Berührende Lesung auf Bühne in Rehburg zu Fluchten von der NS-Zeit bis heute

Mit nichts als einem Koffer

Nichts als einen Koffer nahm die 13-jährige Paula (Ülkü Kahraman) mit, als sie 1939 aus Nazi-Deutschland floh. - Foto:Ney-Janßen

Rehburg-Loccum - Von Beate Ney-Janßen. Eine szenische Lesung mit Fluchtgeschichten seit der NS-Zeit haben Jugendliche in einem Projekt des „Arbeitskreises Stolpersteine Rehburg-Loccum“ auf die Bühne des Bürgersaals im Rehburger „Raths-Keller“ gebracht. Beeindruckt und berührt haben sie mit ihrer Darstellung von sechs Fluchtgeschichten, mit der sich die Jugendlichen übrigens auch um den Elisabeth-Weinberg-Preis (gegen Rassismus und rechte Gewalt) bewerben.

Wahre Geschichten haben die Jugendlichen auf die Bühne gebracht und zwar solche, die ihnen von Flüchtlingen erzählt worden waren. Manche dieser Flüchtlinge sind selbst dabeigewesen, haben im Rehburger Bürgersaal gesessen und die Inszenierung ihrer eigenen Geschichte gesehen. Wie Annchen Heymer, Loccumerin, gebürtig in Pommern und 1946 von dort vertrieben. Oder Karim Iraki, Nienburger mit palästinensischen Wurzeln, der 1985 seine Familie im Libanon verließ und nach Deutschland floh.

Zuvor, als Patrick Pfeil und Alexander Kielmann an den Mikrofonen standen und davon erzählten, wie das Leben Irakis verlaufen ist, wie eine Nonne seine muslimische Familie rettete, wie er Kindersoldat wurde, in den Untergrund ging und schließlich keinen anderen Ausweg mehr sah, als die Flucht, mussten sie ihre ganze Konzentration aufbieten. Was sie dort vortrugen, hatte ihnen Iraki schließlich in langem Gespräch selbst erzählt. Ihre kurzen Seitenblicke auf ihn mit der stummen Frage „Werden wir deiner Geschichte gerecht?“ sprachen Bände von dem, was das Gespräch bei ihnen ausgelöst hatte.

Ähnlich wie diese beiden hatten sich auch die anderen Jugendlichen in „ihre“ Fluchtgeschichten vertieft, sich in ihre Rollen eingefühlt und so eine großartige, bewegende und berührende Aufführung zustandegebracht.

Sechs Leinwände deuteten zum Ende der Lesung auf sechs Schicksale hin und umfassten eine Zeitspanne von 77 Jahren. Angefangen bei der jüdischen Familie Hammerschlag, die 1938 aus Rehburg vor den Nazis floh, bis hin zu dem 14-jährigen Aman, der 2015 nach zweijähriger Flucht aus Eritrea im Landkreis Nienburg ankam. Dass Flucht kein Phänomen ist, das erst im vergangenen Jahr begann, dass Flucht aus vielen Ländern und aus vielen stichhaltigen Gründen geschieht und für die Flüchtenden niemals eine einfache Entscheidung ist, und dass hinter jeder Flucht ein menschliches Schicksal steht, sind nur einige der Aspekte, die mit der Lesung deutlich wurden.

Insbesondere dem Publikum verlangten die Akteure viel ab. Rund 90 Minuten aufmerksam zuzuhören, übersteigt eigentlich die Möglichkeiten der Aufmerksamkeit, die Schülern zugesprochen wird. Dass dennoch bis zur letzten Minute aufmerksam zugehört wurde, spricht dafür, wie fesselnd die Schilderungen waren. Das abendliche, erwachsene Publikum drückte seinen Eindruck mit rhythmischem, lang anhaltendem Applaus aus – nachgewirkt hat dort vermutlich auch der Schlussappell der Jugendlichen, die nach und nach ans Mikrofon traten und in sechs Sprachen einen Appell an ihre Zuschauer richteten: in Hebräisch und Englisch, in Deutsch und Vietnamesisch, in Arabisch und Tigrynia: „Bitte, habt Geduld mit mir. Helft mir bitte, damit dieses Land mein Zuhause wird!“ Und auch der Refrain des Songs, den die Jugendlichen entwickelt haben, wird wohl noch nachhallen: „Irgendwann geht die Sonne auf. Irgendwann hört die Suche auf. Und dann sind wir zu Haus.“

www.stolpersteine-rehburg-loccum.de

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