Jugendliche nehmen sich Vergangenheit an und kämpfen gegen das Vergessen

„Stehen fassungslos vor den Euthanasie-Verbrechen“

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Einen Song hat „Paddy“ – Musiker, Punk und Patient im Maßregelvollzugszentrum Bad Rehburg – für die Lesung geschrieben.

Rehburg-Loccum - Von Beate Ney-Janßen. Der Euthanasie in der NS-Zeit widmet sich der Arbeitskreis Stolpersteine Rehburg-Loccum in diesem Jahr mit mehreren Veranstaltungen – und hat zu zwei Lesungen von Jugendlichen mit Texten zu diesem Thema eingeladen.

„200 Schüler, die eine Stunde lang ruhig zugehört haben – das spricht doch für sich.“ Die erste Reaktion eines Zuhörers am frühen Morgen beschreibt die Stimmung dessen, was sich im Saal des Rehburger Rathskellers abgespielt hat. Schüler aus Rehburg-Loccum, aus Uchte, Stolzenau und Stadthagen waren dorthin gekommen, um mit einem schwierigen Thema konfrontiert zu werden und eine Stunde Geschichtsunterricht zu einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte zu bekommen: zur „Euthanasie“ – der systematischen Vernichtung von geistig oder körperlich beeinträchtigten Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus.

Angefangen bei den Fakten, dem System aus Gesetzen und Verordnungen, mit dem die Nazis die Ermordung dieser Menschen rechtfertigten, über die Selbstverständlichkeit, mit der Ärzte sich diesem System fügten und ihm dienten, vom Aussortieren der Menschen, die sie für „lebensunwert“ erachteten, bis hin zum Aufdrehen des Hahns, der das Gas in die Kammern strömen ließ, reichten die Texte, die neun Schüler zusammengestellt hatten und vortrugen. „Angekreuzt und aussortiert“ ließen sie ein ums andere Mal im Chor ertönen – so funktionierte die „Euthanasie“ der Nazis.

Eingeflochten in ihren Vortrag haben sie Lebensgeschichten – wie die des Jugendlichen Benjamin Traub. Mit der Diagnose „Schizophrenie“ wurde er in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen. Sein Schicksal, unterlegt mit einem Gedicht von seinem Vater, mit Tagebuch-Eintragungen eines seiner Brüder, mit der Rekonstruktion seiner letzten Fahrt zur Tötungsanstalt Hadamar, wo er gemeinsam mit mehr als 70 Leidensgenossen nach einer „Aufnahmeuntersuchung“ in die „Dusche“ geschickt wurde, lasen die Jugendlichen ebenso vor, wie auch den Brief, den die Familie aus der „Anstalt“ zugeschickt bekam. Benjamins Tod, steht dort zu lesen, solle die Familie angesichts seiner unheilbaren Krankheit als „Erlösung“ ansehen.

Das Ende der Aktion T4, wie die „Euthanasie“ heutzutage genannt wird, läutete 1941 der katholische Bischof Graf von Galen mit einer Predigt ein, die ebenfalls in der Lesung zu hören war. Das offizielle „Euthanasie-Programm“ endete nach dieser Predigt durch den öffentlichen Druck. In Gaskammern wurden die Menschen mit Beeinträchtigungen nicht mehr geschickt – stattdessen ließen die Nazis sie verhungern, nutzten sie für Experimente oder spritzten sie zu Tode.

Schüler aus siebten bis zehnten Klassen, aus dem Gymnasium Stolzenau, dem Hölty-Gymnasium Wunstorf, der Oberschule Loccum und der Rehburger Wilhelm-Busch-Schule haben diese Texte zusammengetragen, haben am Drehbuch gefeilt, sind für zwei Tage in die Evangelische Akademie Loccum in Klausur gegangen und haben sich schließlich zu zwei Lesungen auf die Bühne gewagt. Neben dem Auftritt vor Schulklassen, haben sie sich zusätzlich einem erwachsenen Publikum gestellt. Unterstützung bekamen sie mit Martina Olbrich und Susanne von Stemm von zwei Lehrerinnen aus Stolzenau und Wunstorf.

Komplettes Drehbuch im

Internet hinterlegt

„Wir stehen fassungslos vor den Euthanasie-Verbrechen der Nationalsozialisten und kämpfen gegen das Vergessen.“ Das ist der letzte Satz der Lesung. Gegen das Vergessen ankämpfen, ist das eine, was sie mit ihrer Lesung bezwecken. Ein Plädoyer dafür, auch heute noch zu hinterfragen, wo Menschen „angekreuzt und aussortiert“ werden, hatte bereits zu Beginn der Vorstellung einer vorgetragen, der nur „Paddy“ genannt werden möchte. Einen Song hat Paddy – Musiker, Punk und Patient im Maßregelvollzugszentrum Bad Rehburg – für die Lesung geschrieben. „Bist du farbig oder krank. Bist du Moslem oder Punk. Bist auch du ein bisschen anders. Dann wirst du schnell verbrannt“, heißt es darin. Das, meinte er, sei ihm ein Anliegen gewesen. Ihn, wie auch die anderen Patienten in Bad Rehburg, hätten die Nazis damals doch gewiss angekreuzt, aussortiert und in die Gaskammern geschickt.

Das komplette Drehbuch hat der Arbeitskreis im Internet hinterlegt – zum Nachlesen oder auch zur Verwendung für Schulen und andere Institutionen, die Interesse an einer ähnlichen Inszenierung haben:

www.stolpersteine-rehburg-

loccum.de

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