Schulpsychologe Stefan Siedersleben zum Zeugnistelefon

Eltern sollten auch bei schlechten Noten ruhig bleiben

Der Hannoveraner Schulpsychologe Stefan Siedersleben vom Regionalen Landesamt für Schule und Bildung Hannover berät Eltern und Schüler bei Problemen mit den Noten oder der Schule. Wie Eltern mit der Situation umgehen sollten.

Erstmal einen Kaffee: Eltern sollten nicht hektisch werden, sondern in Ruhe mit ihrem Kind sprechen.
  • Experte: Homeschooling ist schwierig für alle - Eltern und Kinder
  • Ruhigen Zeitpunkt für ein Gespräch wählen
  • Nicht Schreien oder drohen, sondern gemeinsam überlegen, was man verbesern könnte

Landkreis/Hannover – Fällt das Halbjahreszeugnis nicht so toll aus, sind viele Schüler verzweifelt, ihre Eltern schockiert. Was nun? Auf jeden Fall erstmal durchatmen und später in Ruhe über die Noten reden. Das empfiehlt der Schulpsychologe Stefan Siedersleben allen seinen Klienten. Er arbeitet im Regionalen Landesamt für Schule und Bildung Hannover, das auch das landesweite Zeugnistelefon für Eltern und Schüler betreut.

Die Hotline ist eine gute Möglichkeit, sich etwaigen Kummer oder Frust von der Seele zu reden. Am anderen Ende sitzen ausgebildete Schulpsychologen, die Eltern und Schüler beraten. Geschaltet ist die Nummer noch am heutigen Freitag bis 17 Uhr (siehe Kasten).

Eltern sollten sich angesichts ihrer oft hohen eigenen Belastung klarmachen, dass sich auch ihre Kinder in einer sehr belastenden Situation befinden.

Schulpsychologe Stefan Siedersleben

Siedersleben zufolge sind es aber vor allem Eltern, die die Nummer bislang gewählt haben. „Unsere Erfahrungen aus den letzten Jahren wie auch bei diesem Halbjahreszeugnis zeigen, dass es sich bei den Themen, die die Anrufer nennen, meist um psychologische oder rechtliche Fragen rund um die Benotung dreht“, erklärt er. Ob es wegen Corona zu vermehrten Nachfragen gekommen ist, kann Siedersleben noch nicht sagen. Die aktuelle Lage stellt Siedersleben zufolge alle Menschen vor besonders hohe Anforderungen in Beruf, Schule und Familie. „Die Schüler sind da nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil – die notwendigen Einschränkungen verlangen besonders ihnen viel ab“, betont der Schulpsychologe. „Daher sollten sich Eltern angesichts ihrer oft hohen eigenen Belastung klarmachen, dass sich auch ihre Kinder in einer sehr belastenden Situation befinden – mit eigenen Einschränkungen, Sorgen und Ängsten.“ Siedersleben zufolge helfe das den Eltern, die Erwartungen an die aktuelle Leistungsfähigkeit ihrer Kinder etwas zu relativieren und „auch mal Fünfe gerade sein zu lassen“. Auch ein Perspektivwechsel ist hilfreich: „Eltern sollten sich selbstkritisch fragen, wie eng ihr Kontakt mit der Schule im vergangenen Schuljahr war. Hat man zum Beispiel die Möglichkeit eines persönlichen Gesprächs mit den Lehrkräften wahrgenommen?“

Liegt das Zeugnis dann auf dem Tisch, sollten Eltern grundsätzlich Ruhe bewahren und sich für das Durchsprechen mit dem Kind Zeit nehmen. „Das heißt, ein Gespräch erst dann führen, wenn man selbst die erforderliche Ruhe aufbringen kann“, so der Experte.

Wie schafft man das? Man kann zum Beispiel zuerst mit dem Partner über das Thema sprechen, eine Tasse Kaffee trinken, sich selbst herunterregeln, so der Experte. „Man sollte sich auch klar machen: Schulerfolg ist ein wichtiges Thema in den Familien. Ein Schulzeugnis urteilt aber nicht über die gesamte Persönlichkeit eines Kindes, sondern nur über Leistung und Verhalten in der Schule im vergangenen Jahr oder Halbjahr“, so Siedersleben.

Beim Gespräch selbst sollten Eltern dann mit dem Kind das Zeugnis durchgehen und gemeinsam die Gründe für die Zensuren analysieren. Das sollte für alle Zensuren geschehen, nicht nur bei den schlechten. „Auch gute Zensuren sind Leistungen des Kindes und nicht selbstverständlich!“ Hier brauchen Kinder die Unterstützung der Eltern. „Wutausbrüche, Drohungen und Strafen helfen keinem weiter“, betont der Schulpsychologe. „Kinder brauchen auch Anerkennung für ihre Leistungen, wenn nicht alle Erwartungen erfüllt wurden.“

Wie kann sich das Kind verbessern?

Dann folgt der Blick nach vorne: Wie kann eine Verbesserung im neuen Schuljahr gelingen? „Sollte über Lernen in den Sommerferien nachgedacht werden, so sollte dies nur in Maßen erfolgen; auch Kinder benötigen Erholung und freie Zeit, um Abstand zu gewinnen“, weiß Siedersleben. Daher sollten die Kinder und Jugendlichen nicht gleich am Anfang der Ferien wieder pauken müssen. Besser, man vereinbart Zeitpunkt und Ziel zu Beginn der Ferien. „Eventuell wäre auch, erst zu Beginn des neuen Schuljahrs mit dem Fachlehrer gemeinsam zu überlegen, welche Schritte am meisten Erfolg versprechen“, so Siedersleben.

Der Psychologe findet es wichtig, dass Eltern bei schlechten Noten auch ihre Erwartungen reflektieren. Waren diese realistisch? „Unrealistische Erwartungen müssen enttäuscht werden und führen oft zu Konflikten, die die Angst vor dem eigenen Schulversagen beim Kind verstärken“, erläutert Siedersleben.

Wo gibt es Unterstützung?

Die Zeugnishotline ist zu erreichen unter 04242/7807358 oder per E-Mail an zeugnishotline@rlsb-lg.niedersachsen.de, von

9 bis 17 Uhr.

Info-Material für Eltern und Schüler zum Thema Homeschooling gibt es beim Bildungsportal Niedersachsen Dort finden sich auch Tipps der Schulpsychologie zum Umgang mit dieser schwierigen Situation.

https://bildungsportal-niedersachsen.de/

Rubriklistenbild: © Rolf Bork/pixelio

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