Auf Spurensuche

Unterwegs mit Wolfsberater Hubert Wichmann: „Immer nur tote Tiere“

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Landwirt Friedel Kirchhoff und seine Kühe beobachten Wolfsberater Hubert Wichmann (links) bei der Spurensammlung.

Landkreis - Von Robin Grulke. Hubert Wichmann legt auf. „Das war das Wolfsbüro. Wollen Sie eben mit?“ Eigentlich hatte der 58-Jährige sich Zeit genommen, um mich an diesem Donnerstagmorgen in seinem Büro auf den aktuellen Stand zum Thema Wolf zu bringen – Pustekuchen.

Fünf Minuten später sitzen wir in seinem Wagen, auf dem Weg zum Neustädter Ortsteil Dudensen. Ein Landwirt hatte am frühen Morgen eines seiner Kälber tot aufgefunden.

„Ich bin kein Experte“, betont Wichmann immer wieder. Er ist Jäger und Förster und kennt sich gut mit Spurensammlung aus. Vor ein paar Jahren ist er nach langer Überlegung in die Rolle des Wolfsberaters hineingerutscht. 

Die Tatsache, dass ein großes Raubtier in „unsere Wälder“ zurückkehrt, war schließlich Grund genug, das Angebot des Umweltministeriums anzunehmen. Das Engagement läuft ehrenamtlich und kostet den Familienvater neben seiner Festanstellung bei den Niedersächsischen Landesforsten Zeit, die er seiner Familie und der Erziehung seines Hundes widmen könnte.

26 Risse im Landkreis seit Jahresanfang: Der Wolf ist bislang nur in 13 Fällen eindeutig als Täter nachgewiesen.

Auf der Fahrt spricht Wichmann über die 20 Wolfsrudel in Niedersachsen, mindestens eins sei auch im Landkreis Nienburg aktiv. „Roddy“ werde der Leitrüde mitunter genannt, weil er zwischen Rodewald, Steimbke und Eystrup unterwegs ist. Er schart womöglich eine Fähe (weiblicher Wolf) sowie Jägern und Landwirten zufolge auch noch mehrere Jungtiere um sich.

Im Gespräch geht Wichmann grundsätzlich Fragen aus dem Weg, deren Beantwortung ihn parteiisch erscheinen lassen könnte. Sind Kinder in Gefahr? Ist Nienburg ein Problemlandkreis? „Puuh, das ist schwierig.“ Das letzte, was er will, ist, die öffentliche, zumeist hitzige Debatte anzufeuern. 

„Es ist schlimm, dass die starken Gegensätze die Diskussion bestimmen“, klagt er. Die „schweigende Mehrheit“ vertrete ohnehin keine der polarisierten Ansichten „Wolf rein“ oder „Wolf raus“. Die Erfahrung hat der Berater auch im persönlichen Kontakt mit Viehbesitzern gemacht: Der Großteil halte die Situation für weniger bedenklich, als oft dargestellt.

Verwunderung und ein Hauch von Faszination

Hubert Wichmann

Das Kalb, das an diesem Morgen mit offenem Brustkorb auf der Weide von Familie Kirchhoff liegt, ist keine 24 Stunden vor unserem Eintreffen auf die Welt gekommen. Das Muttertier hat mehrere Schrammen davongetragen, ist sonst aber mit dem Schrecken davongekommen. „Wir dachten, Steimbke ist weit weg“, sagt Senior Friedel Kirchhoff leise. Ein Schock ist ihm aber nicht anzusehen, eher Verwunderung und ein Hauch Faszination.

Auf der Wiese schaut Hubert Wichmann sich den zerfleischten Kadaver an, macht Fotos und sammelt mit einem Wattestäbchen DNA-Spuren. „Soviel frisst kein Fuchs“ – ein nüchternes Fazit. Eindeutige Schleifspuren, die typisch für einen Wolfsriss sind, findet er nicht. Auch Zeichen eines Kehlbisses sucht er vergebens.

Ob es sich um einen Unfall oder Riss – und wenn ja, von welchem Tier – handelt, findet der Wolfsberater nicht selbst heraus. Natürlich, Wichmanns Erfahrung ermöglicht ihm in den meisten Fällen eine Hypothese. Ob die zutrifft, weiß er aber erst, wenn das Wolfsbüro und das Forschungsinstitut Senckenberg in Wilhelmshaven den Bericht und die DNA-Spuren ausgewertet haben. „Vorher ist alles Spekulation.“

Einen Anspruch auf Entschädigung gibt es nicht

Während der Wolfsberater die Weide abgeht, erklärt er Kirchhoff den gängigen Ablauf: mehrere Wochen Wartezeit, gegebenenfalls eine Bestätigung, dass es sich um einen Wolfsriss handelt – und dann die Möglichkeit, vom Land entschädigt zu werden. Einen Anspruch auf das Geld gibt es nicht. Es handelt sich dabei um eine sogenannte Billigkeitsleistung – und die ist freiwillig.

Doch das scheint ohnehin keine große Rolle zu spielen. Vielmehr sorgt Kirchhoff sich um seine Tiere. Das Kalb und die Mutter waren auf der Weide, weil sie nach der Geburt gemeinsam Zeit im Freien verbringen sollten. „Unter diesen Umständen müssen die Tiere ab jetzt sofort rein.“ Zäune, die Raubtiere abhalten, könnten auf derart großen Flächen kaum eingesetzt werden, sagt Wichmann: „Dann sieht die Landschaft aus wie ein Hochsicherheitstrakt, und das ist auch nicht im Sinne des Naturschutzes.“

Ärger über umständliche Bürokratie

Bevor es zurück ins Büro geht, füllt Wichmann noch ein Formular aus. Was für ein Zaun begrenzt die Weide? Wie war das Wetter? Nach 25 Rissen im Landkreis Nienburg allein in diesem Jahr, ärgert sich der hauptamtliche Förster über Zeitmangel und umständliche Bürokratie.

Und das bei hoher Belastung: Das Ehrenamt ist für ihn zu einem zweiten Hauptamt geworden, bis zu 40 Stunden kostet es ihn in der Woche. „Und immer nur tote Tiere“, ächzt Wichmann. So hat er sich den Posten damals nicht vorgestellt. Er und seine Kollegen werden immer erst dann gerufen, wenn der Riss Geschichte ist. Nach diesem Tag wirkt ihre Aufgabe auf mich wie Drecksarbeit.

Das Thema: Wölfe in Niedersachsen

Der Wolf ist seit dem Jahr 2008 wieder in Niedersachsen zu finden. Seitdem hat sich das Wildtier in weiten Teilen des Landes, von der Nordsee bis in den Harz, niedergelassen. So schätzt das Wolfsbüro des Landes Niedersachsen den Wolfsbestand Anfang des Jahres auf etwa 150 Tiere. Insbesondere Tierhalter sind von der Ausbreitung des Raubtiers betroffen und treffen mit der Anschaffung von Schutzzäunen oder Herdenschutzhunden Maßnahmen gegen Tierrisse durch Wölfe. 

In unserem Artikel „Wölfe in Niedersachsen“ geben wir einen Überblick über Daten und Fakten zum Wolf. Wir sprechen mit einem Wolfsberater, Vertretern der Landwirtschaft und der Politik und geben Verhaltenstipps, wenn es zu einer Begegnung mit dem scheuen Raubtier kommt.

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