Loccum

Kloster-Sanierung kostet 35,7 statt 20 Millionen Euro

Neu und unbenutzt sind die neue Bibliothek und Priors Garten. Entsprechend unwirklich erscheinen sie noch.
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Neu und unbenutzt sind die neue Bibliothek und Priors Garten. Entsprechend unwirklich erscheinen sie noch.

„Wir ahnten nicht, was auf uns zukommt“, sagt Arend de Vries, Prior im Kloster Loccum, zum Abschluss der Bauarbeiten auf dem Klostergelände. Sieben Jahre Bauzeit später und um viele Erfahrungen reicher haben Bau- und Hausherren wie auch die planenden Architekten ihr Werk vorgestellt.

Loccum – In einigen Räumen ist der Charme des alten Gemäuers nüchterner Funktionalität gewichen. Whiteboards und Co. haben dort Einzug gehalten. Vieles ist aber auch erhalten geblieben. Beziehungsweise erhalten worden. Von den dunkel getäfelten Wänden des Drei-Kaiser-Zimmers, das 1913 zu Ehren eines Besuchs des Kaisers höchstpersönlich eingerichtet wurde, schauen immer noch drei Kaiser streng von den Wänden auf Gäste herab, die sich auf das rote Sofa mit seinen zierlichen Beinen setzen.

Sieben Jahre Bauzeit: Keine Baustelle der Landeskirche Hannover dauerte länger

Mit nicht eben wenig stolz führt de Vries die Gruppe aus Presseleuten durch diese wie jene Räume. Es ist der Stolz des Hausherrn, der nach sieben Jahren Bauzeit das fertige Werk präsentieren darf.

Sieben Jahre, in denen sich die anfangs avisierten Kosten von 20 Millionen Euro nahezu verdoppelt haben. 35,7 Millionen Euro – das ist die stolze Summe, die Oberlandeskirchenrat Adalbert Schmidt, der die landeskirchliche Abteilung für Immobilienwirtschaft leitet, zu erklären versucht. Nicht so schlimm wie bei der Elbphilharmonie oder dem Berliner Flughafen, sagt er entschuldigend. Und sagt auch, dass keine Baustelle der Landeskirche Hannover länger andauerte oder jemals teurer gewesen sei.

Kloster verkauft Ländereien, um seinen Teil der Kosten zahlen zu können

Schmidt und der landeskirchliche Baudirektor Werner Lemke, setzen zu Erklärungen an. Verteuerungen am Bau haben viel zur Kostensteigerung beigetragen. Ebenso auch die vielen Überraschungen, die sie nahezu täglich erwarteten, als die Arbeit am historischen Konventshaus begann. Architekt Matthias Wilkens macht mit beiden Händen deutlich, wie solche Überraschungen aussahen. Er zeigt einen Balkenquerschnitt von 25 Zentimetern, verringert ihn auf zehn Zentimeter. Das habe sie beim Öffnen der Decken erwartet, an vielen Stellen sei der Hausschwamm tief ins Gebäude eingedrungen gewesen, habe die Balken nahezu zerstört. „Manchmal haben wir uns gewundert, dass die Konstruktion überhaupt so lange gehalten hat“, sagt er.

Während der Bauarbeiten ist auch der Boden im Kreuzgang des Klosters aufgenommen worden – Versorgungsleitungen für den Seminarbetrieb machten es nötig

2,75 Millionen Euro der Bausumme hat das Kloster beigesteuert. Auch das ist mehr als die veranschlagten 1,5 Millionen. Das Kloster habe einige Ländereien verkauft, um es sich leisten zu können, sagt de Vries. Doch das sei es wert. Schließlich gehe es darum, das 1163 gegründete Kloster zu erhalten.

Vikare werden seit 200 Jahren in Loccum ausgebildet

Erhalten wird es durch den Sinn und Zweck, den es bereits seit 200 Jahren erfüllt: der Ausbildung von Vikaren im Predigerseminar. Rund 190 Jahre lang oblag diese Aufgabe dem mittlerweile protestantischen Kloster, dann ging es in die Verantwortung der Landeskirche Hannover über, die sich nach zähem Ringen für Loccum als Standort für alle seine Vikare entschied und umso größer plante, als vier weitere Landeskirchen sich vor sieben Jahren entschieden, ihre Vikare ebenfalls nach Loccum zu entsenden.

So kommt es, dass der überwiegende Teil der Kosten an der Landeskirche hängen blieb. Die wiederum konnte auf potente Förderer zählen. „Nicht, weil sie unser Predigerseminar unterstützen wollten, sondern weil es ihnen um den Erhalt des Klosters ging“, wie Schmidt betont.

