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Schornsteinfegerin Rieke Bößling wirbt für ihren Beruf

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Hand auflegen – danach fragen wildfremde Menschen Rieke Bößling. Weil es Glück bringen soll.
Hand auflegen – danach fragen wildfremde Menschen Rieke Bößling. Weil es Glück bringen soll. © Beate Ney-Janßen

Münchehagen/Rehburg – Fragt jemand Rieke Bößling, ob er ihr die Hand auf die Schulter legen oder an ihren Knöpfen drehen darf, dann lächelt sie und stimmt zu. Wer meint, Glück durch das Handauflegen bei der Schornsteinfegerin zu bekommen, den will sie nicht enttäuschen.

Der Anzug ist schwarz, der Zylinder ebenfalls. An den Händen klebt Ruß und ein schwarzer Fleck ist auf der Nase. Genauso will Rieke Bößling es haben. Vor ein bisschen Schmutz ist ihr nicht bange, schwärmt stattdessen von ihrem Beruf, der so fantastisch vielfältig sei. Redet vom Kehren und Messen, davon, dass sie vor Höhen Respekt hat – aber natürlich schwindelfrei ist. Immerhin muss sie 43 Meter hochkraxeln, um an die Spitze des höchsten Schornsteins in ihrem Kehrbezirk zu gelangen.

In die Wiege gelegt: Bößling ist aktuell im Kehrbezirk ihres Vaters aktiv

Der Schornstein in Münchehagen, den Bößling an diesem Morgen kehren will, ist ungleich niedriger. Freihändig übers Dach muss sie dennoch. Immer mit Vorsicht und dem Besen auf dem Rücken. Schon lässt sie die Kugel am Seil in die Öffnung gleiten. Ein-, zwei-, dreimal. Danach ist der Schornstein von Ruß befreit. Im Mittelalter, erklärt sie, war es das, was die Leute glauben ließ, dass Schornsteinfeger Glück bringen: Gekehrte Schornsteine schützten vor Bränden, die ganze Städte zerstören konnten.

Ein eigener Glücksbringer gehört zur Kluft der Schornsteinfeger: Auf der Gürtelschnalle prangt der Heilige Florian, der Schutzpatron der Feuerwehr und Schornsteinfeger.
Ein eigener Glücksbringer gehört zur Kluft der Schornsteinfeger: Auf der Gürtelschnalle prangt der Heilige Florian, der Schutzpatron der Feuerwehr und Schornsteinfeger. © Beate Ney-Janßen

Bößling ist ihr Beruf nahezu in die Wiege gelegt worden. Momentan arbeitet sie im Kehrbezirk ihres Vaters. Dessen Vater trug ebenfalls die schwarze Kluft. Und sie? Hat zu Schulzeiten eher aus Spaß gesagt, dass sie Schornsteinfegerin werden wolle. Nach einem Praktikum wurde ihr ernsthaft klar: Das ist genau ihr Ding. Abitur, Ausbildung. Jetzt ist sie 23 Jahre alt, Gesellin und will im Herbst mit der Meisterschule beginnen. Eines Tages, meint sie, werde sie sich wohl um einen eigenen Kehrbezirk bewerben.

Vorsitzende in der Bezirksgruppe des Zentralverbands Deutscher Schornsteinfeger

Ende Februar ist sie zur Vorsitzenden in der Bezirksgruppe Hannover des Zentralverbands Deutscher Schornsteinfeger (ZDS) gewählt worden. Auch dafür hat sie sich bewusst entschieden. Und hat eine Mission: Junge Menschen für das Handwerk im Allgemeinen und den Beruf des Schornsteinfegers im Besonderen interessieren. Falls jemand Interesse an einem Praktikum habe oder noch auf der Suche für den Zukunftstag sei – immer her damit, sagt sie und verweist auch auf eine Kampagne, die der ZDS aktuell fährt (siehe Infokasten).

Was ihr an ihrem Beruf dann noch gut gefällt? Jeden Tag mit vielen unterschiedlichen Menschen zusammen zu kommen. Die vielen Spezialisierungen, unter denen sie von energetischer Beratung über Schornsteinbau bis hin zu Brandschutz wählen kann. Und eben auch der Platz auf der Spitze des Daches, der ihr am frühen Morgen manchmal Ansichten beschert, die nur ihr allein vorbehalten sind. Ansichten über eine Wiese, auf der Morgentau glitzert und auf der Rehe äsen. „Ist eben ein Beruf mit Aussicht“, sagt sie zwinkernd.

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