2021 verringert habe, heißt es in der Pressemitteilung der Schuldnerberatung. Zurückgeführt werde das auch auf die Pandemie. Da es weniger Möglichkeiten gab, zu konsumieren, sei mehr Geld in die Schuldentilgung geflossen.

Hauptgründe für Überschuldung bleiben unverändert - ganz vorn: Arbeitslosigkeit

Die Hauptursachen für die Überschuldung, die sogenannten „big six“, seien weiterhin – in dieser Reihenfolge – Arbeitslosigkeit, Einkommensarmut, Krankheit/Sucht/Unfall, Scheidung/Trennung, unvernünftiges Konsumverhalten und gescheiterte berufliche Selbstständigkeit. 70 Prozent aller Fälle ließen sich unter diesen Punkten zusammenfassen. Das decke sich mit den Erfahrungen vor Ort im Landkreis Nienburg.

Beratungen pro Überschuldungsgrund im Kreis Nienburg

1. Erkrankung/Sucht 26x

2. Tod des Partners/Trennung/Scheidung 21x

3. gescheiterte Selbstständigkeit 15x

4. Arbeitslosigkeit 11x

5. längerfristiges Niedrigeinkommen 10x

6. unwirtschaftliche Haushaltsführung 6x

Gerade zu den Ursachen Arbeitslosigkeit und Einkommensarmut passe die Tatsache, dass 2021 mehr als 40 Prozent der Ratsuchenden bei der Schuldnerberatung Grundsicherungsleistungen nach SGB II oder XII bezogen haben.

Die Schuldnerberatung des Paritätischen Nienburg habe 2021 insgesamt 125 Personen beraten. Hinzu kämen 153 Einmal-, Telefon- und Emailberatungen, heißt es im Jahresbericht. Diese seien erst aufgrund der Corona-Pandemie vollständig erfasst worden, stellen aber definitiv einen Anstieg gegenüber den Vorjahren dar. Mit den direkten Beratungen habe es sich anders dargestellt, diese seien zurückgegangen, betrugen 2020 noch 142. In Pandemiezeiten scheinen, vermutet die Schuldnerberatung, viele Menschen doch eher alle nicht unmittelbar notwendigen Kontakte zu meiden und weichen auf Telefonate aus.

Gesetzesänderung sorgt für starken Anstieg an Insolvenzverfahren

Auffällig war die Entwicklung bei den Insolvenzverfahren. Dafür habe die Schuldnerberatung aber eine einfache Erklärung. „Im Jahr 2021 ist die Anzahl der Verfahren förmlich explodiert und von 267 auf 493 Verfahren und damit um circa 85 Prozent gestiegen“, heißt es im Jahresbericht. Dieses seit 2014 nicht mehr erreichte Niveau sei aber nicht der Corona-Pandemie geschuldet, sondern einer Verfahrensänderung. Wer seinen Antrag auf Privatinsolvenz nach dem 1. Oktober 2020 gestellt hat, könne eine Restschuldbefreiung nach drei Jahren erhalten. Zuvor hätte das sechs Jahre in Anspruch genommen. Auf Anraten der Beratungsstellen hatten zahlreiche Antragsteller ihre Anträge bis zu dieser Gesetzesänderung zurückgehalten.

Die meisten Ratsuchenden kamen aus der Kreisstadt. Sie machen etwa 50 Prozent der Ratsuchenden aus. Die größte Zahl der Betroffenen (57) erhielt 2021 einen Verweis oder eine Empfehlung einer öffentlichen Stelle, eines Wohlfahrtsverbandes oder eines Betreuungsdienstes um zur Schuldnerberatung zu kommen. Auch Bekanntschaften sorgten für viel Aufmerksamkeit (43), während Arbeitgeber, Ärzte, Vermieter und Rechtsanwälte (10) die kleinste Gruppe stellen. 15 Menschen haben die Schuldnerberatung aufgrund ihrer Öffentlichkeitsarbeit aufgesucht.

Dabei seien alle Altersklassen relativ gleichmäßig betroffen. Die 31- bis 40-Jährigen stechen aber etwas hervor (28,87 Prozent). Es folgen die 51- bis 60-Jährigen (21,65), die über 60-Jährigen (20,62). Identisch groß waren 2021 die Gruppen der 21- bis 30-Jährigen und der 41- bis 50-Jährigen (je 14,43).

Größter Finanzier der Schuldnerberatung ist der Landkreis Nienburg

42 der ratsuchenden Personen seien abhängig erwerbstätig gewesen, 28 anderweitig nicht erwerbstätig, 24 arbeitslos gemeldet und drei selbstständig. Beim Großteil handele es sich mit 38 Personen um allein lebende Menschen.

Auch abseits der Beratung habe sich die Schuldnerberatung engagiert. Sei arbeite im Nienburger „Arbeitskreis gegen Energiesperren“ mit, genauso wie im „Netzwerk Sozialplanung“ der Stadt Nienburg/Weser. Für letzteres habe sie das Kapitel „Verschuldung und Insolvenz“ geschrieben, welches im Sammelband ‚Armut und Wohnen in Nienburg‘ erschienen ist.

Finanziert wird die Schuldnerberatung zum größten Teil vom Landkreis Nienburg. Er zahlt 80,1 Prozent der Kosten in der Schuldnerberatung. Weiterhin beteiligten sich das Land Niedersachsen (7,6 Prozent) und der niedersächsische Sparkassenverband (6,9). Der Rest werde aus Spenden und Eigenmitteln des Paritätischen finanziert.  

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