Steimbke: Zusammenhang mit Erdöl- und Erdgas-Förderung noch nicht nachzuweisen

Krebs-Häufigkeit knapp unter kritischem Wert

Experten- und Berichts-Runde im Küsterhaus in Steimbke zu den erhöhten Krebs-Erkrankungen in der Samtgemeinde Steimbke (v.l.): Kathrin Otte, Michael Hoopmann, Dr. Torsten Vogel, Manuel Wehr und Knut Hallmann. - Fotos: Kurt Henschel

Steimbke - Von Kurt Henschel. „Klar, mache ich mir Sorgen, aber es ist kein Platz für Ängste, Panik oder gar Hysterie!“ Knut Hallmann, Bürgermeister der Samtgemeinde Steimbke, empfing am Montag auf Einladung des Landkreises Fachleute und zahlreiche Vertreter verschiedener Medien, um über den aktuellen Stand der Untersuchungen bezüglich des Verdachts einer erhöhten Krebs-Häufigkeit in Verbindung mit der Erdöl- beziehungsweise Erdgasförderung in der Mitgliedsgemeinde Rodewald zu berichten.

Als Grundlage diente ihm und den übrigen Experten der Bericht des Krebsregisters zu Lymphom- und Leukämie-Erkrankungen in Rodewald. Neben Hallmann waren Dr. Torsten Vogel vom Fachbereich Gesundheitswesen und Manuel Wehr vom Fachbereich Umwelt des Landkreises Nienburg, Michael Hoopmann vom Landesgesundheitsamt und Kathrin Otte vom gemeinnützigen Netzwerk für Umweltkranke (Genuk) im Küsterhaus Steimbke erschienen. Sie verkündeten, dass die Krebs-Häufigkeit „nur knapp unterhalb des kritischen Wertes“ liegt.

Laut Untersuchungsbericht des Epidemiologischen Krebsregister Niedersachsen (EKN) war – statistisch – für Rodewald in den Jahren 2005 bis 2013 von 12,7 Lyphom- und Leukämie-Erkrankungen auszugehen gewesen, die tatsächliche Zahl liege aber bei 20 Fällen. „Damit ist die Erkrankungs-Rate zwar erhöht, jedoch nicht als statistisch auffällig einzustufen“, besagt das Gutachten. Allerdings liege sie eben knapp unter dem kritischen Wert von 21 Fällen. In der Samtgemeinde seien 46 Neuerkrankungen (erwartet: 36,2) beobachtet worden, was eine statistisch ebenfalls nicht auffällige Erhöhung bedeute. Unter Hinzunahme der umfangreichen Zahlen des Kinderkrebsregisters sehe die Lage allerdings anders aus, so Dr. Vogel. In den Jahren 1987 bis 2014 seien in der Samtgemeinde sechs Fälle (erwartet: 1,7) dokumentiert, davon allein in Rodewald vier statt 0,6. Das sei sehr wohl „eine signifikante Erhöhung“, so der Mediziner.

„Wir müssen hier weitersuchen“

Für Michael Hoopmann vom Landesgesundheitsamt steht nach diesen Erkenntnissen fest: „Wir müssen hier weitersuchen.“ Und zwar nach Ursachen. Im Zentrum des Verdachts, als Auslöser der Erkrankungen infrage kommen zu können, steht nach einem auslösenden Bericht des Nordeutschen Rundfunks (NDR) aus dem Jahr 2014 das Gelände der BEB (Erdgas- und Erdöl-Gesellschaft) Rodewald, das inzwischen der Firma Wintershall gehört. Letztere hatte zuletzt umfangreiche Sanierungen mit dem Austausch von rund 10 000 Tonnen belasteten Erdreichs vorgenommen und zeige sich absolut kooperativ, so Samtgemeindebürgermeister Hallmann.

Landkreis-Pressesprecher Torsten Rötschke.

Ob die seit mehr als 50 Jahren laufende Förderung mit den Erkrankungen zu tun habe, sei verbindlich nicht zu beantworten, so die Experten. Es gelte nun, noch mehr der verteilten Fragebögen zurückzubekommen, um dann in persönliche Interviews einzusteigen mit dem Ziel, weitere Risikofaktoren zu ermitteln. Anhand der Resultate würden weitere Schritte eingeleitet, so Manuel Wehr. Er beteuerte: „Wir tun alles, was erforderlich ist!“

Derzeit, so Wehr weiter, liefen Untersuchungen weiterer Bohrschlammgruben, um zu erfahren, ob von denen Gefahren ausgehen. Ein Auge werfen die Experten dabei nicht nur auf die Wirkungen von Benzol, sondern auch auf Schwermetalle wie beispielsweise Quecksilber.

Kathrin Otte erklärte, dass überhaupt nicht bekannt sei, was vor Jahrzehnten alles in die Luft gelangt sei. „Es gibt keinerlei Aufzeichnungen und Messwerte, mit denen wir heute arbeiten könnten“, sagte sie. Es gelte dringend, jetzt damit zu beginnen und den Gesetzgeber aufzufordern, Werte für Umweltrisiken festzulegen.

Zu den Otte-Aussagen passe laut Manuel Wehr ein TÜV-Gutachten aus dem Jahr 1988 mit der Nachricht über einen um ein Vielfaches überschrittenen Wert der sogenannten Kaltgasfackel. „Da hätte das Bergamt reagieren müssen“, so Kathrin Otte. Es bestehe weiter Klärungsbedarf, weshalb der Landkreis unter Einschaltung des Landes geprüft wissen will, ob nachträglich auf der Basis des besagten Gutachtens von 1988 eine Immissionsprognose insbesondere für Benzol möglich ist. Aus dieser sei dann abzuleiten, ob und in welchen Bereichen auch Bodenbelastungen durch die Emissionen der Kaltgasfackel entstanden sein könnten. Abhängig von entsprechenden Erkenntnissen wolle der Landkreis orientierende Bodenuntersuchungen veranlassen, wie es Pressesprecher Torsten Rötschke, der auch die Begrüßung der Teilnehmer vorgenommen hatte, erklärte.

Der Bericht des EKN bestätige die Notwendigkeit des vom Landkreis Nienburg eingeschlagenen Weges, mehr über die einzelnen Fälle in Rodewald in Erfahrung bringen zu wollen. Nur so seien mögliche Ursachen zu erforschen, so das EKN. Unabhängig vom vorgelegten Bericht erklärt das Landesgesundheitsamt nach einer toxikologischen Bewertung der vorliegenden Umwelt-Gutachten zum ehemaligen BEB-Betriebsgelände Suderbruch, dass sich „ein gesundheitliches Risiko für die Wohnbevölkerung aus den Umweltdaten aus den Jahren 2011 bis 2014 nicht ableiten“ lasse.

Wie schwierig die Untersuchungen und der Nachweis eines Zusammenhangs zwischen Erdgas- und Erdöl-Förderung sowie den erhöhten Erkrankungs-Zahlen sind, beweist dieser Satz aus dem EKN-Bericht: „Die Bewertung, die Fallzahlen seien nicht signifikant erhöht, sagt aus, dass die beaobachtete Erhöhung auch nur rein zufällig zustandegekommen sein könnte. Die Einstufung, ab wann eine Erhöhung signifikant ist, hängt von der vorab festgestellten Fragestellung und Auswertungsstrategie sowie vor allem von den akzeptierten Unsicherheiten bei der Einstufung – den sogenannten Irrtumswahrscheinlichkeiten – ab.“

Weitere Infos unter

www.genuk-ev.de

www.kreis-ni.de

www.krebsregister-niedersachsen.de

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