Ein Seminarraum trägt den Namen von Architektin Carola Woelk

2012 begannen die Überlegungen, 2014 wurde mit einer großen Parkfläche und einem Gästehaus auf Klostergrund mit den Bauarbeiten begonnen. Die einfachsten Aufgaben, wie sich zeigte. Danach standen die Sanierung des Konventsgebäudes und ein Bibliotheksneubau auf dem Programm. Mit all ihren Problemen.

Stehen Rede und Antwort zu den Bauarbeiten im Kloster Loccum: Matthias Wilke, Werner Lemke, Adalbert Schmidt und Arend de Vries. Rechts der Pressesprecher der Landeskirche Hannovers, Benjamin Simon-Hinkelmann.

Darüber wollen die Herren an diesem Tag, an dem sie das vollendete Werk präsentieren, aber nicht allzu viel reden, sondern lieber alle Errungenschaften in den Vordergrund stellen. Reden lassen sie hingegen die diversen Planer an den vielfachen Baustellen. Architektin Carola Woelk erzählt von den fünf Jahren, in denen sie mit der Landeskirche gearbeitet und mit der überraschungsvollen Bausubstanz gerungen hat. Ihre Begeisterung fürs Kloster hat sie darüber nicht verloren und hat ihre Aufgabe augenscheinlich zu aller Zufriedenheit erledigt. Sonst würde kaum einer der Seminarräume ihren Namen tragen.

120000 Bücher ziehen im März 2022 in die neue Klosterbibliothek

Die Seminarräume harren ebenso wie die neue Bibliothek noch auf ihre Bewährungsprobe. 120 000 Bücher sollen ab März 2022 eingelagert werden. „Noch ist es eine helle Freude, die Rollregale zu bewegen“, sagt de Vries zwinkernd. Noch, weil das Gewicht der Bücher noch nicht auf ihnen lastet.

Die Außenansicht dieses Hauses der Bücher wirkt im diesigen Licht fast wie eine der Architekten Zeichnungen, mit denen das Büro Pape + Pape beim Wettbewerb den Sieg davontragen hatte. Das mag an Priors Garten liegen, der mit Punktlandung zur Übergabe der Schlüsselgewalt an Studiendirektor Matthias Wilke, den Leiter des Predigerseminars, fertiggestellt wurde.

Kloster Loccum sollte sich durch Umbauarbeiten zu einem Campus entwickeln

Ein Brunnen plätschert mittendrin und das Grün des neuen Rollrasens leuchtet. Dem Garten ist dennoch deutlich anzusehen, dass er bislang nicht begangen, nicht besetzt wurde. Es fehlt der Charme der kleinen Unordentlichkeiten und ähnlich erscheint die Bibliotheksfassade: Sie muss noch Patina ansetzen, um sich ganz und gar in die Klosteransicht einzufügen.

Die im Kreuzgang des Klosters angebrachte Beleuchtungsanlage mit Lichtleiste unter der Decke ist noch ein Streitpunkt zwischen Kloster Loccum und Dorf.

Immerhin: Die riesige Blutbuche am Rand von Priors Garten hat die Bauarbeiten überlebt und hinter ihrer sich lichtenden Krone lugt ein neues Tor in der uralten Klostermauer hervor. „Das neue Tor steht für den Campus-Gedanken“, sagt Schmidt.

Campus – das war einer der Grundgedanken des Vorhabens: Die kirchlichen Bildungseinrichtungen Loccums sollten einander angenähert werden. Wenn Predigerseminar, Evangelische Akademie und Religionspädagogisches Institut in dem kleinen Dorf auch nah beieinander liegen, so gab es bislang doch nur punktuelle Berührungspunkte. Der Anfang sei gemacht, fügt Schmidt hinzu. Jetzt müsse konzeptionell weitergedacht werden.

Auch ein Café könnte im Kloster einziehen

Weiterdenken und weiterplanen ist nicht nur in dieser Hinsicht etwas, was gelegentlich auf dem Weg durch Häuser und Gärten vermittelt wird. Für den hölzernen Pavillon am Konventsgebäude sei dem Kloster der Wille noch nicht abhandengekommen, in ihm ein Café einzurichten, sagt de Vries.

Schmidt hingegen seufzt leicht, als er auf den Widerstand aus dem Dorf Loccum angesprochen wird, der sich wegen der neuen Beleuchtung im Kreuzgang lautstark regt. Die Landeskirche habe ihre Aufgabe zunächst vollendet, sagt Schmidt. Aber das heiße doch nicht, dass alles bis in alle Ewigkeit so bleiben müsse, wie es jetzt sei. Womöglich gebe es Mittel und Wege, noch an dieser Kreuzgangbeleuchtung zu drehen.

Ungefähr so lässt sich die Situation im Kloster Loccum beschreiben. Die Bauarbeiten sind beendet, aber nichts ist für immer festgeschrieben.

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