Gutachter attestiert 26-Jährigem ungewöhnlich positive Entwicklung

Zweite Chance für psychisch kranken Gewalttäter

+
Mediengruppe Kreiszeitung

Verden - Von Wiebke Bruns. Bewährung statt Einweisung: Eigentlich wollte die Staatsanwaltschaft einen 26-jährigen Nienburger in einem psychiatrischen Krankenhaus unterbringen, doch am Ende des Sicherungsverfahrens am Landgericht Verden beantragte sie – übereinstimmend mit der Verteidigerin –, die Unterbringung unter Auflagen zur Bewährung auszusetzen. Dem folgte das Gericht.

Im Juli 2014 hatte der Mann seine damalige Freundin in Nienburg mit einem Messer am Oberschenkel verletzt. Drei Tage später stahl er eine Flasche Sekt in einem Discounter, wurde dabei ertappt, konnte jedoch fliehen. Als die Polizei ihn im Stadtgebiet ausfindig machte, widersetzte er sich der Verhaftung. Die Beamten setzten Pfefferspray ein und wurden später im Polizeiauto massiv von dem 26-Jährigen bedroht.

Der psychisch kranke Mann wurde dann in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht, konnte dort jedoch entweichen und wurde erst 14 Tage später wieder aufgegriffen. Nach der Entlassung tauchte er im Oktober bei seinen Eltern auf, wo es „zu erheblichen Störungen“ kam, so der Vorsitzende Richter, Jürgen Seifert.

Die massiven Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zu Beginn des Verfahrens, dass der Beschuldigte seine Mutter gewürgt und mit dem Tod bedroht habe, bestätigten sich jedoch nicht. Allerdings war sie aus Angst vor ihrem Sohn ins Badezimmer geflüchtet und hatte von dort Hilfe alarmiert. Der 26-Jährige war bei der Tat erheblich alkoholisiert. Wieder in der Klinik kam es zu einer Auseinandersetzung mit einem anderen Patienten, dem er mit einem Faustschlag das Jochbein brach.

Während des Verfahrens am Landgericht befand sich der Beschuldigte auf Grund einer vorläufig geltenden Anordnung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Es ging vor Gericht nicht um eine gerechte Strafe, sondern wegen einer angenommenen Schuldunfähigkeit um die Frage der Unterbringung in einem Krankenhaus. Die Voraussetzungen dafür lagen vor. Ein Sachverständiger diagnostizierte eine paranoide Schizophrenie bei dem 26-Jährigen. „Die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit war mit Sicherheit eingeschränkt, mit großer Wahrscheinlichkeit aufgehoben“, so der Richter Seifert.

„Gewalttaten versetzen die Bevölkerung in Angst und Schrecken, dem muss bestmöglich entgegengewirkt werden“, betonte der Vorsitzende. Es geht um mehrere Fälle von Körperverletzung in einem relativ engen zeitlichen Zusammenhang. Darüber hinaus sei nichts an Gewaltdelikten bekannt, so Seifert.

Der psychiatrische Sachverständige hatte dem Angeklagten eine ungewöhnlich positive Entwicklung in der derzeitigen Unterbringung bescheinigt. „Sie haben die Zeit genutzt und offenbar erkannt, dass sie sich der Erkrankung stellen müssen“, so Seifert. Das Gericht hielt es für vertretbar, dass die Unterbringung unter strengen Auflagen zur Bewährung ausgesetzt wird.

Der 26-Jährige muss in einer speziellen Einrichtung wohnen, den ärztlichen Anweisungen folgen, Medikamente nehmen und darf keinen Alkohol oder sonstige Rauschmittel konsumieren. „Wenn Sie dagegen verstoßen, müssen Sie mit einem Widerruf der Bewährung rechnen und der dann folgende Aufenthalt in der Psychiatrie kann verdammt lange dauern“, warnte Seifert den Nienburger.

Mehr zum Thema:

Apotheke auf dem Balkon: Heil- und Würzpflanzen für den Topf

Apotheke auf dem Balkon: Heil- und Würzpflanzen für den Topf

Stadt, Land, Fluss rund um Hameln

Stadt, Land, Fluss rund um Hameln

Mit Streetart-Touren die etwas andere Kunst entdecken

Mit Streetart-Touren die etwas andere Kunst entdecken

Perfekte Podolski-Party: Traumtor und Sieg gegen England

Perfekte Podolski-Party: Traumtor und Sieg gegen England

Meistgelesene Artikel

70-Jähriger in Nienburg vermisst

70-Jähriger in Nienburg vermisst

Weil andere ihre Haare dringender brauchen als sie

Weil andere ihre Haare dringender brauchen als sie

Zugverkehr zwischen Bremen und Hannover gestört 

Zugverkehr zwischen Bremen und Hannover gestört 

Chefarzt gibt an, sich nicht zu erinnern

Chefarzt gibt an, sich nicht zu erinnern

Kommentare