Psychiater beschreibt Angeklagte als in der Persönlichkeit unreif

Kind totgeschüttelt: Geständige Mutter voll schuldfähig

Raddestorf - Als voll schuldfähig stuft der psychiatrische Sachverständige Prof. Dr. Norbert Leygraf die 25 Jahre alte Angeklagte aus der Gemeinde Raddestorf ein, die im Oktober 2018 ihrem Baby ein tödliches Schütteltrauma zugefügt haben soll.

In dem Prozess am Landgericht Verden schweigt die wegen Totschlags angeklagte Frau. Gegenüber dem erfahrenen Sachverständigen hatte sie das Schütteln ihres Sohnes zugegeben.

Weil sie im Prozess schweigt, sollte der 66-Jährige sehr ausführlich über all das berichten, was die Angeklagte ihm geschildert hat. Dreimal hatte er ihr für die Untersuchung in der Justizvollzugsanstalt einen Besuch abgestattet. Mit einem freundlichen Lächeln sei er von ihr begrüßt worden, berichtete Leygraf. „Bei der Frage, wie es ihr geht, geriet sie ins Weinen. Doch es wirkte aufgesetzt, zumal sich keine Träne zeigte. Sie fing sich aber recht rasch“, so der forensische Psychiater zu Beginn seiner Aussage. Dies entspreche dem, wie man die Angeklagte immer wieder in dem Prozess erlebt.

Baby-Prozess: Angeklagte öffnet sich

Familie, Schule, Ausbildung, frühere Beziehungen und die Ehe mit dem Vater ihrer beiden Söhne – über all das sprach die gelernte Altenpflegerin ausführlich mit Leygraf. Ihren zwei Jahre jüngeren Ehemann habe sie als „lieb und nett“, „nie aufbrausend“ und „Familienmensch“ beschrieben. Für ihn hatte sie mit ihrer Familie gebrochen. Ihre Mutter hatte den Mann angezeigt, was später zu seiner Inhaftierung geführt hat. Er musste wegen wiederholten Fahrens ohne Fahrerlaubnis ins Gefängnis. Während eines Besuchs sei der später getötete Junge gezeugt worden, der im Juni 2018 geboren wurde.

Zum Zeitpunkt der psychiatrischen Untersuchung kannte der Sachverständige die Akteninhalte und somit alle Zeugenaussagen und die zahlreichen WhatsApp-Nachrichten, die sich die Eheleute geschrieben hatten. Die Nachrichten zeichnen ein ganz anderes Bild als das der glücklichen Familie, wie es die Angeklagte auch noch gegenüber dem Sachverständigen dargestellt haben soll.

Eine Zeugin habe die 25-Jährige als hörig bezeichnet, so der Verteidiger. „Schwierig zu definieren. Sie hat tatsächlich alles auf die Karte dieses Mannes gesetzt und hatte Schwierigkeiten, da wieder runterzukommen“, erklärte Leygraf.

Schütteln gestanden

„Immer, wenn sie an Familie gedacht hat, habe sie an zwei Kinder gedacht“, so Leygraf. Doch der Zweitgeborene schrie offenbar sehr viel. Im Prozess verlesene Chat-Nachrichten erweckten den Eindruck, dass der Vater, der selten zuhause war, den Jungen abgeben wollte. Der Psychiater beschrieb die Angeklagte als in der Persönlichkeit unreif. Sie habe ein geringes Selbstwertgefühl und keine konkrete Lebensplanung. „Sie fühlte sich alleingelassen und überfordert“, so Leygraf.

Zur Tat soll sie dem Psychiater gesagt haben, dass der Junge nicht trinken wollte und nur geschrien habe. Auf und ab sei sie in der Wohnung mit ihm gegangen. Er habe nicht aufgehört zu schreien. Dann habe sie ihn geschüttelt. „Ich weiß nicht, warum ich ihn nicht wie sonst mal fünf Minuten schreien lassen habe. Ich weiß selber nicht, warum das passiert ist. Ich hasse mich dafür“, zitierte Leygraf die Angeklagte.

Rubriklistenbild: © dpa-avis

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