Kühe mit dem IBR-IPV-Virus werden getötet, weil sie weniger Geld bringen

Leben oder Tod – Alles nur eine Frage des Marktwerts

Sind schon eine richtige, kleine Herde: Gailswintha und ihre Stallgefährtinnen. - Foto: Kreykenbohm

Warpe - Von Julia Kreykenbohm. Sie scheinen sich gut zu verstehen. Die acht Kälbchen liegen im Stroh, einige kuscheln und lecken sich gegenseitig das Fell. Unter ihnen ist auch Gailswintha. Sie hat es sich auf einem Sonnenflecken bequem gemacht und genießt das sommerhafte Wetter mit der frischen Brise. Für sie und ihre Stallgefährtinnen ist die Welt in Ordnung. Sie können nicht wissen, dass ein paar Tage eine dunkle Wolke über ihnen schwebte, die auch der Grund dafür war, warum Gailswintha nicht an der Schau in Verden teilnehmen konnte, auf die sie intensiv vorbereitet worden war.

Und das ist mehr als schade, denn das Kälbchen hat schon echte „Laufstegqualitäten“ gezeigt. „Man legt ihr ein Halfter um und sie trägt es, als sei sie damit geboren worden“, schwärmt ihr Besitzer, Conny Derboven vom Hof Bünkemühle in Warpe. Dem Landwirt sind die Sorgen der vergangenen Zeit anzumerken. Denn vor der Schau in Verden war er mit einer anderen Kuh seiner Herde auf einer Schau in Oldenburg. Dort wiederum war ein Tier aus einem Oldenburger Betrieb, das sich mit dem IBR-IPV-Virus infiziert hatte. Da dieses über die Schleimhäute übertragen wird, hätte die kranke Kuh theoretisch alle anderen anstecken können. Auch die von Derboven. „Wäre dies der Fall gewesen, hätten wir unsere gesamte Herde zum Schlachter geben müssen“, sagt der Landwirt mit leiser Stimme, die zeigt, dass er gar nicht über dieses Szenario nachdenken möchte. „Das geht unter die Haut.“ Auch Gailswintha hätte getötet werden müssen.

Aber warum? Ist das Virus eine Gefahr für Menschen oder müssen die befallenen Tiere qualvoll verenden? Derboven schüttelt den Kopf. „Nach drei Wochen hat die Kuh Anti-Körper entwickelt und das Ganze ist überstanden. Hier geht es nur ums Geld. Erkrankte Kühe verlieren an Marktwert und werden von ausländischen Käufern nicht mehr genommen. Um den Export nicht zu gefährden, zwingt eine Verordnung die Landwirte, ihre Tiere zu keulen. Sie werden mit Geld für den Verlust entschädigt.“ Die Frage ist, ob man mit Geld den Tod von so vielen Tieren, von denen man viele mit Zeit, Geld und auch Hingabe großgezogen hat, wirklich entschädigen kann. Für Derboven ist die Antwort eindeutig: „Man hat doch einen Bezug zu den Tieren. Es sind Lebewesen, keine Ware.“

Um eine Ausbreitung der Seuche zu verhindern, wurde die Schau in Verden vorsorglich abgesagt. Für Gailswintha ist das nicht dramatisch – für Nils Dohemann schon. Denn der Siebenjährige hatte ihr Begleiter sein sollen, der sie in Verden präsentiert und sich schon gefreut. Aber auch für ihn gibt es ein Happy End, denn als Entschädigung geht es im Juli nach Tarmstedt im Landkreis Rotenburg zu einer Schau.

Zudem steht Gailswintha eine weitere Veränderung bevor: In vier Wochen muss sie das Kälberdorf verlassen, in dem sie jetzt mit ihren Stallgefährtinnen die letzte Box bewohnt. Einen Trog gibt es dort für die rund vier Monate alten Tiere, die nun alle Wiederkäuer sind, nicht mehr. Ihr Futter, eine Mischration aus Mais, Stroh und Grassilage, liegt an einer Stelle angehäuft vor den Stangen. Das ist eine Vorbereitung für die „Kampftruppe“, wie Derboven scherzhaft sagt und meint den Stall gegenüber, wo die älteren Kühe untergebracht sind. „Dort stehen dann 32 Tiere, da müssen sie sich durchsetzen können, um zu ihrem Futter zu gelangen“. Schließlich müssen sie lernen, in einer Herde zu leben.

Wie ausgeprägt dieser Herdentrieb ist, zeigt sich auch beim Fototermin. Gailswintha hat zunächst überhaupt kein Interesse daran, sich ablichten zu lassen. Ebenso ihre Stallgefährtinnen. Faulenzen ist halt schöner. Doch nach etwas gutem Zureden kommt sie doch ans Gitter und begrüßt ihre alte Bekannte – die Frau mit der Kamera – in dem sie das feuchte Schnäuzchen gegen die Linse drückt. Und schon steht die ganze Meute hinter ihr. Jetzt wollen auf einmal alle mit aufs Bild.

Wer Gailswintha mal „in echt“ sehen möchte, kann am 22. Mai auf den Hof Bünkemühle, Helzendorf 33, zum Hoffest kommen. Besonders die kleinen Besucher sind eingeladen. Es gibt auch ein Gewinnspiel: Wer Gailswintha findet, bekommt einen Tag Ferien auf dem Bauernhof.

Die Krankheit

Die Infektiöse Bovine Rhinotracheitis (IBR) ist eine virusbedingte Infektionskrankheit der Rinder. Der Name ergibt sich aus dem klinischen Erscheinungsbild, einer Rhinitis (Nasenentzündung) und Tracheitis (Luftröhrenentzündung). Im englischen Sprachraum wird die Krankheit auch „red nose“ („rote Nase“) genannt. Die Krankheit wird auch als Buchstabenseuche oder als IBR-IPV bezeichnet, wobei IPV für Infektiöse Pustulöse Vulvovaginitis steht. Mit IBR/IPV infizierte Rinder können Fieber haben, zeigen insbesondere Ausfluss aus Nase und Augen und neigen zu Aborten. Nach einer Infektion sind die Tiere lebenslang Virusträger. Bei Stress kann diese Krankheit jederzeit wieder ausbrechen.

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