Gedenken an Novemberpogrome 1938

Thomas Gatter: „Man muss was tun“

Erinnern und erklären – damit die Gräuel der NS-Zeit, die es auch in Nienburg gab, nicht vergessen werden. Dafür stehen dieses Mahnmal in Nienburg und die Gedenkveranstaltungen, die am 7. November beginnen.
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Erinnern und erklären – damit die Gräuel der NS-Zeit, die es auch in Nienburg gab, nicht vergessen werden. Dafür stehen dieses Mahnmal in Nienburg und die Gedenkveranstaltungen, die am 7. November beginnen.

Nienburg – Kann man von einer aufgeklärten Gesellschaft nicht erwarten, dass sie sich an Fehler der Vergangenheit erinnert – und auch daraus lernt? Nein, findet Thomas Gatter. Er ist Jude, Vorsitzender des Arbeitskreises Gedenken in Nienburg, und davon überzeugt, dass konsequente Erinnerungsarbeit für eine freie Zukunft unverzichtbar ist.

„Man kann nicht erwarten, dass sich die Gesellschaft von allein dahin entwickelt – man muss was tun“, betont Gatter. Und so arbeiten er und sein Team bereits seit Wochen an der Vorbereitung der Gedenkveranstaltungen zu den Novemberpogromen vom 7. bis 9. November. Alleine sind sie damit nicht, auch die Stadt Nienburg ist an Bord.

Geplant sind mehrere Veranstatungen (Details siehe Kasten), die zum Beispiel an die Zerstörung der Nienburger Synagoge aufgrund antisemitischer Pogrome im Jahr 1938 erinnern. Es geht Gatter zufolge darüber hinaus um die Deportation von Sinti und Juden aus der Weserstadt und dem Landkreis, um die Kriegsvorbereitungen der Nationalsozialisten und um das Schicksal einzelner Männer, die sich dem Kriegsdienst in der Wehrmacht verweigerten.

Gatter: „Sehen negative Impulse“

Bis heute erschüttern antisemitische Verbrechen wie die Taten der NSU viele Menschen, auch Thomas Gatter. „Wir sehen derzeit viele negative Impulse“, sagt der Nienburger. Mit Sorge nimmt er etwa die wachsende Stärke der AfD in den neuen Bundesländern wahr. „Da gibt es viel Frust“, schätzt er mit Blick auf die Wiedervereinigung, die in seinen Augen an vielen Menschen im Osten nicht spurlos vorbeigegangen sei. „Es wurde vielleicht zu oft von oben herab vom Westen aus auf den Osten zugegangen. Wir müssen zurück an den Anfang und einen besseren Dialog versuchen“, formuliert Gatter einen Lösungsansatz, den er auch in Nienburg umsetzen möchte. Wobei ihm bewusst ist: „Die Hardcore-Rechten erreicht man mit Gesprächen nicht. Aber ich schätze, etwa 15 Prozent der Menschen lassen sich einfangen, mit denen kann man reden.“

Geht Gatter in seiner Heimatstadt Nienburg noch unbefangen auf die Straße? „Ich fühle mich nicht bedroht“, stellt er fest. „Aber ich bin mir der Ereignisse woanders sehr wohl bewusst.“ Er habe es noch nicht erlebt, dass er angegriffen worden sei. Allerdings sei er durchaus „hin und wieder mit einem zweifelhaften Unterton“ angesprochen worden.

Als ehemaliger Kreisarchivar kennt Gatter die Weserstadt und ihre Geschichte wie seine Westentasche. Derzeit gibt es in Nienburg keine jüdische Gemeinde, wohl aber einzelne jüdische Familien, weiß er. „Die meisten jüdischen Bewohner wurden 1942 deportiert“, sagt Gatter mit Blick auf entsprechende historische Dokumente.

Nienburg zur NS-Zeit „stramm sozialdemokratisch“

Aus denen gehe auch hervor, dass Nienburg zur NS-Zeit eigentlich „stramm sozialdemokratisch“ gewesen sei. „Das hat etwas mit der Glasindustrie hier zu tun. Die Familien, die diese Unternehmen betrieben, waren traditionell sozialdemokratisch.“ Bis in die 1920-er Jahre gab es laut Gatter die Redewendung vom „roten Nienburg“. Diese Gesinnung vieler Bürger blieb seinen Untersuchungen zufolge offenbar auch während der NS-Herrschaft erhalten. „Allerdings reichte das natürlich nicht aus, um die Nazis zu verteiben oder Ähnliches“, so Gatter.

Radikal rechte Nationalsozialisten habe es damals weniger in der Weserstadt direkt, sondern eher in kleineren Dörfern in der Mittelweser-Region gegeben, „Das kann man anhand der Unterlagen zur Reichstagswahl nachvollziehen“, erläutert der ehemalige Kreisarchivar. In diesen Kommunen habe sich oftmals rasch eine starke Sturmabteilung gebildet. Auch nach 1945 wurde in diesen Dörfern lange rechts gewählt“, verweist der Nienburger auf entsprechende Wahlunterlagen.

Vor diesem Hintergrund ist Gatter besonders die Ausstellung „Jüdische Stimmen gegen den Krieg“ im Nienburger Rathaus wichtig. Sie soll die Nienburger daran erinnern, dass es Dinge gibt, die nicht vergessen werden dürfen, um sie künftig zu verhindern.

Das Programm

Sonntag, 7. November, 11.15 Uhr: Rathaus Nienburg (Vestibül), Ausstellungseröffnung„Sie wollten nicht töten“ – Kriegsdienstverweigerung und Desertion im Nationalsozialismus. Anmeldung: 0151 / 17287826 oder mizva@thomasgatter.eu.

Montag, 8. November, 20.15 Uhr: Filmpalast am Hafen: „Persischstunden“, Film von Vadim Perelman, Karten: www.kino-nienburg.de

Dienstag, 9. November: Gedenktag der Novemberpogrome von 1938;

11 Uhr Bastion Hoffnung, Weserwall Gedenkstunde des Jungen Forums gegen Antiziganismus am Mahnmal für alle Opfer nationalsozialistischer Verbrechen in Stadt und Landkreis Nienburg;

15 Uhr Jüdischer Friedhof Bruchstraße: Interreligiöse Andacht mit Pastor Horst Seivert, Kirchengemeinde Sankt Martin, Holtorf.

17 Uhr Erinnerungstafel der Jüdischen Gemeinde Nienburg am Rathaus; Teilnehmer legen Blumen nieder.

18 Uhr Rathaus, Vestibül, „Jüdische Stimmen gegen den Krieg“ Lesung mit Texten u. a. von Rosa Luxemburg, Kurt Tucholsky, Ernst Toller und Nelly Sachs.

Alle Details:

www.thomas-gatter.eu

www.nienburg.de

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