Celler Autor Andreas Babel stellt Buch im VHS-Haus vor

Kindermord im Krankenhaus: Sechsjährige Recherche

Der Celler Autor Andreas Babel mit seinem Buch, das er ab 19 Uhr heute bei der Volkshochschule in Nienburg vorstellt.

Nienburg - Als Euthanasie-Morde ging die Ermordung Tausender behinderter Menschen während der NS-Zeit in die Geschichte ein. Die unfassbaren Vorgänge in der Hamburger Klinik und den späteren Lebensweg der beteiligten Ärztinnen und Krankenschwestern beschreibt der Celler Journalist Andreas Babel in seinem jetzt erschienenen Buch „Kindermord im Krankenhaus“, das er nach sechsjähriger Recherche vorlegt.

In seinem Vortrag im Haus der Volkshochschule (VHS) in Nienburg beleuchtet der Autor die Hintergründe und lädt für 19 Uhr mit der Frage, zu welchen Taten gebildete Menschen fähig sind, zur Diskussion ein.

1945, so heißt es in der Pressemitteilung zur heutigen Veranstaltung, waren die Ideen des „Dritten Reichs“ in Deutschland noch nicht verschwunden. Fast ein Vierteljahrhundert später kam es in Celle zu einem Mord, der seine Wurzeln in der NS-Ideologie hatte. Das wurde erst vor wenigen Wochen durch die Recherche des Journalisten Andreas Babel bekannt.

2009 hatte der Redakteur der Celleschen Zeitung enthüllt, dass die langjährige Chefin der Kinderklinik des Allgemeinen Krankenhauses (AKH) Celle, Dr. Helene Darges-Sonnemann (1911 bis 1998), während der NS-Zeit in einem Hamburger Krankenhaus behinderte Kinder getötet hatte. Diese Kinder wurden laut Babel damals von staatlicher Seite und sogenannten Gesundheitspolitikern als „Ballast-Existenzen“ und als „lebensunwert“ gebrandmarkt und verunglimpft.

In seinem im Jahr 2015 veröffentlichten Buch „Kindermord im Krankenhaus“ hat Babel nachgewiesen, dass diese Ärztin ihre Sicht auf diese gehandicapten Menschen nie abgelegt hat. In der Neuauflage seines Buches, die jetzt im Verlag „Edition Falkenberg“ erscheint, hat der Autor weitere Belege für das unsägliche Wirken dieser Medizinerin zusammengetragen. Darges-Sonnemann hatte 1969 einer jungen Mutter geraten, ihr Kind in den Durchzug zu stellen, damit es eine Lungenentzündung bekomme. Dann solle sie eben nicht zum Arzt gehen und dann sterbe das Kind, hatte die Ärztin ihr gesagt. Die verzweifelte Mutter wählte nicht diesen qualvollen Weg der Tötung. Stattdessen drückte sie Edda ein Kissen auf den Kopf und wartete, bis der wenige Monate alte Säugling, der behindert auf die Welt gekommen war, nicht mehr zappelte.

Die Ermordung gestand die Mutter erst 2011 ihrer Tochter, einer promovierten Celler Juristin. „Ich war der Ersatz für Edda“, sagt die 1971 Geborene – verständlich, dass sie an dem familiären Trauma bis heute zu arbeiten hat. Schon in ihrer Studentenzeit hatte sie mit der Mutter gebrochen, weil sie geahnt hatte, dass die Mutter bei Eddas Tod damals nachgeholfen hatte und die Mutter ihre Fragen nicht beantworten konnte.

Mehrere andere Zeitzeugen berichten von einer herzlosen, gefühlskalten Medizinerin, die verzweifelte Eltern auf dem Flur abkanzelte, wenn sie sich mit deren angeblich unheilbaren Kindern nicht mehr abgeben wollte.

Babels Buch zeigt aber auch etwas Anderes: Es gab nicht nur elf der 15 Assistenzärztinnen an dem Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgsort, die nahezu widerspruchslos behinderte Kinder mit einer Überdosis des Schlafmittels Luminal töteten, sondern auch vier Frauen, die sich verweigerten. Die Opfer und diese widerständigen Frauen zu ehren, ist eine der Botschaften von Babel. Und er möchte zeigen, dass es auch in einem Terror-Regime möglich war, nein zu sagen und mit Zivilcourage anständig zu bleiben.

Der Kostenbeitrag an der Abendkasse beträgt sechs Euro.

Das Buch „Kindermord im Krankenhaus“ von Andreas Babel, Edition Falkenberg (Bremen), 2. Auflage 2016, 240 Seiten mit zahlreichen Fotos, 16,90 Euro, ISBN 978-3-95494-057-8.

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